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Simon Pearce: „Toleranz ist ein sehr dehnbarer Begriff“

Im Pfeffi-Interview erzählt der Stand-Up-Comedian Simon Pearce, wie er mit Rassismus umgeht, warum ihn Übertoleranz nervt und wieso ihn das N-Wort gar nicht so sehr stört.

Simon Pearce ist Schauspieler, Kabarettist und ein Dorfkind. 1981 geboren, wuchs er als Sohn eines Nigerianers und einer Deutschen im oberbayerischen Puchheim auf und hat von seiner Zeit als „einziger Schwarzer im Dorf“ so einiges zu erzählen. Das macht er unter anderem in seinem Solo-Programm „Allein unter Schwarzen“, in dem er festzementierten Alltagsrassismus, aber auch politisch korrekte Übertoleranz gepflegt aufs Korn nimmt. Seit rund drei Jahren tritt Simon als Stand-Up-Comedian auf, arbeitet aber trotzdem sehr erfolgreich als Theater- und Filmschauspieler – zum Beispiel in der Bühnenversion von „Ziemlich beste Freunde“ im Turmtheater Regensburg. ZEITjUNG hat ihn auf ein Interview getroffen.

 

ZEITjUNG.de: Du kommst zur Zeit ganz schön rum, oder?
Simon: Stimmt. Meine Solo-Tour kommt gerade ins Rollen, und nach dem Sommer geht’s dann so richtig ab (lacht).

Wo hattest du bisher das beste Publikum?
Das Kölner Publikum bei NightWash zum Beispiel ist super. Aber eigentlich hatte ich noch nie ein wirklich „schlechtes“ Publikum – wobei ich schon feststelle, dass manche Gags besonders bei älteren Zuschauern ab und zu nicht zünden. Vielleicht gehen manche Witze ein bisschen zu sehr unter die Gürtellinie.

Was für ein Feedback bekommst du von deinen Zuschauern?
Viele sagen, dass ihnen das Lachen ab und zu im Hals stecken geblieben ist. Einige meiner Geschichten sind schon sehr drastisch, da können sich viele nicht vorstellen, was in Deutschland eigentlich tagtäglich so abgeht. Gerade in Sachen Alltagsrassismus.

Stimmt denn alles, was du auf der Bühne erzählst?
Natürlich schmücke ich alles noch etwas aus, aber die krassesten Dinge sind meistens wirklich genau so passiert. Da sind schon ein paar unschöne Sachen dabei.

Wie dein ehemaliger Kollege Kurti, der dir ernsthaft erzählen wollte, dass „die Neger“ nur Krankheiten nach Deutschland eingeschleppt haben – du für ihn aber „kein richtiger Neger“ bist und dich deshalb nicht beleidigt fühlen sollst.
Ja, das ist auch eine wahre Geschichte. Das ist schon interessant: Für ihn war ich einfach nur der Simon. Wir waren Kollegen, ich hab bayerisch geredet, deshalb war ich für ihn kein „Neger“ – das waren immer nur die anderen. Daran sieht man, dass manche Feindbilder nur in den Köpfen der Leute existieren. Meist gibt es dafür nicht mal eine Basis. Nach dem Motto: „Alle Türken klauen! Was, Achmed? Der ist cool. Aber alle anderen sind böse!“ Solche Klischees werden durch die Medien natürlich auch gerne unterstützt.

Das hast du als schwarzer Schauspieler bestimmt auch schon mitbekommen, oder?
Na klar. Ich spiele eine ganze Menge Klischee-Rollen. Das nervt zwar manchmal schon ein bisschen, aber ich versuche, das Beste daraus zu machen.

Du spielst auch auf der Bühne gerne mit Klischees. Testest du die Grenzen von Toleranz aus?
Toleranz ist ein sehr dehnbarer Begriff. Das habe ich gemerkt, als ich nach München kam – da gibt es dann Schwarze, die überall Rassismus wittern, aber selbst total homophob sind. Oder diese übertoleranten Menschen, die eine halbe Stunde darüber nachdenken, wie sie mich nennen sollen. „Farbiger stimmt nicht, Schwarzer ist ja auch nicht ganz richtig…Maximalpigmentierter?“ Furchtbar! Das finde ich noch viel beleidigender als alles andere (lacht).

Woher kommt diese überkrasse political correctness?
Ich denke, man will einfach vorsichtig sein. Aber man kann es auch übertreiben. Für mich ist „Neger“ auch nicht zwingend ein Schimpfwort. Ich höre es zwar nicht gerne, aber ich fühle mich nicht automatisch beleidigt, wenn es jemand zu mir sagt. Erstens macht der Ton die Musik, und zweitens kommt es darauf an, wer das Wort in den Mund nimmt. Wenn eine Achtzigjährige das zu mir sagt, ist das für sie eine ganz normale Bezeichnung. Vielleicht sogar eine positiv konnotierte.

Wo findet man denn heute noch den schlimmsten Rassismus? Im tiefsten Bayern oder doch im hohen Norden?
Eigentlich will ich da ja keine Vorurteile haben (lacht). Aber es stimmt schon: Je ländlicher es wird, desto größer sind die Vorbehalte. Weil es dort einfach nicht so viel „Fremdes“ gibt. Ob das jetzt aber in Niederbayern oder im Kölner Umland schlimmer ist, weiß ich auch nicht. Das hat glaub ich nichts mit dem Bundesland zu tun.

Glaubst du, dass Rassismus irgendwann ausstirbt?
Es wird auf jeden Fall immer besser, das merkt man. Mittlerweile ist es ja ganz normal, dass 80 Prozent der Kinder in einem Kindergarten einen Migrationshintergrund haben. Eine ganze Generation wächst also mit dem Gefühl auf, dass das normal ist. Deshalb bin ich da sehr zuversichtlich, dass es in Zukunft nicht mehr so viele Probleme mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus geben wird.

Allerdings ist Toleranz ja ein sehr fragiles Gebilde. Es braucht nur eine Ebola-Epidemie, und schon will niemand mehr neben einem Schwarzen sitzen.
Klar, dann geht’s wieder von vorne los. Ein Land ist eben auch nur tolerant, wenn es allen gut geht.

 

 

Simon auf Tour: hier gibt’s alle Termine.

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Bildquelle: privat

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