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Wenn Männer scheitern: Von Schweigen, Angst und Bier

Warum flüchten Männer vor Hilfe, nur um irgendwo auf der Couch dramatisch zu verenden?

Ein Mann, der scheitert, ist oft wie ein angefahrenes Tier. Er wehrt sich mit aller Gewalt gegen jegliche Hilfe und flüchtet so weit ihn seine gebrochenen Beine tragen. Gibt es keine Frau in seinem Leben, die mindestens die Qualitäten eines Pferdeflüsterers besitzt, droht er auf irgendeiner Lichtung kraftlos zu verenden. Oder auf einem Sofa mit Bier und Netflix.

Etwas übertrieben, aber manchmal sagt man zurecht über uns Männer, wir seien stur, eigensinnig und unkommunikativ. Kein Wunder also, dass wir schon gar nicht darüber reden, wenn wir an etwas gescheitert sind. Und helfen lassen wir uns auch nicht gern. Das treibt Frauen oft zur Weißglut. Es ist halt auch nicht so geil, an etwas zu scheitern. Und bei etwas um Hilfe zu bitten schon gar nicht.

 

„Und, geht es mit deinen Bewerbungen voran?“

 

Offensichtlich beschissen, sonst hätte ich wohl längst von einem Vorstellungsgespräch oder gar meiner neuen Stelle geprahlt. Klar möchte der Partner irgendwie Interesse zeigen, Hilfe anbieten und sich auch ein wenig vergewissern, dass der andere nicht gerade in eine tiefe Depression fällt. Aber was oft gut gemeint ist oder einfach nur Interesse heucheln soll, ist meist ein brutaler Griff in die gerade am größten klaffende Wunde in unserem Leben: Es geht gerade nicht voran.

Das habe ich auch hinter mir. Ein Glück schon lange her, leider wahrscheinlich nicht das letzte Mal. Egal ob nach dem Abi, nach dem Studium oder jeden Tag in seinem Job, man bleibt vor dem Scheitern nicht bewahrt. Gefeuert, letzte Prüfung verhauen, Studienplatz nicht bekommen und keine Alternative parat. Wenn man in seinem sonst so rasanten Leben einmal stecken bleibt, hat man es schwer.

In einer Beziehung kommt dann gern der Neid auf. Der andere hat alles unter Kontrolle und kommt voran. Man selbst hat das Gefühl, man leistet nicht seinen Beitrag. Und dann wird auch noch genörgelt. Jedenfalls empfindet man schnell jeden Kommentar, und sei er noch so gut gemeint, als Vorwurf. Das wiederum mündet in Unverständnis, überreizten Reaktionen, Streit und einer Zerreißprobe für die Beziehung.

 

Druck und Frust

 

Es ist die Enttäuschung und das das Gefühl, gescheitert oder nicht gut genug zu sein, das einen oft in lähmende Orientierungslosigkeit und Fötusstellung auf dem Sofa enden lässt. Man hat den Eindruck, die Realität so fern der ganzen Hörsäle und des Uni-Campus habe schlagartig keinen Platz mehr für einen.

An dieser Erkenntnis scheitern Träume und ein verständlicher Wunsch nach Selbstverwirklichung, der in unserer tollen Erste-Welt-Blase entstanden ist. Diese Enttäuschung und das Gefühl, wertlos zu sein, muss man erstmal verarbeiten. Viele schaffen das nicht allein. Auf einmal sind brandmarkende Begriffe wie Arbeitsamt und Hartz IV im Alltag. Das fühlt sich nicht schön an.

 

Es gab mal einen Plan!

 

Man investiert Jahre in ein Ziel und am Ende zerfällt alles zu Staub, weil man keinen Einstieg bekommt und dann sitzt da plötzlich jemand neben einem, der Sätze sagt wie: „Hast du schon mal überlegt, was anderes zu machen?“ Wie, was anderes? Hätte ich was anderes machen wollen, hätte ich die letzten zehn Jahre in etwas anderes investiert.

Wenn man nicht sofort weiß, was als nächstes passieren soll oder was man alternativ machen möchte, stößt das oft auf totales Unverständnis. Man sei doch noch jung und sollte etwas flexibler sein. Klar, jeder wäre gerne flexibel, die wenigsten sind es tatsächlich.

Heute haben wir zwar die Auswahl an unendlichen Alternativen zu unseren eigentlichen Träumen und Vorstellungen, aber was uns an diesen Alternativen stresst, ist der plötzliche Zwang, eine überschnelle Entscheidung über seinen neuen Alltag zu treffen – nur um wieder zurück auf die Autobahn des Lebens zu kommen. Hauptsache, es geht vorwärts in Richtung irgendeiner Zukunft. Das ist nicht so leicht zu akzeptieren. Warum und vor allem wie soll man plötzlich so eine voreilige Entscheidung treffen, die den ganzen Lebensplan ändert, den man sich vorher so sorgfältig zurecht gelegt, ausgetüftelt und penibel genau mit allen Kursen, Scheinen, Spezialisierungen und Praktika angesteuert hat?

 

Und dann kommt der Druck von außen.

 

Wenn einem nicht die Familie auf die Pelle rückt, dann in den meisten Fällen der Partner. Wie soll man auch damit umgehen, wenn in einer Beziehung, in der sonst alles nach vorne gerichtet ist, plötzlich einer stehen bleibt?

Was den Partner vor allem zu diesem Druck veranlasst, ist oft die Unsicherheit. Es bremst! Es bremst den Plan aus, der von der anderen Seite geschmiedet wurde. Er setzt Panik frei, vielleicht doch nicht demnächst zusammen zu ziehen, in den Urlaub zu fahren, zu heiraten oder Kinder zu bekommen.

Das ist dumm und egoistisch und hat wenig mit einer funktionierenden Beziehung zu tun. Mit einer Ausnahme: Die Sache mit den Kindern… Dafür läuft für Frauen leider die Uhr gnadenlos ab. Das ist nicht verhandelbar und bildet schnell einen konstanten Faktor für so ziemlich alle Entscheidungen vor 30 oder spätestens 40 (natürlich vorausgesetzt, es sind überhaupt Kinder gewünscht).

Ich steckte selbst in dieser Situation und es ist am Ende grandios schief gegangen. Warum? Weil ich es gewohnt bin, Dinge selbst in die Hand zu nehmen und es mir sehr schwer fällt, nach etwas zu fragen, selbst wenn ich nicht weiter komme. Das war noch schlimmer, als ich jünger war und noch nicht verstanden hatte, was Kommunikation bedeutet und wie wichtig es ist, die richtigen Dinge nicht nur zu denken, sondern auch zu sagen.

Kommentare

  1. Alles richtig und nachvollziehbar beschrieben.
    Den Blick ins Innere der scheiternden Männer gewährt das Buch von Janus Donath: „Das sanfte Scheitern der Männer“ mit tiefen Einblicken in die zerborstenen Illusionen und schmerzlichen Verluste, die nicht nur soziologisch, sondern seelisch und individueller fundiert sind. Ein Tipp zur Abrundung des Thema.
    H.H.

    Hans Huber / Antworten

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