Warum verlieben wir uns?

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Ich persönlich könnte Verliebten stundenlang zusehen. Während andere Brechreiz bekommen, lassen mich das naiv-glückliche Strahlen in den Augen und diese zwischen Wahnsinn und Euphorie wankenden Komposit aus zwei Körpern fast genauso naiv-glücklich schmachten wie die Turteltauben selbst. Für mich ist der Akt des Verliebens etwas Magisches, gewissermaßen ein Mysterium in einer sonst trockenen Rationalität. Doch ohne diese Einmaligkeit zwischen Individuen entzaubern zu wollen, steht die Frage im Raum, warum wir uns genau in diese eine Person verlieben. In was wir uns verlieben. Und warum da manchmal auch nichts ist.

 

Attraktivität ist ein Gesundheitszeugnis

 

Denn auch, wenn die Beauty-Industrie uns das weiß machen möchte, Attraktivität ist nicht der Grund. Zumindest nicht der einzige. Natürlich hilft uns ein gutes Gesundheitszeugnis – reine Haut, trainierte Körper, Kulleraugen – dabei, dass wir uns überhaupt ins Blickfeld der Väter und Mütter unserer zukünftigen Kinder katapultieren. Aber deswegen funkt es nicht zwangsläufig. Auch nicht, weil jemand Geld hat oder Philosophie studiert oder sonst irgendein Statusobjekt verkörpert. Manchmal würde es von außen betrachtet so gut passen, doch da ist nichts von Schmetterlingen, Herzrasen, Endorphin-Flash. Außer der Vorwurf, dass man wohl einfach zu anspruchsvoll ist.

Ich krame in der Gefühlsgeschichte meiner Freunde und in meiner eigenen: „Es war das Komplettpaket.“ „Das gewisse Etwas.“ „Es war jedes Mal etwas Anderes.“ Diese Antworten machen Sinn und sind doch nur abstrakte Worthülsen, die mit Inhalt gefüllt werden müssen. Denn wer würde denn eine Beziehung eingehen – zwar der schönste Kompromiss der Welt, aber immer noch ein Kompromiss –  wenn er von diesem Wir nicht überzeugt wäre. Ja, ohne Kribbeln ist es irgendwie fad. Und verallgemeinern kann und will ich das Verlieben gar nicht. Aber was versteckt sich hinter Floskeln wie dem „gewissen Etwas“, „dem Komplettpaket“?

Es sind Details und Kleinigkeiten, welche die Variation menschlichen Seins widerspiegeln. Ich höre Geschichten davon, wie anziehend es ist, wenn jemand für etwas brennt. Wie Selbstbewusstsein ohne Egozentrik Raum für Mitmenschen zulässt – es ist unbeschreiblich sexy, wenn jemand nicht nur an sich selbst denkt. Wie wichtig Intelligenz, kognitive, soziale und emotionale, ist. Wie Vertrauen und Verlässlichkeit sich bedingen. Wie Genuss und Lebensfreude Herzen höher schlagen lassen. Doch in der Mikroperspektive wird auch klar, dass es nicht nur positive Eigenschaften sind, sondern gerade auch die kleinen Spleens und Eigenheiten – Mr. Perfect ist dann doch weniger spannend, als man denkt und die Personen, in die wir uns verlieben, brauchen eben auch Makel, die mit rosaroter Brille fast sexy wirken.

 

Unsere Sehnsüchte definieren das gewisse Etwas

 

Die Brücke zwischen Einzelfall und Abstraktion schlägt eine Freundin für mich. „Ich sehe das sehr pragmatisch. Er hatte wohl das, was mir in dem Moment gerade in meinem Leben fehlte.“ Egal ob Sicherheit und Ruhe, oder Abenteuer und Lebensfreude, Präsenz, Humor, Talent – wir können nicht alles zugleich haben, aber dank unseres Seelenverwandten können wir zumindest eine neue Facette in unser Leben integrieren. Der oder die andere verkörpert eines unserer nicht gestillten Bedürfnisse, kann es vielleicht sogar stillen. Da das gewisse Etwas also mindestens mit einem selbst genauso viel zu tun hat, wie mit dem Gegenüber wird es Zeit, die eigene Bedürfnislandschaft zu erkunden. Und es erklärt, warum manche von uns so ein Faible für die tragisch-bösen Charaktere unserer Umwelt haben, symbolisieren sie doch Wildheit, Unangepasstheit und ein wenig Dramatik.

Natürlich haben wir manchmal das Glück einfach in die passende Person hineinzurennen, ganz intuitiv zu wissen, dass uns diese Person gut tut. Doch oft sind wir auf der Suche nach einer Beziehung, ohne zu wissen, was genau wir wollen – ein Konflikt, den wir wohl ständig und dauernd durchlaufen. Die Entscheidung für etwas knüpfen wir oft an das Aufgeben von etwas anderem. Doch eigentlich sollten sich Verlieben und das Eingehen einer Beziehung nicht so schmerzhaft anfühlen. Zu wissen, dass das gewisse Etwas, eine Sehnsucht in uns befriedigt, hilft eine neue Perspektive aufzubauen. Unsere Seelenverwandten können uns eben nur ihre Welt zeigen – aber das ist eben nur eine. Für all die anderen Universen, Glücksmomente, Wunscherfüllungen sind wir selbst verantwortlich.