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Passenger: „Ich kann nicht Gelegenheitsraucher sein“

Wir tranken Pfeffi mit Passenger und plauderten über Zynismus, Zigaretten und das Älterwerden.

Wahrscheinlich hat jeder von uns seine eigene Geschichte zu „Let Her Go“. Für Mike Rosenberg aka Passenger ist es letztlich eine Story von Erfolg: Geschrieben nach einer schmerzhaften Trennung von seiner Exfreundin wurde es der Song, der ihn nicht nur an die Spitzen der Charts, sondern auch in unsere Gehörgänge katapultierte. Mit 16 die Schule abgebrochen, war er fünf Jahre lang als Straßenmusiker unterwegs und spielte abends in Pubs vor einer Handvoll betrunkener Leute. Heute füllt er Hallen und Herzen. Ich treffe den sympathischen Briten am Abend vor seinem Konzert in München. Als ich in seine Garderobe komme, ist Passenger noch vertieft in seinen Laptop: Er schaut gerade ein Fußballspiel.

ZEITjUNG.de: Cool, ist das ein deutsches Spiel oder ein englisches?

Passenger: Ein englisches. Magst du Fußball?

Ich bin wahrscheinlich das, was man einen Gelegenheitsfan schimpfen würde.

Willst du was trinken?

Danke, aber ich hab uns was mitgebracht!

Ich hole den Pfeffi raus. Er die Gläser. Saftgläser.

Oh, ich hatte extra Shotgläser mitgenommen. Aber okay, du hast es nicht anders gewollt, cheers!

Prost!

(Mike nippt erst nur an seinem Pfeffi, er kann vor einem Auftritt nicht so viel trinken, gesteht er mir. Dann kippt er das grüne Zeug doch ganz runter.)

Ist das eigentlich gut für deine Stimme oder wie pflegst du die?

Ich versuche, viel Ingwer und Zitrone zu trinken. Und ich sollte mich eigentlich immer aufwärmen…

Pfeffi trinken ist ja wie Aufwärmen. Ich habe auch gehört, du wolltest mit dem Rauchen aufhören, wie läuft das so?

Meistens ist es okay, manchmal will ich noch, aber ich glaube, ich kann nicht einer dieser Gelegenheitsraucher sein. Bei mir ist es entweder keine Zigarette oder zwanzig am Tag. Und seit zehn Monaten ist es keine.

Glückwünsch! Ist das besser für deine Stimme?

Viel besser. Als ich noch geraucht habe, wurde es am Ende einer Tour, nach fünfzehn, zwanzig Gigs echt schwer…

Ich habe aber auch das Gefühl, dass deine charakteristisch-kratzige Stimme davon sogar profitieren könnte.

Genau das habe ich auch immer gedacht. Aber als ich das erste Mal aufgehört habe, hat sich meine Stimme verändert und jetzt ist sie glaube ich besser als je zuvor – immer noch kratzig, aber stärker.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dir sei es wichtiger, als Mensch erfolgreich zu sein denn als Künstler. Es steht außer Frage, dass du dich als Musiker hervorragend entpuppt hast, aber wie denkst du macht sich der Mensch Mike Rosenberg?

Wow, gute Frage. Ich hoffe, gut. Weil ich so lange gebraucht habe, um gehört zu werden, hoffe ich, dass ich die Dinge niemals für selbstverständlich erachte. Wenn Leute sehr plötzlich berühmt werden, haben sie nichts, womit sie es vergleichen können. Sie denken einfach, so passiert es immer. Aber ich weiß, wie glücklich ich mich schätzen kann und versuche mich jeden Tag daran zu erinnern, dankbar zu sein.

Du betonst ja auch oft, wie viel du deinem Freund Ed Sheeran zu verdanken hast. Aber jetzt mal unter uns: Was kannst du besser als er?

Puh, Ed ist vermutlich genial in allem.

Irgendwas gibt es bestimmt.

Ah, ich kann besser Akzente nachmachen!

Echt? Australisch!

(mit australischem Akzent) Oh yeah, mate, I can do an australian accent. Sweet, aye?

Fantastisch. Was war eigentlich dein bizarrster Moment als Straßenmusiker?

Ich erinnere mich noch an einen Tag in Cambridge, es war ein regnerischer Mittwoch, ich spielte dort auf der Straße und keiner hörte zu, es war verdammt deprimierend. Nur eine alte Frau stand dort und aß einen Muffin, sie hörte einfach nur zu und kaute. Irgendwann kam sie zu mir her und rollte einen halb angebissenen Muffin in meinen Gitarrenkoffer. Ich weiß bis heute nicht, ob sie damit sagen wollte, das ist richtig gut, das gefällt mir, nimm diesen Muffin, oder: Ich hasse dich. (lacht)

Vielleicht sahst du hungrig aus.

Ja, vielleicht. Ich war wahrscheinlich ein bisschen dünner als jetzt.

Kommt wahrscheinlich mit dem Dasein als Straßenmusiker. Lass uns über dein neues Album “Whisper” reden. Es klingt irgendwie positiver und hoffnungsvoller als deine vorherigen Alben. Ist das vielleicht der Sound vom Erwachsenwerden, Dinge mehr zu akzeptieren, vielleicht auch sich selbst?

