Kapitalismus: Die fetten Jahre sind (offenbar wirklich) vorbei

Postkapitalismus

Voller Tank im dicken BMW, stangenweise Marlboro und der beheizte Pool im Keller: Dass wir nicht mehr so dekadent vom Kapitalismus profitieren, wie es einige unserer Eltern und Großeltern getan haben, ist klar. Dass Systeme, früher oder später, abgelöst werden auch. Drastisch ausgedrückt: Die Ressourcen dieser Welt sind bald erschöpft und wenn eine Krise die nächste jagt, Rohstoffe wieder, wie zu Kolonialzeiten, Kriege auslösen und der Graben zwischen Arm und Reich immer breiter und tiefer wird, ist es Zeit für eine Umorientierung. Die fetten Jahre sind (offenbar wirklich) vorbei.

Der Neo-Liberalismus, den wir leben ist eine Form des Kapitalismus, die staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zulässt und nicht ablehnt. Dieser funktioniert nicht mehr, denn wenn die Mittelschicht sich abschafft und unser, manchmal mehr, manchmal weniger, hart erarbeiteter Hochschulabschluss bald vollkommen wertlos ist, verliert eine Gesellschaft langsam aber sicher das Gleichgewicht. Ungesicherte Arbeitsverhältnisse geben Menschen keinen Halt in der Gegenwart und das Gefühl ihr eigenes Leben nicht planen zu können, so die Soziologin Cornelia Koppetsch im Süddeutschen Zeitung Magazin.

Da das aber, laut Koppetsch, die Voraussetzung für ein funktionierendes kapitalistisches System sei, bleibt, drastisch ausgedrückt, eigentlich nur noch eine Schlussfolgerung: Der Kapitalismus ist am Ende. Für ein funktionierendes System brauchen arbeitende Menschen ein Minimum an Zukunftssicherheit und das Gefühl Kontrolle über das eigenes Leben zu haben. Wenn aber nicht nur kleinere Gruppen, sondern ganze Gesellschaftsschichten, diese Absicherung verlieren, droht das System zu kippen. Klingt logisch: Dass wir uns von einem ungesicherten Arbeitsverhältis zum anderen hangeln, scheint in unseren Zwanzigern ganz normal -wie aber wird es sich anfühlen, wenn es so weitergeht und uns wider Erwarten, mit spätestens vierzig doch kein Eigenheim samt glücklicher und gut versorgter Familie erwartet?

 

Das nächste Kapitel: Postkapitalismus

 

Auch der britische Journalist Paul Mason, der in seinem Buch „Postcapitalism: A Guide to Our Future“ schreibt „Capitalism is failing“, ist der Meinung, dass wir uns in den Endzügen des aktuellen Wirtschaftssystems befinden. Er ist der Meinung, dass die digitale Revolution unser kapitalistisches System gehörig umkrempeln wird – noch mehr als bisher. Unser Verständnis von Arbeit, Produktion und Wert wird sich durch den Postkapitalismus, verändern und vielleicht sogar vollkommen neu definieren. Das System der freien Marktwirtschaft wird zunächst stark angegriffen und dann vollständig verschwinden – laut Paul Mason.

Obwohl das utopische Vorstellungen sind, ist Masons Theorie abgefahren genug um sich ein bisschen genauer damit zu beschäftigen – wer ist also dieser Typ, der vom britischen Guardian als würdiger Nachfolger Karl Marxs bezeichnet wird? Paul Mason ist 55, hat einen Abschluss in Musik und Politik und wollte ursprünglich Musiklehrer werden. Er ist Gastprofessor an einer britischen Uni, arbeitet für Channel 4 und schreibt für verschiedene englische Zeitungen. Seit 2007 hat er fünf Bücher veröffentlicht – alle zu wirtschaftlichen und politischen Themen, für die er, betrachtet man mal nur seine Ausbildung, nicht wirklich qualifiziert ist. Bringt ihn vielleicht genau dieses fachfremde und universellere Wissen näher an das echte System heran und lässt ihn undurchsichtige Strukturen durchschauen?

