Thirtysomething: #8

Von Melanie Christina Mohr

Die Generation Y: Wir kaufen nur Bio, sind überakademisiert, rotten uns in Hipster-Vierteln zusammen und sitzen angeblich lieber im Café statt im Büro. Stimmt das? Was uns ausmacht, vereint und unterscheidet, darum geht’s hier.

Wer die Angst vor Flüchtlingen im Land verstehen möchte, muss kurz nach den Feiertagen mit dem Zug fahren. Am Besten IC oder eine Kombi aus ICE und RB. Wahrhaftig gesättigt und gut beschenkt, wird die Heimreise angetreten. Wer planen muss, fährt zum Sparpreis. Eigentlich fängt schon alles mit der Sitzplatzreservierung an. Auf dem Online-Portal der DB hat der Kunde, der König, die Wahl, ob er lieber am Fenster, im Großraum oder, wenn es gar nicht anders geht, mit der ersten Klasse nach Hause tuckern möchte. Denn, und das ist für viele wohl verständlich, ohne festen Sitzplatz wird die Reise nur ungern angetreten. Möchte man wohl die bombige Stimmung, die Mann und Frau über sage und schreibe drei Tage festhalten mussten, nicht von Hundert auf Null reduzieren.

 

Ü30 Nicht-Planer

 

Nach dreitägigem Festmarathon reicht es schon, den Sitzplatz nicht mit der Fahrkarte zu buchen und sich so blöd durch den Flur quetschen zu müssen, während es sich Hildegard und Klaus schon mit Braten auf Brötchen und einem Bierle (-le – man kommt schließlich aus dem Schwabenland) im Zug bequem gemacht haben. Außerdem wird dann der Gangfluss gestört, und zwar von jenen, die vom deutschen Grundproblem getrieben, der Angst, bereits eine Viertelstunde eher aufstehen müssen, um sicher zu gehen, auch wirklich aus dem Zug zu kommen. Diesen Menschen stehen Nicht-Planer, sozusagen alle ohne Reservierung zusteigenden Menschen im Weg, im Leben, in der Ordnung, im Fluss, der Gemütlichkeit. Bei einem jungen Menschen begegnet man dieser Nichtorganisation mit einem Lächeln, vielleicht einem genervten Kopfschütteln. Mit Ü30 stehen die Chancen gut, sich rechtfertigen zu müssen, bevor man sich auf dem unreservierten Sitz niederlassen darf.

 

Das Grundproblem

 

Wie kommt’s? Dass so mancher meint, einem reserviertem Sitzplatz stünden gewisse Sonderrechte zu? Ergo, stöhnen zu dürfen, wenn der Platz neben einem besetzt werden möchte – man also die ausgestreckten Beine, das fest positionierte Kissen und die installierte Teekanne zur Seite räumen muss, um einem Nicht-Planer (Frechheit!) Platz zu machen. Es wird geflüstert, gestöhnt, ignorant aus dem Fenster geschaut – und das ist nur der Unmut über Neuzugestiegene im Zug-Abteil. Wie kann es sein, dass Menschen meinen, dass ihnen gewisse Dinge zustehen? Stille in einem überfüllten IC nach den Feiertagen zum Beispiel. Aber dann durch lautes Telefonieren glänzen. Meinen, ein Vorrecht zu haben denen gegenüber, die später einsteigen. Wie kommt es eigentlich, dass wir überhaupt viel zu oft meinen, dass gewisse Dinge selbstverständlich sind? Richtig schön wird es erst, wenn fremde Sprachen durchs Abteil geistern. Favoriten sind Russisch, Arabisch, gerne auch irgendwas Afrikanisches. Es wird kalt im Land, und das liegt nicht am späten Winter.

 

Empört euch!

 

Ich habe einmal gedacht, die Empörung lässt nach, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Aber vielleicht setzt Gelassenheit einfach auch andere Zeiten voraus. Im Grunde ist die Bahnfahrt nur das Tüpfelchen auf dem i, neben Montags-Demos, AfD und dem eigenen täglichen Wahnsinn, Baby-Yoga inklusive.

Melanie Christina Mohr ist Autorin. Sie schreibt Kinder- und Kurzgeschichten, Texte über Religion, Gesellschaft und Kultur und arbeitet am ersten eigenen Roman. Sie hat in Bonn und London Persisch und Literatur studiert, zeichnet gerne Gedanken und fotografiert Details.

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Bildquelle: Jorges unter CC BY 2.0.

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