Reiseanleitung: Sei kein Tourist!

Don't be a tourist

Der Tourist ist eine viel erforschte Spezies. Er passt sich meist mit Socken in Sandalen und in der Länge verstellbaren Trekking-Hosen oder oberkörperfrei an seine Umgebung an. Ein besonderes Merkmal ist auch der signalrote Sonnenbrand. Forscher vermuten, er soll zur Abschreckung von Feinden dienen – die These bleibt in Fachkreisen jedoch umstritten. Als allgemein anerkannt hingegen gilt, dass er sein natürliches Umfeld in wahlweise Millionen-Metropolen oder an überfüllten Stränden findet. Im spezifischen Fall von Barcelona trifft beides zu. Sein vermehrtes Aufkommen in dieser Gegend wird häufig als Plage gehandelt. Vielleicht der Grund, warum die Seite „Don’t be a tourist“ ausgerechnet in Barcelona gestartet wurde. Auf ihrem Blog und auf Facebook rufen die Macher mit ihrer Fotokampagne dazu auf, nicht als Tourist, sondern Gast in die Stadt zu reisen.

 

Tourist, Reisender und Gast

 

Die Barcelonesen haben keinen Bock mehr auf überfüllte Straßen und ignorante Touristen, die ihr Alltagsleben in der Stadt am Mittelmeer nicht respektieren. Deshalb versuchen sie, die Eindringlinge in Besucher in Gäste umzuerziehen. Dabei unterscheiden sie drei Arten von Reisenden. Der Tourist zählt zu den nervigsten von allen: „The tourist is a person without judgment that goes with the mass looking at what he is shown, unwilling to explore or discover something new“. Der Reisende ist schon besser, muss aber auch noch einiges dazu lernen: „The travelers are more curious. They live the entire experience of the trip, staying few days and exploring the city autonomously, more or less. They carry guidebooks, but they are not a Bible“. Die Königsdisziplin aber ist es, den hohen Status des Gasts zu erreichen: „And finally, the visitor or guest. Oh, I like this one. It is the person that arrives at one place and wants to live it and savor it“.

 

Das Problem mit dem Massentourismus

 

Worauf hier, gleichzeitig spielerisch, wenn auch bissig, aufmerksam gemacht wird, ist ein Problem, welches nicht nur die Einwohner Barcelonas betrifft. Jährlich reisen circa 320 Millionen Besucher allein in die Mittelmeer-Gegend. Laut der Welt-Tourismus-Organisation soll sich die Zahl bis 2025 sogar auf 655 Millionen mehr als verdoppeln. Das ist nicht nur für die Schutzgebiete gravierend, auch das Süßwasser wird immer knapper. Hören wir deshalb auf zu reisen? Es ist immer leicht mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen, sich über Badelatschen und Sightseeing-Busse lustig zu machen. Aber ist unsere mit dem iPhone bewaffnete Weltreisegier dabei so viel besser? Es ist sicher ein erster Schritt, sich ein T-Shirt anzuziehen, den Reiseführer wegzulegen und mit offenen Augen durch die Gegend zu laufen. Der am besten angepasste Reisende unterscheidet sich kaum vom Einheimischen. Aber die Haltung, sich selbst nicht betroffen zu fühlen, verschleiert nur die Auseinandersetzung mit dem eigenen Reise-Verhalten. 

Autorin: Wenn ich mich nicht gerade durch den Großstadtdschungel schlage (oder durch den von Borneo), flüchte ich gerne in die fabelhafte Glitzerwelt des Theaters, in dunkle Kinosäle mit Flimmerleinwänden oder in das bunte Menschenmeer in Konzerthallen. Sonst komme ich aber ziemlich gut klar mit der Realität. Da gibt’s nämlich Kuchen. Ich mag Wunderkerzen und Wassermelone, freihändig Fahrrad fahren und Reisefieber. Wenn mal alles schief läuft im Leben, mach ich Kopfstand. Aber wie man wirklich miesen Schluckauf los wird, hab ich bisher noch nicht rausgefunden. Bin für jeden Tipp dankbar!