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Polen: Das Gesetz trifft die Entscheidung

Das polnische Parlament hat in der ersten Lesung für ein vollständiges Abtreibungsverbot gestimmt. Welche Folgen hat das?

Stellt euch vor, ihr werdet viel zu jung schwanger. Innerhalb einer bestimmten Zeit könnt ihr nun zwischen dem Leben und dem Tod des Kindes wählen. Die Entscheidung liegt dabei alleine bei euch. In Deutschland haben wir die Wahl – frei, unabhängig und nur für uns. In Polen könnte den Frauen diese harte, aber trotzdem freie Entscheidung jetzt mit einem Gesetz abgenommen werden.

Denn dort könnte das Abtreibungsgesetz in sehr naher Zukunft deutlich verschärft werden. Die Idee der Verschärfung wurde durch die Bürgerinitiative „Stop Aborcji“ (dt. „Stoppt Abtreibungen!“) ins Leben gerufen, woraufhin das Sejm (dt.„Unterhaus“ – eine der beiden Kammern des polnischen Parlaments) eine Abstimmung forderte. Am vergangenen Freitag wurde der Gesetzesentwurf zum vollständigen Abtreibungsverbot im polnischen Parlament schließlich mit 267 Stimmen abgenommen. Gegen ein solches Verbot sprachen sich nur 154 der Abgeordneten aus – zu wenig, um eine Weitergabe an die jeweiligen Ausschüsse zu verhindern. Jetzt wird darüber diskutiert, ob das bis dato bereits sehr strenge Gesetz, welches Frauen nur in den Fällen von Vergewaltigung, Inzest oder Lebensgefahr eine Abtreibung erlaubt, noch strenger wird. Zusätzlich dazu soll die Schwangere bei Verstoß dieser gesetzlichen Auflagen nicht mehr „nur“ zwei Jahre Gefängnisstrafe absitzen, sondern fünf. Diese Vorfälle regen zum Nachdenken an. Welche Folgen ergeben sich daraus?

 

Kind vom Vergewaltiger oder Knast?

 

Polen ist aufgrund der dort herrschenden Strenge hinsichtlich Schwangerschaftsabtreibungen schon lange Vorbild von Abtreibungsgegnern weltweit, weshalb sich dort im Laufe der letzten Jahre Anti-Abtreibungs-Stiftungen hervorgetan haben. Mariusz Dzierzawski ist Kopf der Stiftung Pro Prawo do Zycia und erklärt sein Handeln gegenüber der WELT wie folgt: „Dass man in Polen legal Menschen töten kann, ist eine Schande. Das ist vergleichbar mit dem, was unter Hitler geschehen ist.“ Dass eine Verschärfung dieses Verbots allerdings einige schwerwiegende Folgen für die Schwangeren mit sich ziehen kann, vergessen dabei die meisten der Demonstranten, die sich auf den Straßen Warschaus gegen den sogenannten „Holocaust der Ungeborenen“ aussprechen.

Bereits das vorherrschende Abtreibungsverbot ist ein Eingriff in Privatsphäre und Freiheit der schwangeren Frau. Mit einer Verschärfung dieses Gesetzes und dem damit einhergehenden vollständigen Verbot der Schwangerschaftsabtreibung bleibt der Schwangeren schließlich keinerlei Freiheit mehr. Auch in Fällen von Vergewaltigungen und Inzest müsste die Frau in Zukunft das Kind austragen. Die einzig freie Entscheidung, die ihr schließlich noch bleibt, ist die Wahl zwischen der Geburt des Kindes – oder dem Knast. Ein bisschen wenig Freiheit, oder nicht? Genau aus diesem Grund fliehen jährlich geschätzt 100.000 Polinnen illegal in andere Länder, um dort die Abtreibung durchzuführen. In Zukunft könnte sich diese Zahl verdoppeln oder sogar verdreifachen. Frauen, die fliehen müssen, um eine freie Entscheidung treffen zu dürfen. Schockierend? Ja, ziemlich.

 

Mit Hashtags gegen das Abtreibungsverbot

 

Schockierend fanden das nicht nur wir, sondern auch viele andere Menschen, weshalb in den sozialen Netzwerken fleißig demonstriert wird. Unter dem Hashtag #czarnyprotest (dt. schwarzer Protest) demonstrieren derzeit viele Frauen in schwarzer Kleidung gegen eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in Polen und erreichen damit mediale Aufmerksamkeit. Auf Twitter hat sich der Hashtag bereits erfolgreich etabliert.

 

 

Bildquelle: Alexandru Zdrobău unter CC0 Lizenz

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