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Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch Patriotismus?

Würden wir alle uns nur über unseren Geburtsort identifizieren, wäre die Welt für uns Menschen ein furchtbar langweiliger Ort.

Es gibt eine Reihe an Dingen auf der Welt, die mir unverständlich sind. Meist versuche ich, diese Dinge nachzuvollziehen oder verstehen zu können. Aber bei einigen scheitere ich gnadenlos. Eines davon ist der Nationalstolz, Patriotismus, die „Vaterlandsliebe“ – wie auch immer man es nennen mag, ich kann es partout nicht nachvollziehen. In einem bestimmten Land geboren zu sein, ist keine besondere Leistung. Keiner hat sich vorher ausgesucht, wo er oder sie geboren wird und darauf stolz zu sein, ist Schwachsinn. Sich über sein Heimatland zu identifizieren, verstehe ich ebenfalls nicht. Wer eine Nation mehr als einen Charakter braucht, um sich eine eigene Identität aufzubauen, ist zu bemitleiden.
Ist es nicht mehr als der Stolz doch eher die Angst davor, sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen, die einen dazu bringt, sich mit unveränderbaren Begebenheiten zu identifizieren? Ist Identität nicht eine der wenigen Dinge im Leben, die man wirklich selbst beeinflussen und bilden kann? Die eigene Identität ist das, was jeden Menschen zu einem Individuum macht. Sie ist das, was unsere Welt zu einer vielfältigeren macht. Würden wir alle uns nur über unseren Geburtsort, unser biologisches Geschlecht und unsere groben äußerlichen Merkmale identifizieren, wäre die Welt für uns Menschen ein furchtbar langweiliger Ort.

 

Und was sagt die AfD dazu?

 

Eine Partei hier in Deutschland wirbt besonders gerne mit dem Patriotismus und versucht diesen in ein positives Licht zu rücken. Auf der Website der Alternative für Deutschland NRW findet man einen Artikel von Berengar Elsner v. Gronow, in dem Patriotismus in Gefühlspatriotismus und Verfassungspatriotismus unterteilt wird. Der Gefühlspatriotismus wird hierbei mit Heimweh verglichen. Die „Heimatliebe“ mit dem kindlichen Gefühl des Heimwehs gleichzusetzen, finde ich anmaßend. Haben wir nicht alle mal ein bisschen Heimweh?

Deshalb muss man nicht gleich Patriot sein. Ich habe auch manchmal Heimweh. Das hat jedoch nichts mit den Traditionen oder Bräuchen meiner Heimat zu tun, wie das in dem Aufsatz dargestellt wird. Mein Gefühl des Heimwehs entsteht durch das Fehlen der Menschen, die ich liebe und durch Dinge, die mir in diesem Moment fehlen: Meine Familie, meine Freunde, manchmal auch meine Wohnung oder mein eigenes Bett.

Ich möchte gar nicht behaupten, dass man sich nicht an der Kultur des eigenen Landes erfreuen sollte. Jedoch empfinde ich Kultur als etwas, das ständig in Bewegung ist. Kultur hinterfragt sich ständig selbst, entwickelt sich neu und nimmt Veränderungen und Neuzuwachs mit auf. Die vermeintliche Kultur, von der ein Patriot spricht, ist keine Kultur, sondern der Glaube an festgefahrene und veraltete Rituale, die unserer heutigen Lebensweise nicht mehr gerecht werden können. In dem Aufsatz ist neben Bräuchen und Traditionen auch von „der Wertschätzung des Gewohnten und Liebgewonnenen“, wie der Landessprache und dem eigenen Umfeld, die Rede. Ein Patriot wirkt also der Entwicklung seines Landes entgegen. Klasse!

Nebenbei hat er auch noch eine realitätsferne Vorstellung von Sprache. Ebenso, wie eine Kultur, entwickelt sich auch eine Sprache, ein Land und dessen Bewohner stets weiter, und das nicht erst seit gestern. Keine der im Aufsatz genannten Thesen hat irgendetwas mit „Gewohntem“ zu tun und kann somit auch seine „Wertschätzung des Gewohnten“ nicht begründen. Der Autor selbst ist der Überzeugung, dass dieser Patriotismus ein menschliches Grundbedürfnis darstellt, das „ignoriert und für überholt und nicht mehr wünschenswert angesehen [wird].“ Die aktive und passive Gegenbewegung dazu nennt er einen „bedauerliche[n] Trend der Zeit.“. Dass es sich eben nicht um einen „Trend“ handelt, sondern Kultur, Menschen, Sprache und Nationen sich seit ihrer Existenz immer verändern und immer wieder neu überdacht werden, scheint der AfD unbekannt zu sein.

 

Multi-Kulti for the Win!

