Herzensmusik: Warum dein Musikgeschmack dich zu dem Menschen macht, der du bist

Was hören eigentlich all diese Menschen, die man in der U-Bahn oder an der Trambahnhaltestelle mit ihren überdimensionierten beats-Kopfhörern oder den minimalistisch-weißen iKnöpfen im Ohr sieht, gerade für Musik?  Hören sie Musik nur, um die Zeit totzuschlagen? Haben sie ihr neues Lieblingslied auf Repeat gestellt? Oder hören sie vielleicht gar keine Musik, sondern ein Hörbuch?

Musik ist wohl das emotionalste Konsummedium, das uns zur Verfügung steht. „Musik kann uns Freude machen, sie kann aber auch zu negativen Gefühlen führen, zum Beispiel, wenn der Nachbar spät in der Nacht die Lautsprecher aufdreht. Manche dieser positiven oder negativen Emotionen entstehen durch einfache Bewertungsprozesse“, erklärt Hirnforscher und Musikpsychologe Professor Stefan Koelsch von der Freien Universität Berlin gegenüber der TK. Kaum ein Buch und nur wenige Filme berühren uns so unmittelbar und schlagartig, wie dieser eine Song, diese eine Liedzeile, das eine Riff, das uns in einem bestimmten Moment begegnet und das wir dann mit dieser Situation für sehr lange Zeit verbinden.

 

Musik und Emotionen

 

 

Wir lernen dieses wunderschöne Mädchen im Club kennen und können es gar nicht glauben, wie sexy und anmutig zugleich man sich zu einer Gitarre bewegen kann. Wir können es nicht fassen, wenn wir wie vom Blitz getroffen sind, als wir sie das erste Mal küssen – und im Hintergrund läuft das schönste Liebeslied aller Zeiten. Wir fühlen uns wie im Film, wenn unsere große Liebe mit uns Schluss macht und wir auf dem Heimweg durch den Platzregen laufen. Das ist schon eine bittersüße Symphonie

Und doch verliert die Musik an sich für viele mit der Zeit an Bedeutung. Denn sich mit Musik zu beschäftigen, erfordert Zeit und Mühe. Aus dem unerschöpflichen, unendlichen Überangebot der Streamingdienste, Onlinestores und Youtubevideos die Musik herauszufiltern, die uns berührt, die wir mögen, ist eine Herkulesaufgabe, der man sich immer seltener stellt. Vielleicht hört man deshalb auf die typische Kennenlernfrage „Was hörst du so für Musik?“, so oft die Antwort „Ach, das was halt so im Radio kommt“. Gemeint sind dann Formatsender wie Antenne Bayern, die den ganzen Tag das gleiche Lied spielen. „Die meiste Musik wird nach wie vor über die etablierten Formen der Musiknutzung gehört, allen voran das traditionelle Radio, das 42,1 Prozent der täglich gehörten Musik auf sich verbuchen kann“, heißt es in einer Studie vom Bundesverband Musikindustrie.

 

Veränderung des Musikgeschmacks

 

Manchmal entsteht aber doch die Erkenntnis, dass da draußen noch etwas anderes sein muss, nach dem es sich auf die Suche zu machen lohnt. Als Kind war man vielleicht Fan von den Backstreet Boys oder Britney Spears. Die erste Veränderung im Musikgeschmack erleben wir dann in der Pubertät. Wir wollen zeigen, wer wir sind und wo wir dazugehören, indem wir hören, was andere auch hören oder was sie eben gerade nicht hören. Um sich von den Eltern abzugrenzen, bot sich der Skatepunk von blink182 oder der Noiserock von The Vines an. Dazu konnte man zwar gut feiern, aber berührt hat uns das noch nicht unbedingt.

Das schafften harte Nummern von Nirvana schon eher. An Hirn und Herz richtig nah heran kommen dann Lieder, die genauso gefühl- wie kraftvoll sind. Yellow von Coldplay zum Beispiel, dessen Drive und Aufrichtigkeit mich auch nach 15 Jahren noch packt und mitreißt. Der morbide Charme von Okkervil River, mit dem wir bemerken, wie vielfältig und „deep“ Popmusik sein kann. Oder die Musik, die uns hilft über eine schwere Zeit hinwegzukommen. Everybody had a hard year.

 

Psychologische Wirkung von Musik

 

In guter Musik erlebt der Künstler stellvertretend für uns eine emotionale Maximalbelastung. Wir hören ein Lied und erkennen uns und unsere schwierige oder schöne Situation darin wieder. Das Lied wird zu unserem Lieblingslied, weil wir fast so etwas wie Liebe dafür empfinden. Eine Welt ohne dieses Lied, können und wollen wir uns nicht mehr vorstellen. Deswegen muss diese Musik auch ehrlich sein – wer will schon von seiner Liebe angelogen werden? Wir haben ein Verlangen nach dieser guten und ehrlichen Musik. Sie vermittelt uns Aufbruch und kann ein Vorbild sein. Auch Männer sind beeindruckt von der rockigen Coolness von den Mädels von HAIM.

Aber all das bleibt uns verborgen, wenn wir irgendwann beschließen, es reicht von jetzt an, nur noch das Radio einzuschalten, um neue Musik zu entdecken. Das Besondere, das Ehrliche, was uns berühren kann, findet man nicht, wenn man sich nicht ein bisschen Mühe macht und danach stöbert, wenn man schon nicht danach suchen will. Und die Situationen, mit denen wir neue Musik verknüpfen können, werden ja auch mit der Zeit tendenziell weniger, wenn wir erst mal in einer Beziehung sind und lange Jahre niemanden kennenlernen.

 

Neue Lieblingslieder

 

Wir wollen doch Neues entdecken, überrascht werden auf einem Gebiet, von dem wir bis zu dieser Überraschung dachten, es könne nichts Besseres mehr nachkommen. Neues erreichen zu wollen und sich nicht mit dem Erreichten zufriedenzugeben, das macht uns doch zu jungen Menschen. Musik soll begeistern und mitreißen und so ihre emotionale Kraft für uns nutzen. Egal ob das bei einem Konzert von Yuck, I AM KLOOT oder Hurray for the Riff Raff oder auf der neuen Platte von Sharon van Etten, Foxygen oder Phosphorecent ist. Am Ende schauen wir ohne Groll zurück und bleiben jung, solange wir neue Lieblingsbands und Lieblingslieder in unser Herz lassen und nicht anfangen zu glauben, wir hätten schon alles erreicht und gesehen.

Autor: Da die Persönlichkeit ja ohnehin ihren Weg in jede Handlung, die man tätigt, wie etwa das Schreiben eines noch so kurzen Textes, findet, von ganz alleine also erklärt, wer man ist, beschränke ich mich an dieser Stelle darauf, in einem Satz darzulegen, wie schön ich Sprache finde, dass ich Europa liebe, noch mehr aber meine Plattensammlung von formidabler Qualität sowie die Musik im Besonderen und füge noch hinzu, dass ich als Münchner Kindl auch ein echter Grantler bin, der sich vor allem über jegliche Ungerechtigkeiten echauffiert, hoffend, sie durch Journalismus wenn schon nicht zu beseitigen, so doch sie wenigstens verbessern zu können.