Zufall: Alles planen oder einfach treiben lassen?

Zufall Dach 2

Es war im Sommer, als wir nach unserer wöchentlichen Redaktionssitzung mal wieder loszogen, um noch ein paar Bierchen zu zischen und, sagen wir mal, außerredaktionelle Themen zu besprechen. Wir wollten in diese eine Bar, in der einige lange nicht gewesen waren, und keiner wusste mehr so richtig, wohin. Bis wir irgendwann aus der frühen Nacht in einen versteckten Hinterhof stolperten, in dem nicht nur Tische und wild wachsende Pflanzen unter Lichtern aus Papier standen, sondern nebenan auch eine Bar. Mit Bier!

 

Als hätten wir Narnia gefunden

 

Nüchtern betrachtet: wahrscheinlich war der Laden einfach nur ein überdurchschnittlich schöner Ort, um im Sommer ein kühles Augustiner zu trinken. Aber in dem Moment haben wir uns über unsere zufällige Entdeckung so gefreut, als hätten wir gerade Narnia gefunden. Plötzlich sind wir zu Touristen mit zombiehaften Zügen mutiert, haben fünf Fotos geschossen, bevor wir überhaupt bestellten, und erstmal weder über redaktionelle noch außerredaktionelle Dinge geredet, sondern nur darüber, wie unfuckingfassbar toll es doch hier sei. Und das alles nur, weil zur Abwechslung mal nichts geplant war.

Heutzutage schallt es ja von allen Seiten, immer wiederjeden Tag, dass wir eine leistungsorientierte Gesellschaft seien, selbstoptimiert und zielorientiert. Gut, ich mach’s nicht besser, indem ich es selbst immer wieder, jeden Tag wiederhole, bis ich es selbst glaube, aber: ich kann das nicht mehr hören. Und vor allem: ist das wirklich bis zum Ende wahr? Wir wären auf diese eine Oase unter Tausenden nicht so abgegangen, wenn wir dort bewusst oder auf Empfehlung hingegangen wären, da bin ich mir sicher.

 

Kann man Glück planen?

 

Auch der Tatort, dem ja gerne eine Funktion als Gesellschaftskorrektiv zugeschrieben wird, hat sich letzte Woche dieser Thematik gewidmet: kann man Liebe berechnen? Natascha Klein, Gründerin der fiktiven Kuppelfirma Lovecast und nach drei Minuten ermordet, sagte bei ihrer letzten Rede: „Viele Leute denken, Liebe sei ein Zufall. Aber zufällig wählt man immer wieder den falschen Partner. Das ist doch kein Zustand, haben wir uns gedacht bei Lovecast. Und haben ein Computerprogramm entwickelt, das berechnet, wie gut zwei Menschen zueinander passen.“ Natascha Klein steht in diesem Tatort stellvertretend für all die anderen, die der festen Überzeugung sind, dass Liebe berechenbar ist. Die glauben, dass ein Algorithmus Menschen zusammenbringen und man Glück planen kann. Kurz gesagt: sie steht für all die anderen, die wir gerne mal unromantisch schimpfen.

Alle anderen halten an dem Gedanken fest, dass Partnersuche von irrationalen Faktoren abhängt und die Liebe eben doch Zufall ist. Zufall, das ist ganz allgemein (und wenn ich sage allgemein, dann meine ich laut Wikipedia), der „Verzicht auf eine kausale Erklärung“. Eigentlich ist es eine brutale Vorstellung, führt sie uns doch die Nichtigkeit des eigenen Sein im Universum vor Augen. „Mit dem Wort ‘Zufall‘ gibt der Mensch nur seiner Unwissenheit Ausdruck“, sagte auch Pierre Simon Laplace, der hoffentlich jedem ein Begriff ist (Stochastik, Mathe, 8. Klasse). Er glaubte nicht, dass der Zufall vollkommen unberechenbar ist, und meinte, unter der Kenntnis sämtlicher Naturgesetze und Initialinformationen wäre es möglich, alle Ereignisse der Vergangenheit und Zukunft zu determinieren. Tja, die „Weltformel“ gibt es noch nicht, dazu sind wir offen gesagt schlichtweg zu blöd, aber gibt es eine Liebesformel?

