Wahlrecht ab 16: Lasst die Jugend endlich mitentscheiden!

Bist du unpolitisch, manipulierbar und unreif? Oder warst du es mit 16? Das ist nämlich das Bild, das viele Politiker*innen und Bürger*innen von Jugendlichen haben. Derzeit flammt eine Diskussion neu auf, die schon seit Jahrzehnten vor sich hin lodert, immer wieder neu entfacht wird, aber in der sich die Menschen in Deutschland trotzdem nie einig zu werden scheinen: das Wahlrecht ab 16.

In Deutschland ist es erst im Alter von 18 Jahren erlaubt, an den Bundestagswahlen teilnehmen. In 11 deutschen Bundesländern darf man allerdings bereits mit 16 Jahren auf Kommunalebene wählen. In 4 Bundesländern dürfen 16-Jährige sogar an den Landtagswahlen teilnehmen. Wieso also nicht auch auf Bundesebene?

Das fragen sich vor allem unter 18-jährige Jugendliche, die SPD und die Grünen, also Parteien, die sich von einem Wahlrecht jüngerer Menschen viele Stimmen erhoffen dürften. Andere, gefühlt vor allem über 50-jährige Männer, die CDU/CSU und die AfD, halten verbissen an der bisherigen Regelung fest.

Junge Menschen, die sich engagieren

Eines der Hauptargumente der Gegner*innen des Wahlrechts für 16-Jährige ist das vermeintliche Desinteresse und die Politikverdrossenheit der Jugend. Es mag sein, dass das irgendwann mal der Fall war und ich will auch nicht leugnen, dass ich mich mit 16 noch nicht für politische Themen begeistern konnte.

Aber vielleicht sollten wir nicht immer von uns auf andere schließen. Es ist kaum zu glauben, aber nicht alle Menschen haben dieselben Interessen und eine Gesellschaft kann sich über Jahrzehnte hinweg verändern und weiterentwickeln. Es gibt immerhin genug Beweise dafür, dass die Generation der heutigen 16- und 17-Jährigen politisch aktiver ist denn je.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber was ich die letzten Wochen und Monaten gesehen habe, waren engagierte und mutige junge Menschen, die sich in Fridays-for-Future-Demos für die Zukunft unseres Planeten eingesetzt haben und die sich in den Black-Lives-Matter-Protesten für ihre schwarzen Mitbürger*innen und gegen Rassismus stark gemacht haben.

Auf Instagram, Twitter und TikTok ist es für Jugendliche inzwischen normal, politische Beiträge und Aktionen mit ihren Freund*innen und Followern zu teilen und so auf Probleme aufmerksam zu machen.
Das sind Menschen, die sich ihrer demokratischen Rechte und Pflichte bewusst zu sein scheinen. Menschen, denen nicht alles egal ist. Menschen, die für ihre Überzeugungen brennen.

Wahlrecht ab 16: Politikverdrossenheit und Unreife?

In den Landtagswahlen 2014 in Brandenburg, wo das Wahlalter schon auf 16 herabgesetzt wurde, war die Wahlbeteiligung der 16- und 17-Jährigen mit 41,5% viel größer als bei den 18- bis 24-Jährigen. Spricht das nicht eigentlich für politisches Interesse? 

Und würde ein Wahlrecht am Ende nicht eher helfen, Politikverdrossenheit zu bekämpfen? Erinnert ihr euch an das Gefühl, kurz nach dem 18. Geburtstag, als eure Stimme auch endlich gezählt hat?
Erinnert ihr euch an die Verunsicherung und die Frage: Wen wähle ich jetzt eigentlich? Man war dazu gezwungen, sich zu informieren und eine eigene Meinung zu bilden. Und das war toll. Endlich Verantwortung. Wieso sollte das mit 16 nicht auch funktionieren?

Klar, dann müsste man auch in Bildungseinrichtungen für bessere politische Information und Aufklärung sorgen. Aber warum das ein Contra-Argument sein soll, verstehe ich nun wirklich nicht.

Außerdem gibt es doch auch genug ältere Menschen, die sich weder für Politik interessieren, noch fundierte Meinungen zu politischen Debatten darlegen können. Und die lässt man schließlich auch wählen. 

Wählen ab 16: Verantwortung und Zukunft

Studiengebühren, Arbeitsrecht, Miete, Klimaschutz – in den Wahlprogrammen der Parteien finden sich oft Themen, die die unmittelbare Zukunft von Jugendlichen betreffen. Über die entscheiden dann aber ältere Wähler*innen, die zwar zugegebenermaßen mehr Erfahrung, dafür aber einen oft weniger leidenschaftlichen Blick in die weite Zukunft haben und nie etwas von den Auswirkungen ihrer Entscheidungen in diesen Debatten mitbekommen werden.

Im Jahr 2017 waren 85,2% der Wahlberechtigten in Deutschland über 30 Jahre – dem demografischen Wandel sei Dank. Kein Wunder, dass sich junge Menschen immer wieder ignoriert und überhört fühlen. Wäre es nicht gerechter, wären Jugendliche in unserem Wahlsystem stärker repräsentiert?

Wie kann man jungen Menschen verwehren, sich in Wahlen für ihre Ideale und für ihre Zukunft einzusetzen und dann behaupten, sie wären nicht verantwortungsbewusst?

Würde man 16- und 17-Jährige wählen lassen, würden sie entweder umgehend oder ein paar Jahre später die Auswirkungen ihrer Entscheidungen spüren und müssten dafür gerade stehen. Sie müssten ihre Entscheidungen vor sich selbst und vor anderen Betroffenen rechtfertigen. Sie würden dann genau das tun, was man ihnen oft nicht zutraut: Verantwortung zeigen.

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Bildquellen: zeitjung / Unsplash unter CCO-Lizenz

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