 

Bleiben wir erstmal beim Thema Kultur. Die AfD scheint eine unverständlich große Zuneigung dem einfältigen Begriff „Leitkultur“ gegenüber zu hegen, wenn von deutscher Kultur die Rede ist. Auf der gegenüberliegenden Seite steht, laut der AfD, die Multi-Kultur, – oder der „Multikulturalismus“, wie sie es gerne nennen – die die Partei entschieden ablehnt. Laut dem aktuellen Programm der AfD gefährde diese Multi-Kultur angeblich unseren Staat: „’Multi-Kultur‘ ist Nicht-Kultur.“ Diese Multi-Kultur könne „sogar den Zerfall eines Staates bewirken.“, heißt es auf ihrer Website. Süß. Dass „Multi-“ nämlich im Grunde nur „ein Vielfaches“ meint, scheint ebenfalls in das große Gebiet der Unwissenheit der AfD zu fallen. Multi-Kultur heißt also nicht die Verdrängung einer einzelnen Kultur, sondern der Zuwachs an Kulturen oder einfach das Wachstum einer einzelnen Kultur zu mehreren Kulturen. Hierbei geht nichts verloren, es wird dazugewonnen! Dass dabei jemand verliert, muss mir erst noch jemand beweisen.

 

Politisch korrekte Sprache lehnt die AfD ab. Geht’s noch?!

 

Weiter geht’s im AfD Programm mit der deutschen Sprache. Wenn ihr, wie ich, nicht Germanistik oder Linguistik studiert habt, könnt ihr euch trotzdem ganz easy einen Eindruck davon verschaffen, wie umfangreich die deutsche Sprachgeschichte ist, indem ihr den Wikipedia-Artikel dazu aufruft. Und ebenso seht ihr dann, dass dieser lange Artikel bis in die Gegenwart reicht und sich auch mit den Entwicklungen der letzten Jahre beschäftigt. Nach dem Überfliegen des Wikipedia-Artikels ist es mir also noch unverständlicher, wie die AfD in ihrem Programm zu folgender Schlussfolgerung kommt: „Als zentrales Element deutscher Identität will die AfD die deutsche Sprache als Staatssprache im Grundgesetz festschreiben. ‚Politisch korrekte‘ Sprachvorgaben lehnen wir entschieden ab, weil sie einer natürlichen Sprachentwicklung entgegenstehen und die Meinungsfreiheit einengen.“. Wie unmöglich es ist, eine Sprache festzuschreiben, zeigen uns die ständigen Neuauflagen des Dudens mit ihren stetigen Neuerungen.

Außerdem frage ich mich, was die AfD eigentlich mit einer „natürlichen Sprachentwicklung“ meint und wieso politisch korrekte Begriffe nicht darunter fallen. Eine Sprache passt sich in ihrer Entwicklung an den Fortschritt der Menschen und der Gesellschaft an. Themen, die neu diskutiert oder das erste Mal thematisiert werden, müssen immer zuerst ihre eigene Sprache oder neue sprachliche Umgangsformen finden, damit sie diskutiert werden können. Das beste Beispiel dafür ist jede neu aufkommende Wissenschaft, die immer zuerst eine neue Sprache (er)finden muss, damit man sich innerhalb der Wissenschaft überhaupt austauschen kann.

In unserer heutigen Zeit wird viel über Diskriminierung gesprochen und zum Glück immer offener darüber diskutiert, sodass eine größere Aufmerksamkeit für Lebensformen geschaffen wird, die zuvor von einigen Menschen abgelehnt oder nicht beachtet wurden. Genau über diese Aufmerksamkeit und die neue Art, wie wir nun darüber diskutieren und sprechen können, offenbart sich fast allen Menschen die Notwendigkeit der Weiterentwicklung unserer Sprache. Nur eben der AfD nicht. Auf diese Art und Weise kommt es zu neuen, politisch korrekten Begriffen. Diese symbolisieren eine Toleranz allen Menschen gegenüber und gehen entschieden gegen Diskriminierung vor. Doch die AfD lehnt sie entschieden ab.

 

Liebe Patrioten, bitte schafft euch selbst ab.

 

Weiter heißt es in dem Aufsatz: „Jeder, der mit den Zuständen in Deutschland unzufrieden ist, und diese aktiv im Sinne der Freiheit zum Besseren wenden will, ist ein Patriot.“ Meiner Meinung nach gibt es zwei Arten, die Zustände in Deutschland verändern zu wollen: Veränderung durch Neuerfindung, durch ständige Selbst Reflexion, durch Toleranz der Individualität jedes Menschen gegenüber, oder aber die Veränderung durch Rückgang.

Wenn hier von Patrioten, die Zustände verändern wollen, geschrieben wird, handelt es sich um letztere Art: Veränderung durch Rückgang. Hier soll nicht nach vorne geblickt werden, hier wird zurück geschaut auf Zustände, in denen Frauen unterdrückt wurden, in denen Menschen anderer Herkunft weniger wert waren, als Menschen, die in Deutschland geboren wurden. Hier wird zurück geschaut auf stumpfe Traditionen und vom christlichen Glauben geprägte Bräuche. Es wird an einer einseitigen, langweiligen Kultur festgehalten und an einer Sprache, die von nur zwei Geschlechtern ausgeht und dabei auch noch das eine Geschlecht über das andere stellt.

Patriotismus kann nicht nach vorne sehen, solange er sich weigert zu akzeptieren, dass Dinge, wie Kultur, Sprache, Menschen und die Umwelt sich in einem ständigen Wandel befinden. Sobald der Patriotismus dies endlich akzeptiert hat, schafft er sich zum Glück selbst ab. Patriotismus hat keinen Inhalt, er ist ein leeres Wort, hinter dem sich Menschen verstecken, die sich weigern, über den Tellerrand zu gucken.

 

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