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Refugees Welcome: Jetzt erst recht

Wie erwartet versuchen Flüchtlingsgegner, die Anschläge von Paris zu instrumentalisieren. Doch nie war es wichtiger, sich für eine tolerante und weltoffene Gesellschaft einzusetzen.

132 Tote, mehr als 350 Verletzte, Opfer aus 16 verschiedenen Ländern. Das ist die traurige Bilanz eines Wochenendes, das einen blutigen Einschnitt in Frankreichs Geschichte markiert. Ebenso wie das Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar waren die jüngsten Anschläge in Paris nicht nur ein verabscheuungswürdiger Angriff auf unschuldige Menschen, sondern auch auf grundlegende westliche Werte. In seiner am 14. November veröffentlichten Stellungsnahme bezeichnet der „Islamische Staat“ den Konzertsaal Bataclan als einen Ort, an dem „Hunderte Ungläubige zusammen eine Party der Perversion feierten“ – weiß ja jeder, Rockkonzerte sind ein einziger Sündenpfuhl – und fügt hinzu: „Frankreich und alle, die das Land unterstützen, werden weiterhin auf der Liste der möglichen Ziele stehen.“ Präsident François Hollande redet von Krieg und ruft zur Zerstörung der Terrorgruppe auf. „Was wir brauchen, ist eine gemeinsame Bewegung all jener, die gegen den Terrorismus kämpfen“, sagte er hierzu am Montag in Versailles. „Syrien ist zur größten Terrorismusfabrik der Welt geworden.“

Worte, die in den tumben Ohren der Flüchtlingsgegner wie Musik klingen müssen. Ebenfalls am Montag gingen die Pegida-Anhänger in Dresden wieder auf die Straße – mit reichlich neuem Stoff als vermeintliche Basis für rassistische Hassparolen. Versammlungsleiter Siegfried Däbritz ist nur der Bachmann-Ersatz, kann aber mindestens ebensoviel Unfug reden: Wer den Islam nicht mit dem Terror und der aktuellen Flüchtlingspolitik verbinde, sei ein Idiot. Er spricht von „einem Krieg gegen die Demokratie, auch wenn es nur eine scheinbare Demokratie ist, wie bei uns“. Dieser „Krieg“ sei das Ergebnis einer Einwanderungspolitik, „die Menschen eingeladen hat, die eine völlig andere Kultur haben als wir“. Auch Marine Le Pen, Präsidentin der französischen Rechtsaußen-Partei Front National, nutzte die Stunden nach den Anschlägen, um kräftig Stimmung zu machen. „Frankreich muss illegale Migranten ausweisen, die hier nichts zu suchen haben“, erklärte sie hierzu. „Frankreich und die Franzosen sind nicht mehr in Sicherheit.“

 

„Paris ändert alles“

 

Selbstverständlich fühlt sich nun auch die CDU mitsamt Schwesternpartei in ihrer Flüchtlingsgegner-Rolle bestätigt. Markus Söder twittert „#ParisAttacks ändert alles. Wir dürfen keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen“, Erika Steinbach hat man immer noch nicht das Smartphone weggenommen und natürlich werden nochmals stärkere Grenzkontrollen gefordert. Feindbild Flüchtling, da bist du ja wieder.

 

Eines wird dabei vergessen: Der Terror ist nicht die Folge, sondern die Ursache von Flüchtlingsströmen. Anschläge wie diese, die uns wohlgenährte Europäer in Schockstarre versetzen, sind in Syrien alltäglich. Zu weit weg waren bisher Bomben und Krieg, als dass wir uns damit beschäftigen wollten. Der IS will das ändern. Er will den Terror nach Europa bringen, er will uns gegeneinander aufhetzen, vor allem will er die Flüchtlingsströme zu seinem Zweck nutzen. Der syrische Pass, den man nach der Attacke fand, lag ganz bestimmt nicht zufällig am Tatort. Wir sollten wissen, dass der Täter ein Syrer und Muslim war – neuesten Medienberichten zufolge war er als Flüchtling eingereist. „Terrorismus will ja nicht die 120 Menschen erschießen, die jetzt erschossen worden sind“, sagt der Soziologe Armin Nassehi dazu in einem Interview mit ZDF heute, „Der Terrorismus will Gesellschaften, will Kulturen destabilisieren.“      

