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Twenty Something und in der Pampa – als Single auf dem Land

Wie liebt es sich in einem Dorf, wo vermutlich mehr Kühe als Menschen wohnen und man gefühlt alle Tinder User persönlich kennt? Vom Suchen und Finden der Landliebe.

Von Aaron Eißner

Gemäß einem Ratgeber für Fotografie eignet sich die Gegend rund um meinen Heimatort ausgezeichnet zum Ablichten eines besonders eindrucksvollen Sternenhimmels. Woran das liegt? Entweder daran, dass der Sternenhimmel über dem bayrischen 300-Seelen-Dorf ein anderer als sonst wo ist, oder doch daran, dass die nächstgrößere Stadt rund 40 Autominuten entfernt ist. Größer bedeutet in diesem Fall 40.000 Einwohner.

Was aufgrund der geringen nächtlichen Lichtverschmutzung unter Astronomie-Begeisterten als Hotspot gehandelt wird, ist für paarungswillige Singles Mitte 20 hauptsächlich eines –schwierig. Wie schwierig wurde mir bewusst, als mich vor sechs Monaten meine erste und bisher einzige Freundin nach fast fünf Jahren Beziehung verließ. Grund: Noch nicht bereit, den Rest ihres Lebens hier zu verbringen. Noch nicht bereit „erwachsen“ zu werden, noch nicht bereit –für mich. Wie auch immer.

Nach Wochen in denen ich durch die Hölle ging und Monaten, in denen ich von Weitem langsam auch wieder die positiven Seiten des Single-Daseins erkennen konnte, plötzlich die unverhoffte Erkenntnis:

Das Leben auf dem Land ist wie gemacht für eine Beziehung.

Samstags werkelt man an Haus und Hof, Sonntage bestehen aus verkatertem Netflix, mit Freunden Kaffee trinken in der Dorfkneipe oder abends in der nächsten Kleinstadt essen. Unter der Woche geht man seiner beruflichen Tätigkeit nach, um abends ausgelastet und zufrieden weiter zu netflixen. Alternativ wird gerne auch unter der Woche an Haus und Hof weitergewerkelt.

Das „Nightlife“ besteht in erster Linie aus gemütlichen Abenden bei Freunden oder Platten-Partys in umliegenden Dörfern. Für Stimmung sorgt für gewöhnlich einer der drei regional bekannten DJs mit einem „DJ-Set“, das er (wie auch seine zwei Kollegen) gefühlt schon seit 5 Jahren spielt. Hauptbestandteile: 90er & Radiohits mit Hang zu David Guetta und „Mr. Worldwide“ (Pitbull). Die Tatsache, dass man auf besagten Vereins-, Dorfjugend- und Feuerwehr-Festen über die Hälfte der Besucher persönlich kennt, bringt auch nicht gerade Schwung in die Sache.

Sicht ins Dorf von der Hofeinfahrt meines Elternhauses

Klingt irgendwie frustrierend? In einer Beziehung nicht unbedingt. Ist der Freundeskreis groß und aktiv genug, kann man sich mit dem Dorfleben durchaus arrangieren.

Was in einer Beziehung als ausgezeichneter Zeitvertreib empfunden wird, ist als Single alles andere als zufriedenstellend. Als frischer Single möchte man möglichst viel erleben, neue potenzielle Geschlechtspartner kennenlernen, man will raus, seinen Marktwert checken.

Das Problem ist, dass es hier schwierig ist neue Leute kennenzulernen. Das liegt daran, dass es einfach keine neuen Leute gibt.

Die Damen hier sind meinem Eindruck nach durchaus bindungswillig. Der Grund für diesen ausgeprägten Willen ist vermutlich der, dass man als Single-Frau mit Mitte 20 auf dem Land nicht besonders gut dasteht. Deine Eltern machen sich Sorgen, deine Oma hat dich bereits abgeschrieben und das Angebot an vorzeigbaren Single-Männern wird mit zunehmendem Alter auch immer dünner. Hinzu kommt, dass eine Frau, die auf dem Land sexuell aktiv sein möchte, nicht gerade viele Möglichkeiten hat.