 

 

„Copy&Paste“ macht Wissen wertlos

 

In Masons Theorie vom Postkapitalismus geht es darum, zu verstehen was Technologie bewirken kann und deren Potential voll auszunutzen. Es geht darum, sich von festgefahrenen Ideen von Werten und Wirtschaft zu verabschieden und neue Preise für Informationen und Ideen festzulegen. Denn alles was man mit einfachen Vorgängen wie „Copy and Paste“ vervielfältigen kann, ist effektiv wertlos. Man muss kein Wirtschaftsexperte sein, um zu verstehen, dass ein System, das auf verschwindenden Gütern und nicht existierendem Kapital basiert, irgendwann nicht mehr funktionieren kann.

Es sind also, nach Mason, drei Gründe, die den Postkapitalismus möglich machen: In den letzten 25 Jahren sind die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwommen. Das Hobby als Beruf ist immer öfter gar nicht mehr so weit von der Realität entfernt – junge Unternehmen, wie das Münchner Start-Up „Kuchentratsch“ schaffen es, ihre eigenen Ideen umzusetzen und Geld damit zu verdienen. Gleichzeitig versagt der Markt die Preise von Informationen richtig festzulegen, da unser System auf Knappheit basiert – während Daten und Informationen unendlich zu Verfügung stehen und unglaublich leicht zu kopieren sind. Das gilt für Musik, Bilder, Texte, Bücher und all das, was in eine E-Mail, Dropbox oder einen WeTransfer-Link passt. Momentan sind der Gegenmechanismus unseres Systems noch riesige Datenfirmen, wie Google Inc.

 

Die Gedanken sind frei!

 

Gegen diese gigantischen Konzerne spricht aber ein Grundphilosophie der Menschheit: Die Gedanken sind frei. Informationen sollten für alle frei zur Verfügung stehen, denn nur so entstehen neue Ideen. Dazu kommt, dass wir beobachten können, wie Firmen und Produkte, die sich den Regeln des klassischen Marktes widersetzen, unglaublich erfolgreich werden. Das beste Beispiel: Wikipedia – ein gemeinschaftliches Projekt, von Freiwilligen umsonst erstellt, hat das Lexikon abgeschafft und „beraubt“ die Werbeindustrie durch ihren Verzicht auf Anzeigen, jährlich um geschätzte drei Milliarden US-Dollar.

Es sind Dinge, die bereits innerhalb des alten Systems existieren, aber noch nicht ihr volles Potential ausspielen. Wir befinden uns sozusagen noch in der Aufwärmphase des Postkapitalismus und es liegt an uns, ob die Mannschaft das Spielfeld jemals betritt oder nicht.

 

Chancen für die Gen-Y?

 

Von den Gründen und Masons Theorie mal abgesehen, hört sich die Utopie des Postkapitalimus an, wie ein Wirtschaftssystem, das auf uns, die Generation Y, zugeschnitten wurde. Der Markt würde sich an uns, die einer Studie nach am besten ausgebildete und am geringsten verdienende Generation, anpassen. Gründe und Anzeichen für diese vielleicht doch realitätsnahe Utopie gibt es einige und doch können wir noch nicht wirklich in die Zukunft sehen – zu viele Hürden stellen sich einem ausgeglichenem Wirtschaftssystem in den Weg. Aber, wenn wir uns dunkel an den Geschichtsunterricht in der Mittelstufe erinnern, fällt uns ein: Auch im Mittelalter hat das Bankensystem es irgendwie geschafft den Feudalismus abzulösen und rücksichtslosen Herrschern das Zepter aus den wohlgenährten Händen zu reißen.

Still und unauffällig hat sich der Kapitalismus also in den letzten Jahren aus unserer Mitte verabschiedet. So ganz abgetaucht ist er noch nicht, dennoch könnte es sein, selbstverständlich vollkommen optimistisch gesehen, dass wir uns schon bald endgültig von der kapitalistischen Ära verabschieden können. Während Caroline Kebekus in der heute-show noch davon spricht, dass Doofe der einzige nachwachsende Rohstoff in Deutschland sind, können wir nur abwarten und hoffen, dass sich der Kapitalismus tatsächlich schon in der Verlängerung befindet und demnächst den Platz für das Potential unserer Bildung räumen wird. Was dann kommt, wird sich zeigen.

 

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Bildquelle: Thomas Brault/Unsplash