Der IS will uns gegeneinander aufhetzen

  Die Terrorgruppe rekrutiert gezielt unter Ausgegrenzten, die im Westen auf Ablehung oder Ausgrenzung stoßen – auch deshalb spielt es dem „Islamischen Staat“ direkt in die Hände, wenn sich weiterhin viele Menschen gegen die Flüchtlinge stellen.  Eine schwarz-weiße, eine zweigeteilte Welt wünscht sich der IS – das bestätigt ein Blick in Dabiq, das englischsprachige Online-Magazin des IS (Ja, der IS hat ein Online-Magazin). Ein Artikel mit dem Titel „The extinction of the grayzone“ fordert dazu auf, „Grauzonen“, in denen Muslime und der Westen friedlich koexistieren, zu vernichten. Muslime sollen sich entscheiden: entweder der Westen – oder der Islamische Staat. „The Muslims in the West will quickly find themselves between one of two choices, they either apostatize and adopt the kufrī [infidel] religion propagated by Bush, Obama, Blair, Cameron, Sarkozy, and Hollande in the name of Islam so as to live amongst the kuffār [infidels] without hardship, or they perform hijrah [emigrate] to the Islamic State and thereby escape persecution from the crusader governments and citizens.“ Ein liberales Zusammenleben ist nicht gewollt. Stattdessen sollen rechtsextreme Parteien in ganz Europa an Popularität gewinnen; das verhärtet die Grenzen zwischen Muslimen und Andersgläubigen und fördert die geforderte „Teilung der Welt“ und das damit verbundene „Wir gegen die“-Gefühl – auf beiden Seiten. Der erste Schritt, um erfolgreich einen Krieg anzuzetteln.

Wir werden uns nicht einschüchtern lassen

 

Die Solidarität, die Millionen Menschen aktuell mit Paris zeigen, lässt jedoch auch ein wenig Hoffnung erblühen, dass sich die Taktik des IS nicht durchsetzen wird. Noch in der Tatnacht organisierten sich unter dem Hashtag #portesouvertes Anwohner, um den vor den Kugeln Flüchtenden Schutz in ihrer Wohnung zu bieten, #NousSommesUnis vereint Menschen aller Religionen in ihrem Mitgefühl für die Opfer der Anschläge. In den Folgetagen stehen die Pariser Schlange, um Blut zu spenden. Muslime weltweit distanzieren sich mit der Aktion #Notinmyname von religiösem Terror, das Opernhaus in Sydney, das Brandenburger Tor und viele weitere Wahrzeichen erstrahlen in Blau, Weiß und Rot. Wir sind tatsächlich vereint.

Davon auszugehen, dass Paris der einzige innereuropäische Schauplatz des IS-Terrors bleiben wird, wäre naiv. Weiterhin Flüchtende unregistriert einreisen zu lassen, auch. Aber jetzt alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen, wäre schlichtweg gefährlich. Nie war es wichtiger, sich Schulter an Schulter gegen den Terrorismus zu positionieren. Nie war es wichtiger, allen hier Ankommenden zu zeigen, dass wir den selben Feind haben. Nur so kann religiöse Radikalisierung und Abspaltung verhindert werden – wer möchte schon im Namen Gottes kämpfen, wenn er ein friedliches Leben in einer Gesellschaft führen kann, die ihn freundlich aufnimmt? „Wir dürfen nicht zulassen, dass Zwietracht hergestellt wird“, fasst Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, zusammen. „Eine gute Willkommenskultur in unserem Land ist der größte Feind der Terroristen.“

 

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Bildquelle: Caitlin Childs unter CC BY-SA 2.0

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