Da man sich ziemlich sicher noch öfter irgendwo über den Weg laufen wird, gibt es auf dem Land so etwas wie einen One-Night-Stand faktisch nicht:

1.Die Frau lebt sich, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen, sexuell mit verschiedenen Männern aus und erspielt sich so in kurzer Zeit relativ zuverlässig den Ruf als leicht zu habendes Mädchen (Um das Wort Schlampe zu vermeiden).

2.Die Frau sucht sich einen (oder mehrere) Typen mit denen sie Sex haben kann und verlässt sich hierbei auf dessen Diskretion.

3.Die Frau sucht sich einen Freund und „darf“ so gesellschaftlich akzeptiert sexuelle Erfahrungen mit ihrem Angebeteten sammeln.

Mein Eindruck ist, dass auf dem Land der „Ruf“ für viele Frauen eines der wichtigsten Dinge überhaupt ist, besonders in dieser Hinsicht. Tatsache ist jedenfalls, dass hier wirklich jeder jeden kennt und kein noch so selbstbewusstes Mädel ortsübergreifend den Ruf als Dorfmatratze haben möchte. Deshalb fällt Punkt 1 für die meisten Dorf-Damen weg. Da sich Männer gern rühmen und neue sexuelle „Erfolge“ vor den Kumpels selten länger als bis zum nächsten Saufabend verheimlichen, endet Punkt 2 langfristig für gewöhnlich ebenfalls in Punkt 1 –wenn vorher nicht in Punkt 3.

Der Download diverser Dating-Apps ließ nach der Trennung auch nicht lange auf sich warten. Die Anzahl der weiblichen Nutzer ist allerdings sehr überschaubar. Obwohl die begrenzte Partner-Auswahl auch für die Damen gilt, nutzt nur ein Bruchteil von ihnen Apps wie Tinder oder Lovoo. Warum? Aus Angst, ein Bekannter könnte sie entdecken.

Als mir bewusst wurde, dass auch ich mich nun mit all diesen Schwierigkeiten rumschlagen muss, war die Frustration erstmal groß. Aber was tun? Sollte ich, vom Frust getrieben, mein bisheriges Dorfleben aufgeben? Umziehen, in eine Stadt? Neuer Job, neue Freunde, neues Leben?

Nein.

Dank meiner Arbeit bereise ich viele fremde Städte und Länder. So gern ich diese Reisen mache, so gern komme ich auch wieder nach Hause zurück. Spätestens nach ein paar Tagen unterwegs, sehne ich mich nach meinem Heimatort. Nicht unbedingt nach dem Ort an sich, viel mehr nach meiner Familie und meinen Freunden. Ich sehne mich nach Lagerfeuer im Sommer und Schafkopf in der Dorfkneipe im Winter. Nach lauwarmem Havanna-Cola mit alten Schulkollegen und dem Landjugendfest, auf dem ich – zum Leid meiner Freunde–erneut eine meiner Top-Geschichten zum Besten gebe. Und ja, vielleicht sehne ich mich auch nach einer Beziehung –vielleicht sogar nach meiner Ex-Beziehung. Eventuell ist letzteres sogar maßgeblich verantwortlich für diesen Artikel und meine Sicht auf die geschilderten Dinge. Aber das ist in Ordnung so.

Mir gefällt es hier. Auch, wenn man sich seinen Selbstwert vielleicht nicht so einfach zurück ervögeln kann wie sonst wo. Wer auf dem Dorf auch als Single Sex haben will, muss sich eben mit den Gegebenheiten zurechtfinden. Sternhagelvoll Sex mit der Ex-Freundin des Kumpels zu haben gehört hierbei genauso dazu wie der Versuch, ein diskreter Typ für „Punkt-2-Frauen“ (siehe oben) zu sein. Während ersteres bitter bereut wird, soll zweiteres von Zeit zu Zeit ja sogar der Beginn einer neuen Beziehung sein. Und Hey –immer wieder verirren sich tatsächlich auch fremde Schönheiten hierher. Irgendwann wird eine dieser raren Gestalten vielleicht sogar bleiben. Vielleicht wegen mir, vielleicht aber auch nur, weil der Sternenhimmel hier nachts besonders schön ist.

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Titelbild: ZEITjUNG.de

Bild im Beitrag: Aaron Eißner

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