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Kann eine Sexbeziehung funktionieren?

In Filmen enden Sexbeziehungen letztendlich doch immer wieder mit Liebe. Aber sind sie auch in der Realität zum Scheitern verurteilt?

In einer regnerischen Samstagnacht fängt es an. Sie haben nicht viel geredet, wissen kaum etwas voneinander. Keine Bewunderung, keine Verliebtheit, lediglich der Wunsch, jetzt nicht alleine nach Hause zu gehen. Von da an geschieht es immer mal wieder. Manchmal verabreden sie sich, manchmal treffen sie sich zufällig am Ende einer langen Nacht im selben Klub wieder.

Alles, was sie verbindet, ist eine Art künstlich verlängerter One-Night-Stand. Eine tiefere Bindung sucht man vergebens zwischen ihnen, sie sind grundverschieden. Und vielleicht sehen sie nicht mal im Traum einen potenziellen Partner im anderen. Sexbeziehung: Das ist wohl der Begriff, der dem am nächsten kommt, auch wenn das Wort „Beziehung“ im Prinzip schon zu viel ist.

Filme wie „Freundschaft Plus“ und „Freunde mit gewissen Vorzügen“ leben uns das Konzept vor. Und zerstören gleichsam die eigens aufgebaute Illusion, dass sich lediglich zu treffen, um miteinander zu schlafen, funktionieren kann. Wiederholt Sex haben, ohne Gefühle zu entwickeln, passt scheinbar nicht ins romantische Allerweltsdenken hinein. Oder kommen wir wirklich nicht darum herum, uns irgendwann zu verknallen? Muss es immer kompliziert werden? Sind Sexbeziehungen etwa tatsächlich zum Scheitern verurteilt?

 

Liebe aus dem Labor

 

Vor über zwanzig Jahren vollzog der Psychologe Arthur Aron das wohl denkbar unromantischste Experiment mit zwei Fremden: Er ließ sie sich verlieben. Und es funktionierte. Die beiden Testpersonen heirateten wenig später und luden das ganze Labor zur Hochzeit ein. Aber wie ist es möglich, die Gefühle zweier Menschen so zu beeinflussen?

Die beiden Teilnehmer mussten sich gegenübersitzen und 36 Fragen beantworten. Der erste Fragekatalog begann recht oberflächlich: „Wann hast du das letzte Mal gesungen? Wann vor jemand anderem?“ Im zweiten mussten die Versuchskaninchen auf intimere Dinge eingehen, wie persönliche Beziehungen zu Familie und Freunden. Letztlich, im dritten Teil, ging es darum, Gemeinsamkeiten mit seinem Gegenüber zu finden und positive Dinge an ihm zu beschreiben. Als Krönung des Ganzen sahen sich die Testpersonen exakt vier Minuten lang in die Augen. Zack, verliebt! Selbstverständlich muss es auch eine gewisse Grundbereitschaft geben, sich darauf einzulassen. Aber prinzipiell scheint die wachsende Intimität, das Entdecken von Gemeinsamkeiten und sich dem anderen zu öffnen, das Tor zum Verlieben zu sein.

Und genau hier liegt eines der Probleme der Sexbeziehung: Man hat nicht einen One-Night-Stand um den nächsten, sondern sieht eine Person immer wieder. Die Gespräche, die ursprünglich nur als Überbrücker von Tür zu Bett dienen sollten, entwickeln sich oft ähnlich wie Arthur Arons Fragekataloge. Zunächst tauscht man Banalitäten aus, bis man irgendwann an den Punkt kommt, an dem man beginnt, sich sicherer zu fühlen. Und plötzlich in die Tiefe geht, vielleicht sogar nie erwartete Gemeinsamkeiten bemerkt. Sei es auch nur beiläufig.

Nach und nach enthüllt man unbewusst den Charakter des anderen. Erkennt seine Ecken, seine Kanten, seine Gefühle und Ansichten und nimmt ihn plötzlich ganz anders wahr. Die Sympathie für die Person wächst. Wie es nun mal ist, wenn man jemanden besser kennenlernt und sich das Äußere unseres Gegenübers plötzlich mit Leben füllt. Die aufkommende Sympathie verwechselt man häufig mit Verliebtheit. Oder man verliebt sich – entgegen eiserner Vorsätze – tatsächlich irgendwann. Denn Liebe ist eben auch bloß Wissenschaft.

 

Verwirrte Hormone

 

Ein weiterer potenzieller Grund des Scheiterns der gefühllosen Affäre, ist paradoxerweise das Essenzielle einer Sexbeziehung: der Sex. Und diese elendigen Hormone, die unsere Selbstbestimmtheit mit Füßen treten. Nehmen wir Dopamin: Beim Sex vermehrt ausgeschüttet, erzeugt es einen Zustand von Glück und Ausgeglichenheit. Wenn das mal keine gute Basis ist, um sich zu verlieben.

Einige von uns tun das möglicherweise wirklich. Andere verwechseln das Gefühl von Zufriedenheit und Sich-Wohlfühlen mit Verliebtsein. Denn wenn wir uns sicher, glücklich und ausgeglichen fühlen, vergessen wir schon mal ganz schnell, dass er oder sie gar nicht unser Typ ist. Dass wir uns nach einigen Minuten schon gar nichts mehr zu sagen haben. Wir gehen von der falschen Basis aus. Gewöhnlich verliebt man sich in den Charakter, das Lächeln, die Stimme. Man mag die Person. Das Sex-Ding entwickelt sich dann noch. Wer sich aber, beflügelt von der körperlichen Nähe und dem guten Sex, plötzlich verliebt, versucht sich oft krampfhaft den Charakter, das Lächeln, die Stimme geradezubiegen – und schustert sich ein Hirngespinst zusammen, das ganz anders ist, als die oder derjenige, mit dem man sich gerade zwischen den Laken wälzt.

 

„Einer will immer mehr“ und Selbstbetrug

 

Vieles spricht dagegen, dass eine Nur-Sex-Affäre funktionieren kann. Wie Alin Coen mit sanfter Stimme singt: „Einer will immer mehr“. Einer verliebt sich, will doch eine Beziehung, wird verletzt, während der andere die Vorzüge auskostet. So läuft es meistens. Dennoch kann es funktionieren. Mit schonungsloser Ehrlichkeit.

Es ist wichtig, die Fronten zu klären und das Ganze abzugrenzen, zu definieren, wenn man vermeiden will, dass einer sich verrennt und verletzt wird. Und es ist wichtig, dass man sich nicht selbst belügt. Denn wenn man sich, getrieben von der Libido, plötzlich im siebten Himmel sieht, ist das häufig reiner Selbstbetrug. Dann ist es Zeit, sich ehrlich zu fragen: Mag ich die Person für das, was sie ist, oder mag ich es mit ihr zu schlafen? Und wenn man zu dem ehrlichen Ergebnis kommt, dass man sich lediglich mit seinem Geschlechtsteil verliebt hat, und nicht etwa mit Hirn und Herz, dann ist es möglich, auch auf Dauer Sex ohne Gefühle zu haben. Auch, wenn das den Romantikern unter uns gehörig gegen den Strich geht.

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Bildquelle: Romain Toornier unter CC BY-SA 2.0

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