Ich denke, ja. Manche Songs auf der Platte sind drei Jahre alt, manche sind neuer, und das ist eine ziemlich große Zeitspanne. Aber letztendlich war es gut so, so hatte ich mehr Songs, zwischen denen ich wählen konnte. Und man will den Leuten auch immer Verschiedenes geben. Als Songwriter will man ja ein Bild vom Leben zeichnen und so viele Emotionen wie möglich einbringen.
Wenn sie meine Musik hören, denken viele oft, ich bin dieser komische, traurige Kerl. Aber das bin ich nicht, ich bin sehr glücklich. Ich scheine nur viele dieser Gefühle in meiner Musik zu bündeln.

War dein 30. Geburtstag dieses Jahr da irgendein Meilenstein für dich?

Ich glaube, viele flippen angesichts ihres Dreißigsten aus. Ich nicht. Wenn mir jemand mit 27 gesagt hätte, dass ich mit 30 all diese verrückten Dinge geschafft hätte, wäre ich erstaunt gewesen. Ich bin sehr stolz auf das, was ich erreicht habe und es fühlt sich richtig an, 30 zu sein. Ich habe keine Angst davor, älter zu werden.

In “All the little lights”, hast du noch darüber gesungen, wie zynisch wir mit dem Alter werden und dass jedes Mal, wenn etwas Schlechtes passiert, ein Licht in uns ausgeht. Wie viele Lichter brennen noch in dir?

Genau sechs (grinst). Ja, es wird langsam verdammt knapp, also sei nett zu mir.

Ich bin nett! Ich habe dir doch Pfeffi mitgebracht.

(lacht) Ha, stimmt! Mit jedem Schluck davon geht ein Licht in mir wieder an.

Wir haben schon darüber geredet, dass die meisten deiner Songs sehr traurig sind. Ich habe immer das Gefühl, Schmerz ist ein unglaublicher Motor für Kreativität. Viele Künstler glauben sogar, dass sie nur schaffen können, wenn sie unglücklich sind. Wie siehst du das?

Ich denke, da ist jeder anders. Ich kann bis ans Ende meines Lebens traurige Songs schreiben. Aber ein fröhliches Lied, das nicht kitschig oder albern klingt, ist sehr schwer hinzubekommen. Vor allem in diesem Genre – wenn man Reggae macht, ist das natürlich was anderes, auch im Pop.

In „Whispers“ gibt es diese eine Zeile: “All I want is a whisper in a world that only shouts”. Sind wir so beschäftigt damit, unser Leben zu leben, dass wir darüber vergessen, worum es wirklich geht? Oder was ist die Botschaft hinter diesem Song?

Es waren zwei Dinge. Ich habe dieses Lied geschrieben, als „Let Her Go“ gerade richtig durch die Decke ging und alles war so verrückt – in vielerlei Hinsicht war das toll, aber ich hatte auch großen Schiss. Jeder wollte plötzlich was von mir, mein ganzes Leben verrutschte.

Aber ich denke, es funktioniert auch auf einer größeren Ebene. Die Gesellschaft heutzutage ist so beschäftigt, wir reisen, gehen auf Festivals, sind immer auf Achse, Social Media, Technologie, flackernde Lichter, Lärm. Es passiert im Jahr 2014 nicht oft, dass man sich einfach hinsetzt und ein Buch liest, oder alleine ist ohne Smartphone. Es ist einfach eine sehr laute Zeit, in der wir leben.

Glaubst du, das ist vor allem ein Symptom unserer Generation?

Ich glaube, das betrifft jeden. Jede Generation gerät über ihre eigene Generation in Panik. Ich denke nicht, dass wir verloren sind, wir tun großartige Dinge. Aber es ist schon furchteinflößend, dass die Fähigkeit verloren gehen könnte, sich einfach mal still hinzusetzen und alleine mit seinen Gedanken zu sein.

Das sprichst du ja auch in “Scare Away the Dark” an. Was ist also dein Ratschlag für die Leute auf dem Konzert heute? Lasst die Smartphones daheim?

Ich verstehe ja, wenn die Leute Fotos machen und Erinnerungen haben wollen. Aber es muss eine Balance geben: schieß deine Fotos, dreh deine Videos, aber dann pack das Handy wieder weg und erinnere dich, wieso du dein Ticket gekauft hast. Du kannst jederzeit eine Passenger CD hören, du kannst auf YouTube gehen und meine Videos ansehen, wann immer du willst, aber dass du zu einem Gig gehst und die Musik live fühlst, passiert vielleicht ein, zwei Mal. Dafür brauchst du keine Kamera, nur deine Augen und Ohren.

Ob er mich später noch auf ein Bier sieht, fragt Passenger nach dem Interview. Nach einem fantastischen Konzert mit viel Gänsehaut und erstaunlich wenig Smartphonelicht sitzen wir also zu sechst mit Mike in seiner Garderobe, trinken Augustiner, reden über seine Knieprobleme und bringen ihm bei, wie man richtig „Gänsehaut“ sagt. Passenger führt stolz seine Deutschkenntnisse vor: „Ich habe einen Clown gefrühstückt.“

 

 

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Bildquelle: privat

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