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Warum WhatsApp-Gruppen so nervig und notwendig zugleich sind

WhatsApp-Gruppen sind für uns das beste Mittel, um mehrere Menschen gleichzeitig zu kontaktieren. Bekommen wir überhaupt mit, was da passiert?

Ding – das Handy blinkt auf. Claudia-Clara hat eine neue Gruppe erstellt. Diesmal geht es laut dem Gruppennamen um das Geburtstagsgeschenk für Torben. Zuerst erklärt Claudia-Clara in einer dreiminütigen Sprachnachricht den Sinn dieser WhatsApp-Gruppe und umreißt dann kurz, welche Ideen sie für das Geburtstagsgeschenk hat. Alle anderen kommentieren, wie nützlich es ist, dass Claudia-Clara diese WhatsApp-Gruppe erstellt hat und werfen anschließend ihre Geschenkvorschläge so wild durcheinander, dass man schon wenige Minuten und 564 Nachrichten später komplett den Überblick verloren hat. Man selbst sitzt vor dem Handy und überlegt, ob man sich überhaupt noch an der Debatte beteiligen sollte. Vielleicht ist es besser, schweigend das abzunicken, was in der Gruppe beschlossen wird, und sich dann einfach mit Geld an dem Geschenk zu beteiligen. Aber auf der anderen Seite will man dann doch nicht nur der unbeteiligte Geldgeber sein – also fängt man an, die Erste der inzwischen 751 Nachrichten zu lesen.

 

Zur Organisation wurden früher Kalender benutzt

 

Ein Geburtstagsgeschenk zu organisieren, ist nur einer der Gründe, warum wir ständig in neuen WhatsApp-Gruppen eingeladen werden. WhatsApp-Gruppe für die Familie, WhatsApp-Gruppe für den Freundeskreis und WhatsApp-Gruppe, um den nächsten Partyabend zu planen. „Mit diesen Gruppen kann schnell und unkompliziert einen gut eingrenzbaren Personenkreis erreichen. Das ist ein großer Vorteil von Whatsapp“, sagt Medienwissenschaftler Jochen Koubek gegenüber ZEITjUNG. Wir erstellen diese Gruppen, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben oder um mit ihnen in Kontakt zu kommen. Oder um bestimmten Menschen einfach mal zu sagen, wie sehr wir sie mögen. Gruppenname: Why i love you. Zwischen 30 Gruppenmitgliedern fühlt man sich gleich so richtig geliebt.

Abgesehen von diesen eher mittelmäßig sinnvollen WhatsApp-Gruppen gibt es aber auch solche, die uns wirklich bei unserer Organisation helfen können. Auch wenn es nur die Wahl des Geburtstagsgeschenks ist. Wir nutzen WhatsApp-Gruppen, um uns austauschen zu können oder bestimmte Termine mit mehreren Leuten festlegen zu können. Eigentlich für alles, was die Meinung mehrerer Menschen erfordert. „Das betrifft auch Personen, von denen man räumlich entfernt ist und die man nicht jeden Tag in der Schule trifft. WhatsApp hilft sehr dabei, diese Personen zusammen zu bringen und zu koordinieren“, macht Jochen Koubek den Vorteil deutlich. Ist die Thematik klar, kann jedes Gruppenmitglied seine Meinung kundtun und auch die Meinungen der anderen kommentieren. So lange bis der Termin, die Partylocation oder eben das Geburtstagsgeschenk festgelegt ist. Auch für das schnelle Teilen von Fotos ist eine WhatsApp-Gruppe unfassbar hilfreich. Alle Bilder, die beim letzten Familientreffen entstanden sind, werden einfach in die Familiengruppe gepostet und sind dann für alle verfügbar. Mama muss schon lange nicht mehr zum Fotoladen rennen und mehrere Abzüge bestellen, dass auch wirklich jedes Familienmitglied ein Bild in den Händen hält.

Mama hatte ohnehin noch mit einigen Schwierigkeiten mehr zu kämpfen gehabt als wir heute. Dank der WhatsApp-Gruppen sind Kalender, SMS, Anrufbeantworter oder Telefonkonferenzen ziemlich hinfällig geworden. Denn an den Aufwand, die Meinung aller Freunde über das Telefon oder SMS einholen zu müssen, können wir uns nur dumpf erinnern. Und was ist noch mal eine Telefonkette? Obwohl ich schon seit 10 Jahren nicht mehr Teil einer Telefonkette gewesen bin, habe ich das Szenario noch vor Augen: Lehrer krank, alle schieben Panik. Also wird erst mal die Telefonliste aufgepackt. Mareike steht oben auf der Namensliste, also beginnt sie. Dann ruft Mareike Moritz an und Moritz informiert Bärbel. Mit dem Telefon wohlgemerkt. Feststeht: Heute geht das dank WhatsApp alles wesentlich einfach.

