Mund- zu Mundschutz: der neue erste Kuss

„Küssen kann man nicht alleine“ – Das wissen wir spätestens seit Max Raabe. Von der Bedeutung des ersten Kusses während einer Pandemie.

Es kribbelt. Luftschlösser werden im Minutentakt errichtet und wieder abgerissen, eine Salve aus „Vielleicht“, „Was wäre wenn“ und „Boah, riecht sie/er gut“ schießt einem durch den Kopf und man ist erstaunt darüber, wo man überall Schweißdrüsen hat. Doch es läuft gut, erstaunlich gut, hätte-ich-nie-mit-gerechnet-gut, man vergisst alles um sich herum, eine Brise streichelt die Gesichter, die Köpfe nähern sich, die Lippen auch – und dann leckt man den eigenen Mundschutz von innen ab.

Lohnt sich das?

Klingt für die allermeisten wenig erregend. Während eine Ausgangsbeschränkung der Himmel für unersättliche Leseratten und Netflixsuchtis ist, ist sie die Hölle für alle datingwilligen und sich nach Körperkontakt sehnenden Singles. Und das ist auch gut so, denn es will wohl überlegt sein, ob und vor allem mit wem man mal eben 80 Millionen Bakterien austauscht (a.k.a. Zungenkuss).

Bei einer durchschnittlichen Inkubationszeit von 5-6 Tagen bedeutet das für das verantwortungsbewusste Mitglied einer pandemiebetroffenen Gesellschaft also, mindestens eine Woche auf jegliche sonstigen sozialen Kontakte zu verzichten und sich im Verdachtsfall testen zu lassen.

Da fragt man sich zu Recht: Lohnt sich das? Was, wenn es mit uns beiden doch gar nicht so gut passt? Was, wenn mein Gegenüber mit der Zunge den Propeller macht, das Kätzchen oder gar die orale Invasion? Wenn es eine halbe Stunde später sowieso auf nimmer Wiedersehen heißt?

Ja, Nein, Vielleicht mit Mundschutz und Mindestabstand

Die Frage, ob das neue Subjekt der Begierde wirklich so begehrenswert ist, ist auf einmal präsenter denn je. Während junge Singles beim Küssen zuvor gerne eine „fuck it, why not“-Einstellung fuhren, ist davon aktuell stark abzuraten. Was aber, wenn da jetzt doch dieser eine Mensch ist, der Herzklopfen verursacht, ein wundervolles Lächeln hat und „Rhythmus“ richtig schreiben kann?

Was knapp ist, ist wertvoll. Die meisten brauchen für diese Erkenntnis nicht zu studieren. Dass wir dieser Tage enorm selektiv mit den eigenen sozialen Kontakten umgehen müssen, hat zwei Dinge zur Folge:

1. Wir werden wählerischer

2. Wir sehnen uns umso mehr nach Körperkontakt

Ab in den DeLorean!

Ein Kuss ist demnach (wieder) sehr besonders. Während er in der vielbesagten „Emotionalen Wegwerfgesellschaft“ manchmal zum Mittel zum Zweck verkommen ist, haben wir jetzt die Gelegenheit, ihn wieder zum Selbstzweck zu erheben.

Wir haben nämlich die Chance, eine kleine Zeitreise zu machen. Für diese Zeitreise braucht ihr jedoch kein futuristisches Auto, keinen Fluxkompensator und keinen verrückten, alten Professor. Sucht euch ganz genau aus, mit wem, genießt es ganz bewusst, spürt die weichen Knie, lasst euch den Boden unter den Füßen wegreißen und freut euch darauf, euch voll und ganz fallenlassen zu können – und zack, seid ihr wieder vierzehn. Genießt die Aufregung und eure neuen „ersten Küsse“.

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Bildquelle:Pixabay unter CC0-Lizenz

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