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Das Mittel gegen die Angst

Ein Plädoyer für mehr Konfrontation.

Manchmal sind es Spinnen. Oder Mäuse. Für manche ist es Geld. Andere wachen nachts schweißgebadet auf, weil sie vergessen haben, den Wasserkocher auszustecken. Die Hände werden erst kalt, dann heiß; das Herz schlägt schnell, viel schneller als normal und man will nur eines – weglaufen, weg, raus aus der Situation, in der man sich befindet.

Alle kennen sie, keiner mag sie

Jeder Mensch hat seine ganz persönliche Sammlung an Ängsten, an Befürchtungen, an Sorgen. Im Alltag lassen sie sich gut verdrängen, da hat man To-Do Listen abzuarbeiten und Freunde zu treffen, da hat man keine Zeit für Ängste. Bis sie einen irgendwann wieder einholen.

Und eigentlich ist ja nichts Schlimmes an der Angst an sich, sie kann sogar sehr nützlich sein. Sie beschützt einen vor dem Säbelzahntiger und davor, von meterhohen Klippen zu stürzen. Häufig aber, gerade im Alltag, steht sie nicht zur Seite sondern im Weg. Ob die Liebe deines Lebens vor dir steht oder du mitten in einer wichtigen Prüfung sitzt, die kleinen Stimmen im Hinterkopf hindern dich dann vor allem daran, was du eigentlich ja möchtest. Hier ist die Angst nicht nützlich, sie bringt dich nicht weiter, sie redet dir nur ein, Bescheid zu wissen und ist doch ein schlechter Lebensratgeber. Angst war mal ein Gefühl, für das man sich schämte, man rühmte sich damit, furchtlos zu sein und kletterte doch auf den 10 Meter Turm, obwohl einem dabei ganz flau im Magen wurde. Während man selbst so fleißig versucht hat, gegen die kleinen Plagegeister im Kopf anzureden, planten diese im Geheimen ihre Weltherrschaft.

Ängste dürfen nicht zum Handlungsratgeber werden

Heute klatschen sie sich wohl gegenseitig ab, haben sie es doch geschafft – sie dominieren die Politik. Ängste sind nichts mehr wofür man sich schämt, auf Ängste wird eingegangen, Ängste müssen ernstgenommen werden. Das möchte ich auch gar nicht bestreiten. Das Besorgniserregende ist jedoch der Lösungsansatz. Ängste anzuerkennen ist ein Zeichen von Stärke, diese zum Leitfaden für Handlungen oder die politische Agenda zu machen, ist falsch, weil dadurch Lösungen suggeriert werden, die nicht halten können, was sie versprechen. Ängste besiegt man nicht, in dem man eine Mauer baut. Ängste kommen von innen heraus, keine Abschottung von außen wird ihnen jemals die Stirn bieten können.

Der Auslöser ändert sich vielleicht, die Angst bleibt

Einem Menschen, der klaustrophobisch veranlagt ist, hilft es nicht, alle U-Bahnen dieser Welt lahmzulegen. Früher oder später wird er andere Auslöser für seine Angst finden; den Bus oder das heimische Wohnzimmer, das auf einmal ziemlich eng wirkt. Es gibt nur einen Weg, einer Angst die Stirn zu bieten, und der klingt so abgedroschen und einfach wie aus einem Ratgeber. Konfrontation. Sich den Ängsten stellen. Ihnen ins Auge blicken und was weiß ich, einen Kaffee mit ihnen trinken. Man kann noch so oft zehn Globuli schlucken und sich die Decke über den Kopf ziehen, irgendwann schleichen sich die Gedanken durch die Hintertür wieder herein.

Keine Mauer der Welt hilft gegen Gefühle

Heute muss sich niemand mehr mit seinen Ängsten konfrontieren, da gibt es Politiker, die versprechen, alle hinter einer Mauer abzuschirmen oder die garantieren, was niemand garantieren kann – dass sich nichts verändern wird. Aber – welch grandiose Erkenntnis – das wird es. Das meiste von dem, was der Mensch so kennt, kann morgen schon nicht mehr so sein, wie am Tag davor. Und das macht Angst. Verständlich. Den Ängsten nachzugeben, sich der Illusion hinzugeben, dass es eine einfache Lösung gibt, mit der alles beim Alten bleibt und kein Fremder in die säuberlich gepflegte Welt einbricht, ist zu kurz gedacht. Der aktuelle Umgang mit Ängsten, sie entweder zum Maß der Dinge zu erklären oder Menschen, die von ihnen geplagt sind, im Ganzen abzulehnen, ist es auch.

Ängste sind dann eine Chance, wenn man sie lässt

Wenn der Rechtspopulismus mit niedlicher Hündchenkrawatte um den Hals wieder im deutschen Bundestag sitzt; wenn jemand, der in seiner Freizeit gerne mal die komplette Frauen- und Bürgerrechtsbewegungen der letzten Jahrzehnte mit den Füßen tritt, die wichtigste Industrienation der Welt führt, dann muss sich etwas verändern. Und dann hilft es nichts, zum hundertsten Mal zu beteuern, man müsse jetzt wirklich auf die Ängste der Wähler eingehen und sich bei wichtigen Entscheidungen von ihnen leiten zu lassen. Weil Ängste nur dann eine Chance sein können, wenn man ihnen nicht nachgibt und nach ihnen handelt, sondern sich mit ihnen konfrontiert. Wenn der Klaustrophobiker merkt, dass man mit der U-Bahn deutlich schneller ans Ziel kommt. Wenn die Zukunftssorgen sich als unbegründet herausstellen. Und wenn der zum Feind erklärte Asylbewerber von nebenan doch ein ganz netter Kerl ist, mit dem man ja mal einen Kaffee trinken kann. Ängste sind eine Herausforderung für alle Seiten, aber dann muss man den verängstigten Menschen eben an die Hand nehmen und ihm zeigen; „Hey, guck mal – ist doch eigentlich ganz schön hier alles“. Weil für eine schöne Welt ist es einem wert, die Ängste zu überwinden. Wenn diese verherrlicht werden, nicht.

Sich dann doch noch mal aus dem Bett zu quälen um den Wasserkocher oder den Kontostand zu checken gibt für einen kurzen Moment vielleicht eine Sicherheit. Aber gleichzeitig ist es immer auch eine Frustration, die sich breit macht, weil man genau weiß – die Angst kommt wieder, wahrscheinlich schon am nächsten Tag. Das Gefühl hingegen, irgendwann zurückzublicken und zu merken, dass man der Angst so oft schon ins Auge geblickt hat, dass sie gar nicht mehr so groß ist wie früher – das ist unbezahlbar.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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