 

Warum nicht jede WhatsApp-Gruppe notwendig ist

 

Und trotzdem: Obwohl wir um die Vorteile wissen, verdrehen wir doch die Augen, wenn Claudia-Clara die nächste WhatsApp-Gruppe erstellt. Weil es einfach nervt. Für jede Kleinigkeit erstellt irgendjemand eine Gruppe, in der die Aktivität nach zwei Stunden ohnehin nachlässt und sich am Ende doch niemand dazu bereit erklärt, das Geschenk für Torben zu kaufen. Die Menge der verschiedenen Gruppen und Nachrichten, überfordert uns und wirkt meistens eher abschreckend, als motivierend. Auch, weil wir bei manchen Gruppennamen sofort erahnen können, was für einen Scheiß wir in der Gruppe zu lesen bekommen werden.

Noch schlimmer als die WhatsApp-Gruppe, in der Katzenvideos besprochen werden, sind die Gruppen, die aus Bequemlichkeit entstehen. Auch die Why i love you-Gruppe. Wäre ja auch zu viel verlangt, den Leuten persönlich zu schreiben. Stattdessen wird jedem Freund ein universeller Text mit ein paar Emojis vorgesetzt, über den er sich zu freuen hat. Auch andere digitale Gruppen zeugen von unserer Gemütlichkeit: Wenn wir statt unzähliger Nachrichten einfach ein paar Worte am Telefon austauschen würden, wären einige Dinge mit Sicherheit schnell besprochen. Viel schneller als es unsere WhatsApp-Generation für möglich halten würde. Denn wenn wir ehrlich sind, wissen wir genau, dass die Mehrheit dieser Gruppe irgendwie alles noch komplizierter macht.

Ein anderes Phänomen beschreibt Jochen Koubek sehr treffend: „Früher wurde der Gossip der Schule noch auf der Klowand geteilt. Das haben auch verschiedene Leute gelesen und vielleicht auch Leute, die es nicht lesen sollten. Aber es blieb immer lokal auf der Wand. Bei WhatsApp ist das anderes, es ist viel globaler. Man kann Raum und Zeit der Nachricht gar nicht mehr kontrollieren.“ Mit anderen Worten: Das lustige Bild von der letzten Party, bei dem das halbe Gesicht mit Kotze verschmiert ist, kann man ja mal posten. Das sorgt sicher für ein paar Lacher in der WhatsApp-Gruppe. Wenn man das Bild am nächsten Wochenende nicht mehr so zeigenswert findet, kann man es ja einfach wieder löschen. Aber ob jemand das Bild als so witzig empfand, es in eine andere Gruppe zu posten, weiß man nicht. Da kann man so viel löschen, wie man will. „Wenn etwas in WhatsApp steht, kann man es nachlesen, zitieren, kopieren. Und das wird auch gemacht“, erklärt Koubek.

WhatsApp-Gruppen sind für uns aber schon lange nicht mehr nur Mittel zum Austausch der gemeinsamer Partyfotos. Wir definieren uns über sie. Wir zählen durch: Ich bin Teil der Uni-Gruppe, der Freundes-Gruppe, der Familien-Gruppe und Teil der Gruppe der Sportleute. Eigentlich eine ziemlich gute Bilanz, oder nicht? Es tut irgendwie gut, dazuzugehören, auch wenn das eigentlich nur bedeutet, dass unsere Handynummer dazugehört. Klickt man sich durch die Gruppen-Medien, ließt sich das wie ein Tagebuch. Und es ist befriedigend, wenn wir uns auf ein paar Bildern selbst erkennen. Ich war dabei. Ich gehöre dazu. Aber was wenn wir aus der Gruppe austreten oder erst gar nicht eingeladen werden? Gehören wir dann nicht mehr dazu?

„Vielleicht wird es irgendwann wieder nachlassen, immer alles mit den WhatsApp-Gruppen teilen zu wollen. Genau wie bei Facebook. Das wurde auch weniger. Wenn dieses Phänomen bestehen bleibt, werden sich mit der Zeit Regeln und Umgangsformen etablieren“, meint Jochen Koubek. Vielleicht wird er damit recht behalten und die WhatsApp-Gruppen werden irgendwann nur noch für die wirklichen wichtigen Dinge genutzt. Aber bis dahin ist es schon gruselig festzustellen, wie sehr diese Gruppen unsere Kommunikation und Organisation beeinflussen. Im positiven, wie im negativen Sinne. „Wenn ihre Generation es weiter nutzen wird, dann, weil die Vorteile überwiegen“, sagt Koubek zum Schluss. Wir werden sehen. Sissy, zul. online heute um 11:45.

 

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Bildquelle: Barn Images unter CC0 1.0

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