Scheißt auf eure Life Goals!

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Von Rebecca Naunheimer

Mit 18 wollen wir schön und pickelfrei sein. Mit 20 die erste lange Beziehung haben. Mit 25 einen tollen Job. Mit 30 Hochzeit. Und Kinder. Mit 90 tot. Aber immerhin: selbstverwirklicht!

Oft pressen wir unser Leben in kleine, unerträglich bedeutungsgeladene Abschnitte, die wir in emsigem Stakkato abarbeiten. Schnell, hastig, erreichen, ERREICHEN! Die Rede ist von Life Goals, die wir uns etappenweise aufhalsen. Warum wir uns diesen Stress machen, scheint zunächst einmal einleuchtend. Nehmen wir das mit dem Kinderkriegen: Lange Zeit waren alle versessen darauf, zuerst Karriere zu machen und dann die niedrige Geburtenrate aufzupeppeln. Jetzt liest man immer öfter, die beste Zeit dazu sei das Studium. Schon allein wegen der Freizeit und der Flexibilität, die uns ein Studentenleben im Gegensatz zum Job lässt. Auch ein Bekannter hat mir unlängst mit Nachdruck dargelegt: „Wenn du Kinder willst, dann musst du das am besten noch während deines Studiums machen!“

Und dann ist da noch die leidige Biologie: Ab 30 sitzt den Frauen das Gespenst der Unfruchtbarkeit im Nacken. Auch die Omnipräsenz der Angst vor Bevölkerungsalterung macht es nicht besser. Egal, ob nun während oder nach dem Studium, das Ergebnis dieser Aufrufe ist: Wir fühlen uns gezwungen, den ganzen Scheiß mit einer akkuraten Organisation unseres Lebensverlaufs zu bewältigen.

 

Und alles nur, weil wir Angst haben, etwas zu verpassen

 

Wir wollen ja keine Chance verpassen, das beste Leben zu leben, das es zu leben gibt. Diese Philosophie gilt sicher auch für das Studium oder den Job unserer Träume. Denn wir wollen ja nicht zu den 231.780 Arbeitslosen Deutschen unter 25 gehören, die Statista im Oktober 2014 gezählt hat. Und auch nicht zu den rund 5 Prozent, die in einem Job feststecken, der ihnen keinen Spaß macht. Die augenscheinliche Lösung: Eng getaktete Lebensziele. „By knowing precisely what you want to achieve, you know where you have to concentrate your efforts“, schreibt die Beraterseite „Mind Tools“. Und das muss wohl stimmen, schließlich werben Angebote wie dieses mit einer „excellent career“, einem „excellent CV“ – einem „excellent life“.

 

Der verdammte Durchschnittsdeutsche

 

Wie dringend wir so ein exzellentes Leben haben wollen, hört man im Zusammenhang mit der berüchtigten Generation Y immer wieder. Uns treibt der Wunsch nach Selbstverwirklichung und die Angst, etwas zu verpassen. Die Angst, eine falsche Abbiegung zu nehmen und sich Chancen zu verbauen, die Andere genutzt haben. Stichwort: Gesellschaftliche Erwartungen. Diabolischer Inbegriff dieser Erwartungen ist wohl der Durchschnitt. Und wie uns das Statistische Jahrbuch 2014 aktuell höchst penetrant unter die Nase reibt, gibt es davon in Deutschland jede Menge.

Dreiviertel aller Erwerbstätigen in Deutschland waren 2013 als Dienstleister tätig. 3,6 Prozent der Deutschen unter 25 leben in einer Partnerschaft und in einem gemeinsamen Haushalt. Das durchschnittliche Heiratsalter lag im Jahr 2012 bei 37, 7 Jahren. 235.100 der Deutschen unter 45 sind promoviert und haben damit einen festen Job. Das Durchschnittsalter zum Kinderkriegen lag 2012 bei 30,7 Jahren. Ach ja und 1.685 Deutsche sind 2012 im Alter zwischen 30 und 35 gestorben.

 

Wir schaden uns damit nur selbst

 

Wie sehr wir uns mit einer solchen Haltung eigentlich selbst schaden, unterstreicht jetzt eine US-Studie aus Princeton. Diese zeigt, dass Menschen am Ende eines Lebensjahrzehnts und vor dem Abgrund unerreichter Etappenziele zu extremen (Kurzschluss-)Handlungen neigen. „Mit 29, 39 oder 49 Jahren werde stärker darüber gegrübelt, ob das eigene Dasein sinnvoll und ausgefüllt ist“, fasst die Welt die Studienergebnisse zusammen. Die Folge sind Sinnkrisen, überdurchschnittlich viele Seitensprünge und Selbstmorde im Alter der „Neun-Ender“. Weniger dramatische, aber sicher genauso bedauernswerte Auswüchse dieser Torschlusspanik sind Jura-Studenten, die kurz vor dem Staatsexamen auf eine Selbstfindungsreise nach Asien gehen oder – Grauen um Grauen – betrunkene Mallorca-Touristinnen Ende 50.

Am Ende ist es doch auch so: Das Leben spielt, wie es will, so sehr wir es auch zu lenken versuchen. Eine Freundin beispielsweise hat während ihres Studiums ein Praktikum gemacht – nicht einmal, weil sie sich besonders für die Branche interessiert hätte. Es war ein Pflichtpraktikum. Jetzt hat sie ihr Studium unterbrochen und arbeitet immer noch dort. Festangestellt. Völlig ungeplant. Aber zufrieden. Eine andere Bekannte hat immer Spaß am Feiern und der Unabhängigkeit gehabt, dann hat sie eines ungeplanten Tages den richtigen Partner getroffen und ist jetzt glückliche Mutter.

Ich selbst bin 21, darf mich also ohne Beschönigung zur jungen, nach Selbstverwirklichung strebenden Bevölkerung hinzuzählen und ich gebe einen Scheiß auf eng getaktete Lebensziele. Eine Richtung, in die wir uns bewegen wollen, etwa ein bestimmtes Berufsziel, das halte ich für wichtig. Aber sich jedes Jahrzehnt ein klar definiertes Ziel zu setzen, das endet nur in Frustration und Enttäuschung. Vielleicht sagt sich das noch leicht Anfang 20, aber ich habe begriffen, dass das Leben einfach passiert.

 

 

Redakteurin vom Dienst: Ich bin ein klassisches Opfer der Orientierungslosigkeit nach dem Studium. Noch bezeichnender: Bachelorette der Medienwissenschaften. Erfülle auch sonst - mit ungewolltem Schneid - viele nervige Klischees meiner Generation. Habe eigentlich immer Angst, möchte mich gerne selbstverwirklichen, am liebsten kreativ sein, mich mit Lifestyle, Subkulturen und Musik auskennen. Bin jedoch zuversichtlich, diese Klischees nach meinem Praktikum bei ZEITjUNG.de zu überwinden, wirklich Bescheid zu wissen und einen lässigeren Beschreibungstext verfassen zu können.