In der Mitfahrgelegenheit mit einem Fetisch-Fan

Plötzlich prüde

 

„Äh nein, um ehrlich zu sein nicht!“ stammele ich, erschrocken von meiner eigenen Unbeholfenheit. „Also ich finde, wir sollten da nun einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Ihr wisst ja gar nicht, was euch entgeht“, sagt Ralf. Die Pauschalisierung, dass die Beifahrerin ebenso unerfahren in solchen Dingen sei wie ich, finde ich ein wenig voreilig, kann ihrer geduckten Haltung aber deutlich ablesen, dass sie ähnlich wenig Bedarf an einem Abstecher in den Swingerclub hat. „Heute nicht.“ Krampfhaft versuche ich, einen unbeschwerten Ton anzuschlagen. Ralf redet schon weiter. „Man hat da ja immer ein völlig falschen Bild von solchen Läden. Wirklich total stilvoll und die Menschen dort – alle wahnsinnig nett und offen…“ Dass dort vor allem offene Menschen aufeinander treffen, glaube ich ihm auf Anhieb. „Wirklich, alles total zwanglos und so geschmackvoll eingerichtet und die Technik: Das Neueste vom Neuesten!“ Angestrengt schaue ich aus dem Fenster. Nicht etwa, um hinter den Bäumen das besagte Gebäude zu erkennen, sondern in der Hoffnung auf ein Loch im Boden.

Bis zu diesem Moment hatte ich mich immer für einen sehr offenen und unverklemmten Menschen gehalten. „Und ihr glaubt auch nicht was da für Leute miteinander verkehren“ – wieder der Ellenbogen in die Rippen der Beifahrerin „Verkehren. Verstehste?“ Wieder lautes Lachen. „Würde mich nicht wundern, wenn ich da schon mal jemanden aus eurem Bekanntenkreis getroffen hätte.“ „Meine Bekannten sind alle sehr selten hier im Süden – eigentlich nie“ entfährt es mir, ehe ich meinen inneren Spießer maßregeln kann.

 

Erlaubt ist, was gefällt

 

Mittlerweile haben wir Würzburg erreicht. Noch die Hälfte der Strecke. Und obwohl die Ausfahrt zum Swingerclub schon einige Kilometer hinter uns liegt, ist sie für Ralf nach wie vor sehr präsent. Er beschreibt die Räume, Angebote, Menschen und Bondage-‚Leihwaren’(!) so detailliert, dass ich kurz überlege, die Schlafende vorzutäuschen. Aber irgendwas vorzutäuschen kommt mir in diesem Moment auch fragwürdig vor. „…Es hat ja nicht alles mit Schmerzen zu tun. Das ist reine Stimulation“, fährt Ralf gerade ungefragt fort. Offensichtlich ist es mal wieder an der Zeit für eine Reaktion unsererseits, denn sein Blick schweift suchend vom Gesicht der Beifahrerin zu mir. „Erlaubt ist, was gefällt“ sage ich – sichtlich um einen selbstbewussten Ton bemüht. Automatisch schießt mir Rammsteins „Ich tu dir weh“ durch den Kopf. „Können wir vielleicht das Radio anmachen?“ Musik würde meine unreifen, verschämten Gedanken übertönen.

Ralfs Auto ist schnell und die Boxen gut – wie es sich für einen ehemaligen Profisportler gehört. Nichts holt dich so schnell aus der gedanklichen Überforderung wie ein beliebiger Pop-Mix bei 230 km/h. Den Stop-and-Go-Verkehr haben wir endlich hinter uns gelassen.

Gerade navigiere ich Ralf über den Lärm hinweg zur richtigen Ausfahrt, als er ganz begeistert kreischt: „Hier wohnst du? In dem Club da hinten finden sie besten Fetisch-Partys des Landkreises statt!“ „Jaja, unsere Region lebt für Lack und Leder.“ Da es sich hierbei nicht wirklich „meine Region“ handelt, geht mir der flapsige Ton erstaunlich leicht von den Lippen.

Nachdem ich das Auto verlassen und die Haustür hinter mir geschlossen habe, dusche ich sehr lange.

 

*Name von der Redaktion geändert

 

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