 

Der Unterschied bei Tinder: hinter der App steckt kein Algorithmus

 

Unsereins verlacht ja verzweifelte Mittvierziger, die sich bei Datingportalen anmelden, aber lungert hemmungslos bei Tinder herum. Die Suche nach der großen Liebe soll vereinfacht werden, bloß keine unnötige Zeit verschwenden. Auch wenn sie das gleiche Ziel verfolgen, wenn auch vielleicht mit variabler Beharrlichkeit, Tinder unterscheidet sich von anderen Partnerbörsen vor allem in dem Punkt, dass hinter der App kein Algorithmus steht. Es wird nicht berechnet, wie gut zwei Menschen zusammenpassen und somit versucht, die Chance auf ein Zusammenkommen plus Einfamilienhaus und Hund mit Garten statistisch zu erhöhen – wer sich hinter dem digital geschönten Foto wirklich verbirgt, bleibt eine Überraschung. Mit der App Swarm kann man anderen anzeigen, wo man gerade ist, ob das was taugt oder sogar in der Nähe ist, vielleicht kann man sich ja treffen? „Man soll kein Papierflieger mehr sein, sondern eine Lenkrakete“, kritisiert Alard von Kittlitz in seinem Artikel „App-Autismus“ in der Oktober-Ausgabe der NEON. Das zufällige Moment wird kategorisch aus unserem Alltag eliminiert. So scheint es zumindest.

 

Wir finden den Zufall nicht blöd. Wir finden den sogar ganz wunderbar

 

„Weil die Leute den Zufall blöd finden“, erklärte nämlich der zweite Lovecast-Inhaber im Kölner Tatort wieder pars pro toto für andere Menschenversteher. „Sie wollen planen.“ Ich glaube aber, so ganz stimmt das nicht. Wir finden den Zufall nicht blöd. Wir finden den sogar ganz wunderbar. Nur kann man sich auf den verdammten Mistkerl halt nicht verlassen.
Also muss man ihm eben ein bisschen auf die Sprünge helfen. Und nichts anderes passiert doch bei Tinder: da wird der Zufall nicht ausgeschaltet. Er wird bewusst herbeigeführt. Eine perfide Strategie: sorgfältig planen, und wenn’s klappt, hinterher so tun, als wäre das alles ganz überraschend gekommen. Aber vielleicht ist das gar kein Symptom unserer Zeit, eigentlich funktionierte es bei Oma und Opa doch auch schon so: da ist er jeden Freitag in die Bar gekommen, in der sich der breiten Meinung nach die heißesten Mädchen der Stadt aufhielten, sie nuckelte wie gelangweilt an ihrem Drink und verrenkte sich eigentlich schon den ganzen Abend nach einem netten Burschen und sechzig Jahre später erzählen sie allen, keiner von ihnen habe damit gerechnet, an diesem Abend jemanden kennenzulernen.

Und darum geht es letztlich auch: wir wissen, nichts beflügelt so wie eine zufällige Bekanntschaft, eine Entdeckung aus heiterem Himmel. Und auch wenn wir manchmal ein bisschen Kontrolle zurückerlangen wollen, ein bisschen an der Statistik herumschrauben und Zufälle provozieren: am Ende wird getan, als wäre es eine glückliche Fügung des Schicksals gewesen, völlig ungeplant. Lasst uns einfach mal wieder wirklich ein bisschen Kontrolle an den Zufall abgeben – manchmal kann er’s noch, die alte Sau. Die Bar im Hinterhof zum Beispiel, die hat er doch wirklich gut hingekriegt.

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Bildquelle:  mcvickerphotog unter cc by-nd 2.0

 

Man hat uns gesagt, eine "witzige Kurzbeschreibung" zu unserer Person zu schreiben. Schrecklich, sowas übt immer enormen Druck auf mich aus. Also: Ich bin leider nicht mehr Ende 10, sondern mittlerweile Anfang 20, liebe Gin Tonic und Zitroneneis. Wenn ich nicht gerade Vorlesungen der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft schwänze, beobachte ich fremde Menschen in der U-Bahn und schmiere meine Gedanken in ein existentialistisches Suhrkamp-Notizbuch oder überrede Bands und Sänger dazu, Pfefferminzlikör mit mir zu kippen. Und den Witz überleg ich mir morgen.