Studium: Medizin auch mit miesem Abi

Young Couple Sitting with a Pile of Books

43.002 Bewerber, 8999 Studienplätze. Das sind die harten Fakten. Wer sich seine Zukunft gottgleich in Weiß ausmalt und Medizin studieren will, muss richtig ranklotzen: ein Abiturschnitt von mindestens 1,1 sollte schon drin sein, um gute Chancen zu haben, aber selbst mit einer 1,0 ist der Platz nicht garantiert. Es gibt schlichtweg zu viele Anwärter für den Arztberuf – da muss eben aussortiert werden.

Genau darum geht es am 9. Mai. Dann findet nämlich der Test für medizinische Studiengänge (TMS) statt; in 50 Städten sitzen dann 12.000 Bewerber vor dem sogenannten Medizinertest und hoffen, dadurch doch noch einen der begehrten Studienplätze zu ergattern. Das geht im Zweifelsfall sogar auch bei Schnitten von 2,5 oder schlechter, denn ein gutes Ergebnis im TMS wiegt eine miese Abi-Note wieder auf. Eigentlich eine ziemlich gute Idee, die Eignung eines angehenden Mediziners nicht allein von seinem Abiturschnitt abhängig zu machen. Schließlich kann jeder mal bei der Abschlussprüfung einen beschissenen Tag gehabt haben.

 

Sechs Jahre Wartezeit für den Traumberuf

 

So war es auch bei Simon*. Er versaute das Geschichtskolloquium und seine Note gleich mit dazu: 1,2 hätte es werden können, am Ende stand dann 1,3 auf seinem Zeugnis. „Klingt unbedeutend, war es aber nicht“, sagt er, „das hat mir endgültig die Chancen verhagelt, auf normalem Weg zu meinem Studienplatz zu kommen.“ In keinem Bundesland liegt die Auswahlgrenze unter 1,2.

Alternativ kann man auch warten: Durchschnittlich sechs Jahre Wartezeit sollte man für einen Medizinstudienplatz einplanen. Jedes Jahr gehen 17,5 Prozent aller verfügbaren Plätze an die Abiturbesten, genauso viele an diejenigen, die am längsten angestanden sind. Sechs Jahre Wartezeit plus mindestens zwölf Semester Studiendauer plus Zeit für die potenzielle Promotion. Da hat man die dreißig aber ganz locker überschritten, wenn man sich dann endlich Arzt nennen darf.

 

204 Aufgaben in sechs Stunden

 

Bleibt der Medizinertest. „Der Test hat den Ehrgeiz, eine Miniatursimulation der typischen Studienanforderungen zu sein“, sagt der Chefentwickler Professor Günter Trost. Dazu gehört: ein Konzentrationstest, ein Textverständnis-Test, ein Lerntest und noch vieles mehr. Insgesamt sind es neun Einzelprüfungen, die in sechs Stunden bewältigt werden müssen. „Es war richtig, richtig schwer“, sagt Simon. Bestanden hat den TMS trotzdem, sogar als einer der Besten. Ungefähr drei Monate lang habe er sich fast jeden Tag darauf vorbereitet. „Klassisches Lernen war das aber nicht, ich hab‘ eher Denksportaufgaben gelöst.“

Während der sehr knapp bemessenen Prüfungszeit – im Durchschnitt können während dieser sechs Stunden nur 60 Prozent der Aufgaben bearbeitet werden – muss man statt mit Schulwissen mit kognitiven Fähigkeiten punkten. Das ist zwar an sich kein schlechter Ansatz. Allerdings wird hier eine Frage komplett vernachlässigt: Kann der Bewerber gut mit Menschen umgehen? Immerhin muss er später Patienten behandeln können – ohne Soft Skills ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Universität Münster geht in diesem Fall mit gutem Beispiel voran. Wer sich für das Studium der Medizin entscheidet, muss ein Motivationsschreiben abgeben, einen naturwissenschaftlichen Test bestehen – und klassische Arzt-Patient-Situationen durchspielen. Dafür werden sogar Schauspieler engagiert, die mit den Bewerbern interagieren. Teuer ist dieses Verfahren allemal. Allerdings sinkt damit auch die Wahrscheinlichkeit, einen zwar supersmarten, aber sozial inkompetenten Nerd zum Arzt auszubilden.

 

Mediziner, die kein Blut sehen können

 

„So ein sozialer Test muss zu jedem Auswahlverfahren dazugehören“, findet Simon. „Vielleicht sollte man alle Bewerber auch mal kurz in die Pathologie runterschicken. Nur um zu gucken, wie die dann reagieren.“ Es gebe ohnehin zu viele Eins-Null-Studenten, die kein Blut sehen könnten. „Ein paar von denen haben noch durchgehalten, bis wir an den Leichen arbeiten mussten. Danach haben sie hingeschmissen.“ Der Mythos vom „Halbgott in Weiß“ hält sich beständig, der Beruf des Arztes genießt nach wie vor hohes Ansehen und das Gehalt kann sich meistens auch sehen lassen. Kein Wunder also, dass immer mehr Schulabgänger Mediziner werden wollen. Illusionen sollte man sich trotzdem nicht machen. „Wer denkt, dass man Medizin studieren muss, nur weil auf dem Zeugnis eine 1,0 steht, sollte sich dringend mal selbst hinterfragen“, sagt Simon. „Das ist nämlich nicht nur ein angesehener, sondern auch ein dreckiger Job mit extrem viel Verantwortung.“

 

*Name von der Redaktion geändert.

 

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Bildquelle: Studieforbund VOFO unter CC BY-ND 2.0

Autorin: Nach mehreren Jahren des Pseudo-Studierens darf ich mich mit dem atemberaubenden Titel Theaterwissenschaftlerin B.A. schmücken. Ich hab's nicht nur wegen des Geldes gemacht! Ich geh auch so wirklich gerne ins Theater. Was ich sonst noch gerne mache: Mich über Sachen aufregen, die ich sowieso nicht ändern kann, Katzen streicheln, Videospiele spielen, Gin Tonic trinken und Dinge unternehmen, die nur minimale soziale Interaktion erfordern.