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Vielleicht sind unsere Eltern auch nur gealterte Teenies

Und plötzlich müssen wir aufpassen, dass sie beim Wechseln der Glühbirne nicht vom Drehstuhl fallen. Beratungsresistent, Stur und doch so Weise. So erleben wir unsere Eltern in der Pubertät.

Noch gestern hörten wir sie sagen: „Komm nicht so spät nach Hause, Schatz und verlier deine Schlüssel nicht wieder irgendwo! Mensch Kind, irgendwann verlierst du noch deinen Kopf!“ Rumms. Die Tür fiel zu und wir waren weg. Die Worte unserer Eltern auch. Links rein – rechts raus. Tja, so war das eben in der Pubertät. 

Klar, sie hatten recht: Wie oft mussten in den letzten Jahren Schlüssel neu gemacht werden, das ganze Haus auf den Kopf gestellt werden, um den Schlüsselbund schließlich, 6 Monate später, neben einem den Kältetod erlittenen Nokia 3310 in der Tiefkühltruhe zu finden.

Und heute, knapp 10 Jahre später? Heute sind wir es, die den Eltern sagen, dass sie die Lesebrille bitte immer an die gleiche Stelle legen sollen. Damit sie sie immer finden.

Viele von uns haben besonders in den letzten Wochen viel Zeit mit den Eltern verbracht. Und wir erwischen uns dabei, wie wir plötzlich die schlauen Ratschläge austeilen, die unsere Eltern nicht unbedingt hören wollen.

Und einige von uns stellen sich jetzt vielleicht einige seltsame Fragen: Sind unsere Eltern eigentlich nur gealterte Teenager? Bin ich plötzlich der*die Spießer*in mit dauergerunzelter Stirn und (selbsterteiltem) Erziehungsauftrag? Und im schlimmsten Fall: Sind meine Eltern vielleicht sogar lässiger drauf als ich?

Die Zeiten haben sich geändert

Auf einmal erlebt man den Alltag der Eltern hautnah mit. Und da kommen interessante Sachen ans Licht.

Etwa, dass der Postbote dreimal die Woche ein Amazon-Paket abliefert und – wäre nicht Corona – den eigenen Dad am liebsten mit Handschlag begrüßen würde. Man kennt sich scheinbar ganz gut. Man selbst steht daneben, ein bisschen belustigt, aber auch gleich im Moral-Apostel-Modus: „Wir sollten lieber die lokalen Geschäfte unterstützen.“ Dad nickt, lächelt und ist mitsamt der Pakete weg, bevor man sich in Tiraden über die Konsum- und Wegwerfgesellschaft verlieren kann.

Oder man sieht plötzlich, dass es die Eltern inzwischen auch mit dem Kochen nicht mehr so eng sehen. Regelmäßig Sushi und Pizza bestellen, klar mit Wein, Familienpaket. Vorbei die Zeiten gedünsteter Brokkoli-Kohlrabi-Gerichte. Scheiß Timing. Gerade jetzt, wo man selbst die positiven Auswirkungen veganer, basischer Küche für sich entdeckt hat. Liebevoll angerichtete Buddha Bowls verkommen am Tisch dann auch einfach mal zur Beilage zu den Grillwürstchen. Ihr Ernst?!

„Chill mal“

„Schau mal, was ich auf Instagram geteilt habe“, ruft meine Mutter aufgeregt und zeigt mir ein Bild von Ihren Füßen in Ihren neuesten Sandalen, auf der Sommerliege im Garten. „Gut, nicht?“ Jap. Süß, ist es ja schon irgendwie. Das Gefühl, dass sich hier was gewaltig verschoben hat wird man trotzdem nicht los. Sind wir jetzt die nervenden Eltern, die auf das unreflektierte Verhalten unsrer Pubertierenden ein Auge haben müssen? 

Aber man wird ja wohl noch was sagen dürfen, wenn die Eltern in verwaschenen hellen Jeans stundenlang im Bad stehen, dasselbe Shirt tragen wie wir und uns auf Einwände gegen seinen*ihren täglichen Konsum von Social Media nur „Chill mal“ antworten. Scrollend sitzen dabei auf dem Sofa und hebt nicht mal mehr den Kopf, um uns diesen lässigen Spruch vor den Latz zu knallen. Wir meinen es doch aber eigentlich nur gut, oder? 

„Gönn doch!“

Die können doch nicht nur noch machen, was ihnen gefällt. Motorrad fahren, Netflix und ARD-Mediathek suchten, nicht mehr Staub wischen, jeden Abend ein Glas Wein, oder 2 oder 3 …

„Gönn doch! Würdest du mal weniger Zeit mit Arbeiten verbringen und mehr relaxen, würde es auch mit der Liebe bei dir klappen! Yolo!“ 
Bäm. 2:0 für die Teenager-Parents. Ihr breites Grinsen, das sie dabei aufsetzen, stolz darauf, dass sie genau wissen was abgeht.

Und das tun sie halt einfach. Sie sind und bleiben eben unsere Eltern. Und auch wenn sie uns öfter mal nerven, mit teeniehaftem,unverantwortlichem Verhalten, wissen sie es doch meistens besser, wenn es um die wichtigen Dinge im Leben geht. 

Und hey, vielleicht gönnen wir unseren Eltern ganz laissez-faire-style ihre zweite Pubertät. Immerhin haben sie scheinbar verantwortungsbewusste Menschen herangezogen.

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