Wohin gehst du, wenn du nach Hause gehst?

Haben wir eigentlich noch ein Zuhause?

„Wohin gehst du, wenn du sagst, dass du nach Hause gehst?“, fragt das Residenztheater in München mit großen roten Lettern, die sich über die gesamte Front der Spielstätte ziehen. Die Frage ist interessant, gerade jetzt: Langsam aber sicher neigt sich der Sommer dem Ende zu und alle kehren wieder zurück von ihren Reisen, vom Urlaub oder von „zu Hause“.

Die Welt ist mobil, kaum einer verbringt den Sommer am gleichen Ort. Laut dem deutschen Reiseverband verreisten 2013 über 70 Millionen Deutsche, davon knapp 70 Prozent ins Ausland. Aber bei dem Hin und Zurück ist lange nicht mehr klar, wohin wir eigentlich gehören. Die spanische Restaurantbesitzerin fährt im August zu ihrer Familie in Madrid, der deutsche Student kommt in den Semesterferien aus England heim, die Rentner, die ihren Lebensabend auf Teneriffa verbringen, besuchen die Verwandten im Schwarzwald und der ehemalige Gastarbeiter kehrt für die Ferien nach Marokko zurück.

Die Suche nach dem Lebensmittelpunkt


„Die Grenzen zwischen Tourismus und Migration haben sich auf eine seltsame Weise verwischt“, schreibt Mark Terkessidis für den Freitag. „Längst ist nicht mehr klar, wie das „zu Hause“ eigentlich funktioniert für Menschen, die hier und dort leben und an mehreren Orten anwesend und abwesend zugleich sind.“ Diese Mobilität findet nicht nur über die Landesgrenzen hinweg statt, auch innerhalb Deutschlands wird gereist und umgezogen, was das Zeug hält. Bin ich Münchnerin, oder wohne ich seit drei Jahren in München? Werde ich hier später mal arbeiten? Mache ich ein Praktikum in Hamburg und meinen Master in Berlin?

Immer unterwegs?

 

Berlin ist wohl das extremste Beispiel für den Wandel. Nach dem Mauerfall hat fast die Hälfte der Einwohner die Stadt verlassen und genau so viele neue Personen zogen neu dort hin: „In keiner anderen Stadt Deutschlands hat es einen so grundlegenden Umbruch gegeben. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat sich verändert – jährlich ziehen 120 000 Menschen her, fast ebenso viele wieder weg“, schreibt Rolf Schönball für den Tagesspiegel. Heimat definiert sich also längst nicht mehr durch Sesshaftigkeit oder die Meldeadresse im Personalausweis. Zu Hause kann sein, wo die Freunde wohnen, wo man nicht aus dem Koffer lebt, oder wo man seine Kindheit verbracht hat. Zu Hause ist nicht mehr nur ein Ort, sondern kann auf der ganzen Welt verteilt sein. Am besten erkennt man es wahrscheinlich an dem Gefühl, irgendwo angekommen zu sein.

 

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Bildquelle: Andrea Rose unter CC BY-SA 2.0.
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