Telefonieren: Freundschaft im Zeitalter der Allnet-Flat

New York Telefonieren

Wenn Katrin anruft, hupt und schreit es garantiert im Hintergrund. Sie telefoniert nämlich nur, wenn sie unterwegs ist. Ihre Zeit zu Hause nutzt sie für andere Dinge. Sie hat schließlich wenig Zeit. Sie muss noch was für die Uni machen, will Kochen und danach ins Kino. Da bleibt keine Zeit zum Telefonieren.

Deshalb erledigt sie das unterwegs – um Zeit zu sparen. Ihre Freundin Caro wartet schon seit ein paar Tagen auf ihren Rückruf, Daniel hat ihr bei Whatsapp geschrieben, dass es etwas wahnsinnig wichtiges zu besprechen gibt. Diese Gespräche in der raren Freizeit zu Hause zu führen, ist für sie undenkbar, wenn sie doch eh zwischen Fuhlsbüttel und dem Berliner Tor für 25 Minuten in der U-Bahn gefangen ist.

 

Unser aller Allnet-Flat

 

Da sie über eine Allnet-Flat verfügt, kann sie jederzeit und überall telefonieren. Und das nutzt sie aus. Dass der Empfang im Tunnel manchmal weg ist, dass sie zwischendrin mal nichts versteht, weil die Straßenmusiker so laut sind und dass sie ab und an unterbrechen muss, weil sie jemand nach dem Weg fragt, nimmt sie in Kauf. Wohlgemerkt nimmt nur sie das willentlich in Kauf. Caro und Daniel müssen es notgedrungen in Kauf nehmen.

Früher war das anders. Da kaufte die Familie dieses extralange Kabel, mit dem man das Telefon bis ins Bad mitnehmen konnte. Dort legte man sich gemütlich in die Wanne und telefonierte dann zwei Stunden lang in aller Ruhe den ganzen Freundeskreis durch.

 

Effizienz ist alles, auch privat

 

Diese Zeiten sind vorbei. Heute muss alles schnell gehen – wobei: schneller und sowieso eigentlich besser am schnellsten. Wir nutzen jede Sekunde dafür, irgendetwas zu tun. Das Telefonat, das wir mit unserer Caro und unserem Daniel führen, wird zur Belastung im engen Zeitplan. Wir wollen es nicht führen, wir müssen.

Deshalb schieben wir es irgendwo dazwischen, weil uns die Telekommunikationsanbieter die Möglichkeit dazu geben. Wir nehmen uns keine Zeit mehr dafür. Und wir nehmen uns dadurch keine Zeit mehr für unsere Freunde. Stattdessen frühstücken wir sie möglichst effektiv zwischen zwei Terminen ab.

 

Zwei Fliegen mit einer Klappe – mal anders

 

Das ist nicht im Sinne des Erfinders. Für Freunde sollten wir uns Zeit nehmen. Genauso, wie wir das für uns tun sollten. Wenn wir mal drüber nachdenken, dann müssten wir uns eingestehen, dass es uns nicht schlecht täte, in der U-Bahn einfach mal das vorbeirauschende Schwarz zu hypnotisieren oder auf dem Weg zum Arzt die Eindrücke auf der Straße in uns aufzusaugen. Ohne Whatsapp, ohne Buch, ohne Gedanken. Einfach nur runterkommen, die Minuten der Ruhe nutzen, um uns zu sammeln.

Denn dann hätten wir mehr Energie für das, was wir am Tag erledigen müssen. Dann würden wir viel effektiver arbeiten. Und dann hätten wir am Ende des Tages zu Hause in aller Ruhe noch Zeit für Caro und Daniel. Sieh es mal so: Das wär doch was …

 

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Bildquelle: Giuseppe Milo unter CC by 2.0