Wieso wir vollständige Wesen sind – auch ohne Partner!

Mädchen alleine Paar Meer gemeinsam

Von Judith Strieder

Spontan wird man auf die Frage „Was sind unsere Lebensziele?“ in etwa die Antwort: „Familie, eine glückliche Beziehung und ein erfüllender Job“, geben. Die Frage, die folgen sollte: Ist diese Antwort noch zeitgemäß oder schon völlig veraltet?

Natürlich gehört eine glückliche Beziehung dazu, denkt man sich. Wer Single ist, kennt fragende Freunde, den melancholischen Sonntagsblues und das Gefühl sich irgendwie nicht vollständig zu fühlen. Es gibt massenhaft Singlebörsen, Apps, wie Tinder und andere Hilfestellungen, die uns aus dieser vermeintlichen Lebenskrise helfen können. Ein langsamer Wandel in der Gesellschaft, der Generation Y, der „Generation Beziehungsunfähig“, ist spürbar – und das ist gut so.

 

Die freie Liebe

 

Ulrike Schuster fragt in ihrem Artikel über glückliche Singlefrauen im Süddeutsche Zeitung Magazin „Ernsthaft? Wir leben im 21. Jahrhundert. Haben Frauen nicht ihre Büstenhalter verbrannt und auf High Heels gestaubsaugt, um sich von tradierten Rollenbildern und konventionellen Lebensmodellen freizumachen?“. Gute Frage!

Aber es scheint, als würde es noch einige Zeit dauern, bis neue Ansichten in den Köpfen der Menschen ankommen. Aber es passiert. Jennifer Weist, Frontfrau der Band Jennifer Rostock, schildert in einem Interview mit Visa Vie ihre Vorstellung von Liebesbeziehungen: Es ist die freie Liebe. Ihre Grundüberzeugung ist der Wunsch sich mehr auf das Zwischenmenschliche, als auf eine feste Definition zu konzentrieren. Die andere, an dieser Stelle viel Interessantere, ist die Ansicht gerne Nähe mit jemandem zu teilen, aber sich als Single-Mensch nicht weniger wertvoll und vollständig zu fühlen.

 

Bin ich liebenswert?

 

Und offensichtlich ist das ein wichtiger Teil dieses Themas: „Wert“. Sich wertvoll zu fühlen, ja vielleicht sogar liebens-wert, weil es hier gerade so schön passt. Einsam scheint ausschließlich der zu sein, der sich sein Alleinsein nicht aussucht. Und ohne Zweifel fühlen wir uns an diesem Punkt nicht gut, fast elend, unvollständig und sicher weniger liebenswert.

Es gilt außerdem zu beachten, dass in unserer Gesellschaft immer noch ein bisschen mehr möglich ist: Zu leben, zu Sein, zu unternehmen. Die eigenen Interessen rücken in den Vordergrund: Es gibt Paare, die sich keine gemeinsame Wohnung teilen, damit jeder noch für sich sein kann. Und das finden alle anderen irgendwie okay. Es scheint immer mehr Menschen zu geben, die sich ihr Singleleben entweder ganz bewusst aussuchen oder es anstreben. Sie leben in alleine um sich erst einmal selbst zu finden und sich danach auf jemanden einzulassen. Ganz und gar.

 

Unendlich viele Antworten

 

Die wunderbare Rupi Kaur, junge, erfolgreiche Autorin und Dichterin scheint hierfür, wie so oft, die passenden Worte zu finden: „I do not want to have you. To fill the empty parts of me. I want to be full on my own. I want to be so complete I could light a whole city. And then I want to have you cause the two of us combined could set it on fire.“ Hach, ja!

Es gibt also in unserer heutigen Zeit, in der immer mehr Lebens – und Beziehungsformen, nicht mehr nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft existieren, keinen Grund, sich als Individuum, das gleichzeitig nach Selbstverwirklichung strebt, unvollständig zu fühlen – auch als Single. Und weniger spontan überlegt, könnte man auf die Frage „Was sind unsere Lebensziele?“ unendlich viele Antworten geben. Wie schön!

 

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!

Bildquelle: Dimitry Zelinskiy / Unsplash.com