Nachhaltigkeit: Vom Striptease einer Gurke

Original Unverpackt Supermarkt

Dienstagabend irgendwo in München, vielleicht auch Berlin oder Buxtehude. Raubtierfütterung steht an und der Kühlschrank ist leer. Raubtierfütterung, das heißt Abendessen für vielmehr schlichtweg hungrige als wissenshungrige Studenten und das wiederum heißt: Ab zum REWE. Als äußerst reflektierte Erdenbürger, die wir sind, werden wir natürlich nicht so umweltfeindlich sein und uns an der Kasse irgendeine Plastiktüte holen, auf denen ironischerweise meistens auch noch irgendein grüner Aufruf zur Klimarettung prangt, nein, wir schnappen uns den Jutebeutel aus Leinen und schmeißen ihn aufs Fahrrad, uns hinterher, das gute Gewissen auf dem Gepäckträger.

 

Der einsame Striptease einer Gurke

 

Doch trotz aller rar und sorgfältig gestreuten Gutmenschmomente – wir leben in einer Wegwerf-Gesellschaft. Alles, was an diesem Abend und an allen weiteren in den ökologisch vorzeigbaren Jutebeutel wandert, ist eingezwängt in unzählige Schichten aus Plastik und Karton. Pro Jahr werden 240 Millionen Tonnen Plastik produziert. Gemüse in Folien, Schokolade in Stanniol, Müll, den es eigentlich nicht braucht. Den einzigen Striptease, den die Natur für eine Gurke vorgesehen hat, ist doch, sie zu schälen. Sara Wolf und Milena Glimbovski wollen deshalb dem Verpackungswahn den Kampf ansagen und eröffneten im September den ersten verpackungsfreien Supermarkt in Berlin. Käse und Joghurt sind dort nicht in Kartons und Plastiktüten eingeschweißt, man kann sie in eigene Dosen und Behälter abfüllen, Reis und Bohnen rieseln aus großen Glasfässern.

Klar, der anfängliche Besucheransturm hat sich mit dem Medienrummel gelegt. Aber es kommen auch etliche Stammkunden zum wöchentlichen Einkauf nach Kreuzberg, erzählt Milena Glimbovski im Gespräch mit ZEITjUNG. Dort finden sie alles, was man zum Leben braucht – und das heißt konkret: nicht mehr als ein Produkt pro Grundnahrungsmittel. Was nicht Verlust von Geschmacksvielfalt sein muss, sondern auch bedeutet, dass man nicht mehr Stunden seines Lebens damit verbringt, zwischen Kirsche-Marzipan- und Zimt-Orange-Marmelade zu überlegen, nur, um am Ende eh wieder mit einem Glas Nutella nach Hause zu wackeln. Irgendwie auch schön.

 

100 Quadratmeter Nachhaltigkeit

 

Original Unverpackt, das ist aber nicht nur ein großartiges Projekt mit Zukunft, das sind auch viele Fragezeichen. Verwackelt zum Beispiel nicht die verpackungsfreie Linie nicht schon beim Einkauf im Großhandel? Da kann man den Reis schließlich nicht in sein handgesticktes Lederbeutelchen abfüllen. „Auf dem Weg vom Hersteller über Großhandel und Einzelhandel bis zum Kunden fällt sehr viel Müll an: Für einen 25 Kilogramm Sack Reis werden zum Beispiel fünfzigmal 500 Gramm kleine Plastikverpackungen produziert. Dazu kommt die Kartonverpackung für diese kleinen Verpackungen, außerdem Füll- und Liefermaterial. Aber die fallen bei uns weg“, erklärt Milena Glimbovski. „Wir haben auch viele Produkte, die regional produziert werden, da kann man sich am effektivsten in die Lieferkette einbringen und Müll vermeiden – und hält dabei auch noch die Lieferwege kurz, was zu weniger CO2-Austoß führt.“ Ganz eliminiert kann Verpackungsmüll bei solch komplexer Zusammenarbeit also noch nicht werden – erheblich reduziert dagegen schon.

Am Ende ist nachhaltiges Einkaufen vielleicht einfacher als gedacht: Haltbarkeitsdaten stehen auf den sogenannten Bulk Bins, die kann man sich einfach notieren oder abfotografieren. Bei Produkten, die eigentlich nicht schlecht werden können, wie Reis, besteht ja sowieso schon länger die Diskussion, ob man das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht einfach abschaffen sollte, da es nur Verwirrung bei den Konsumenten stiftet. Und die Preise halten sich dank wegfallender Verpackungsausgaben wacker auf Bioladen-Niveau, einige Produkte können sogar mit Discountern mithalten.

 

Nachhaltig zu leben darf kein kurzzeitiger Trend sein

 

Der vielleicht größte Zweifel an der Sache sind aber die Beweggründe. Und zwar nicht die der Gründerinnen, sondern die der Kunden. Denn man denkt doch unwillkürlich an Jutebeutel, Birkenstock und veganen Schokokuchen, man denkt an die Frage: Kann man überhaupt noch sagen, wer den nachhaltigen Weg aus wahrer Überzeugung einschlägt – und wer es nur tut, um auf einer aktuell angesagten Welle zu surfen? „Klasse … und die ganzen Hipster-Weltverbesserer-Gutmenschen fahren darauf ab“, schreibt beispielsweise ein User auf dem Supermarktblog. „Doof nur, dass am Ende die Konsequenz fehlt, die Linie auch durchzuziehen. Aber wäre ja auch blöd, wenn man auf iPhone, iPad und Flugreisen verzichten müsste.“ Sie seien keine Wahrsager, sagt Milena Glimbovski. Aber zum Glück hat sie die Hoffnung, dass verpackungsfreies Einkaufen auch in ein paar Jahren noch beliebt sein wird. „Nachhaltigkeit ist nicht Hipster“, sagt Milena Glimbovski sanft, aber spürbar leidenschaftlich. „Sondern gesunder Menschenverstand.“ Der kommt sogar ganz ohne Verpackung. Mehr davon!


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Bildquelle Titelbild: (c) Katharina Massmann

Man hat uns gesagt, eine "witzige Kurzbeschreibung" zu unserer Person zu schreiben. Schrecklich, sowas übt immer enormen Druck auf mich aus. Also: Ich bin leider nicht mehr Ende 10, sondern mittlerweile Anfang 20, liebe Gin Tonic und Zitroneneis. Wenn ich nicht gerade Vorlesungen der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft schwänze, beobachte ich fremde Menschen in der U-Bahn und schmiere meine Gedanken in ein existentialistisches Suhrkamp-Notizbuch oder überrede Bands und Sänger dazu, Pfefferminzlikör mit mir zu kippen. Und den Witz überleg ich mir morgen.