Der Leerplan: Macht Schule dumm?

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„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“

Dieser Tweet einer 17-jährigen Schülerin sorgte im Januar deutschlandweit für großen Wirbel und führte die Nation direkt in eine weitere Diskussion über das Schulsystem. Ist das, was wir lernen, überhaupt noch zeitgemäß? Oder ist der aktuelle Lehrplan vollkommen realitätsfern?

„Nach wie vor wird Begabung mit einer guten Schulnote verwechselt“, sagt der Professor für Neurobiologie Gerald Hüther im SPIEGEL ONLINE Interview. Und tatsächlich lassen wir schon Achtjährige spüren, dass sie sich in die Leistungsgesellschaft einfügen müssen. Für gute Noten gibt es Bares – bei schlechten wird das Taschengeld gestrichen. Dabei ist die Bewertung eines Schülers durch Noten an sich eine kleine Perversion. „Schüler sind keine Wesen, die sich am Ende eines Schuljahres aus 256 Teilnoten in zehn verschiedenen Fächern zusammensetzen, die dann auf- beziehungsweise abgerundet das Zeugnis ergeben“, bringt es Arne Ulbricht in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt.

 

Vollzeitjob Schule

 

Nur wenigen Eltern ist überhaupt bewusst, wie stressig der Schulalltag für viele Kinder ist. Rund 39 Stunden pro Woche sind Kinder und Jugendliche mit schulischen Aktivitäten beschäftigt, das kommt einem Vollzeitjob sehr nahe. Zeit für Freiraum, Zeit für Familie und Freunde, Zeit für Hobbys bleibt da eigentlich nicht mehr. Stattdessen: hinsetzen, Hausaufgaben machen. „Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Kinder ein Recht auf Kindheit haben. Aber es ist Zeit, darauf hinzuweisen, dass Kinder und Jugendliche keinen Fulltime-Stundenplan wie an der Uni oder im Berufsleben haben sollten“, kommentiert der Botschafter des Deutschen Kinderhilfswerks Axel Pape die Situation. Dabei umfasst der Fulltime-Stundenplan nicht einmal alle Lebensbereiche. Der Tweet der Schülerin zeigt, wie wenig Sinn sie im Schulstoff sieht: Statt Steuertipps gibt es Schiller. Ist das noch nützlich?

Eigentlich sollten Bildungsministerien bei der Lehrplanerstellung einen stärkeren Fokus auf die Probleme legen, die uns auch nach der Schule noch beschäftigen: Wer nicht weiß, wie man eine Steuererklärung schreibt, dem hilft auch die beste Gedichtanalyse nichts. Es sind diese Dinge, mit denen man als Erwachsener zwangsweise konfrontiert wird: auf was muss ich bei einem Vertragsabschluss achten, wie finanziere ich erfolgreich mein Studium und wie fordere ich eine Schufa-Auskunft an? Es gibt hunderte Dinge, die wir brauchen, aber nie lernen. Baut die doch auch mal in den Lehrplan ein. Versmaße und Parabelgleichungen helfen uns nämlich im realen Leben nicht besonders viel.

 

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Bildquelle: Simone Meier unter CC BY 2.0