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Probier’s mal mit Ungewissheit: Trampen bis zum Atlantik

Wir sind Kontrollfreaks. Wir wollen wissen, wie alles ganz genau abläuft. Warum es ab und zu hilft, die Kontrolle über Bord zu werfen. Besonders beim Reisen.

Wie verlässt du eine Stadt? Im Auto oder mit dem Zug? Fährst du vorwärts oder rückwärts? Und lehnst du dich dabei mit dem Kopf an das Fenster, um das Vibrieren der Scheibe zu spüren? Schaust du zurück – und wenn ja, was hoffst du zu sehen? Erwartungsvoll oder enttäuscht? Gedankenverloren oder fokussiert? Schnell oder langsam? Wo befindest du dich jetzt? Und wann merkst du, dass du aufgebrochen bist?

Wir sind Kontrollfreaks. Wir planen unser Leben und wissen ziemlich genau, dass es so, und zwar genau so, verlaufen soll. Naja, zumindest haben wir eine grobe Idee. Wir wollen schon irgendwie erfolgreich sein, aber Spaß machen muss es halt auch und ja, so ein bisschen Selbstverwirklichung wär auch nicht verkehrt. Ach, und Kinder wären noch nett. Dazwischen kommt dann noch ab und zu Abenteuer und auch bei dem wollen wir uns sicher sein, dass alles so klappt, wie wir uns das vorstellen. Wir wollen klarkommen in Situationen, weil wir sie kennen. Oder wollen beeinflussen, was in ihnen geschieht. Dabei ist die Fortbewegung von A nach B, bei der von vornherein klar ist, wie sie verlaufen wird, uninspirierender als die Stewardesskostüme von Ryanair. Eine Reise mal nicht planen, sondern einfach den (viel zu großen) Rucksack aufsetzen und den Daumen raushalten – komme, was wolle. Wir können dann Reaktionsgymnastik betreiben. Dann sind Antworten keine standardisierten Tanzschrittkombinationen, die wir schon lange im Schlaf können, sondern müssen überhaupt erst mal von uns erfunden werden.

 

Probier’s mal mit Ungewissheit

 

„The best teacher is experience and not through someone’s distorted point of view“, schreibt Jack Kerouac, der Großvater aller Tramper. In seinem bekanntesten Werk „On the Road“ fängt er die Aufbruchsstimmung der Beatgeneration der 50er Jahre ein, immer unterwegs, den Blick nach vorne gerichtet, dem Ungewissen entgegen. Trampen ist gefährlich. Aber spätnächtliche Gepäckträgerheimtransporte auch. Auf andere Weise. Der Punkt ist, wenn wir kein Risiko eingehen wollen, können wir auch zu Hause bleiben. Wenn wir nicht mutig genug sind, uns von festgefahrenen Vorgaben wegzubewegen, können wir auch nichts Neues erleben. Es heißt ja nicht, dass man leichtsinnig sein muss. Ganz im Gegenteil. Vielmehr ist es eine Übung darin, rauszufinden, wann du einer Situation und einem Menschen vertrauen kannst und wann du besser auf dein misstrauisches Bauchgefühl hörst. Das kann passieren, wenn ein Cadillac vor dir hält und dessen Fahrer dir verklickern will, nein, also nach Bordeaux kann er dich leider nicht mitnehmen, aber nach Cannes umso lieber. Champagnertwinkle, Jet-Set-Bitch. Oder ein Bärtiger mit riesigem Hippielieferwagen ohne Fenster dir anbietet, dich statt auf die Autobahn lieber in den Wald mitnimmt.

Trampen ist dabei wirklich nichts Neues. Schon unsere Eltern haben es massenweise betrieben. Und wahrscheinlich auch deren Eltern. Die späten 70er und frühen 80er waren die Hochsaison der Tramper. „Inmitten europäischer Metropolen und in Orten am Ende der Welt erlangen die Wirtschaftswunderkinder mit ,Willen zur Rebellion‘ angesichts unerwarteter Wendungen, Wagenkontrollen oder Beamtenwillkür auf ihren Touren zur Zeit des Eisernen Vorhangs ,grenzwertige Erfahrungen’“, beschreibt die FAZ das Phänomen anhand einer Rezension von Maiken Nielsens „Trampen. Durch die Welt mit Neugier und Glück“.

 

Hippiekultur: Trampen als Ausdruck des Protests

 

Anfangs stand noch keine große Ideologie dahinter, außer schlichtweg die des Vorankommens, in einer Zeit, in der es zwar einen großen technischen Fortschritt gab, aber sich nicht jeder ein Auto leisten konnte. Mit dem Aufkommen der Hippiekultur wurde Trampen schließlich zum Ausdruck des Protests gegen eine Gesellschaft, in der Planung und Struktur herrschen sollten. Und heute sieht man kaum noch Anhalter den Daumen raushalten. So ein bisschen mehr 70ies Spirit kann doch nicht schaden?! Ist unsere Welt wirklich gefährlicher geworden, oder einfach nur praktischer und wir dadurch gemütlicher? Constantin Magnis schreibt für Cicero, dass wir uns aufgrund unserer vielen neuen Transportmöglichkeiten eigentlich immer mehr vom ursprünglichen Sinn des Reisens entfernen: „Weder Mitfahrzentrale, noch ICE oder Easyjet stellen reisephänomenologisch wirklich einen Fortschritt dar. Denn in der Reduktion des Reisens auf seine Kernfunktion – dem Vorankommen – wurde die Reise selbst all der Dinge entkleidet, die das Trampen noch so wunderbar machten.“

Die 2.139 Mitglieder von hitchwiki würden hier wohl zustimmen: Unsere Zeiten sind weder gefährlicher, noch gemütlicher – vielleicht ein bisschen praktischer. Auf der Seite findet man Karten von der ganzen Welt mit Infos zu Autobahnauffahrten und der Nettigkeit von Tankstellenbesitzern. Von manchen wird Trampen sogar als Sport betrieben, die nächste deutsche Trampmeisterschaft startet am 6. Juni in Aachen. Es werden auch Treffen organisiert, weil Trampen, ähnlich wie Couch Surfen, tatsächlich eine Lebenseinstellung sein kann.
 Es tut gut, es sich manchmal unbequem zu machen. Überwindung ist das Hilfreichste, was ich gelernt habe, da am Straßenrand mit Pappschild in der Hand. Danach ist es nämlich umso überwältigender, das Gefühl des Ankommens: “Nothing behind me, everything ahead of me, as is ever so on the road”, sagt Jack. Der alte Pathosbolzen. Aber recht hat er.

 

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Bildquelle: Sveta Suvorina über CC BY 2.0

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