Der Meme-Effekt: Much laugh!

Von Juliane Becker

Das Internet ist ein böser, dunkler Ort. Eben wollte ich mir nur ein kurzes Video auf YouTube anschauen, jetzt gucke ich seit drei Stunden eine fünfteilige Dokumentation über amerikanische Serienmörder und scrolle nebenbei ein bisschen durch 9GAG. Die zwei Texte für die Uni, die ich bis morgen lesen müsste, liegen unberührt neben meinem Bett. Die Zahl an Stunden, die ich auf diversen Online-Plattformen gewasted habe, dürfte sich mittlerweile im vierstelligen Bereich bewegen. Dabei sind nicht einmal Facebook, YouTube oder Twitter das Problem – viel größer ist die Versuchung, den gesammelten Quatsch der Welt in Form von Memes auf mich einrieseln zu lassen. Memes, das sind diese mit Text unterlegten Bildchen, die milliardenfach im Netz herumwabern. Man spricht dieses Wort übrigens wie „Miims“ aus, nicht „Mämäs“ oder so. Benedict Cumberbatch hat damit offensichtlich auch Schwierigkeiten.

9GAG dürfte neben imgur und 4chan wohl das größte Imageboard überhaupt sein. Jeden Tag wird dort so unglaublich viel neuer Content hochgeladen, dass es fast unmöglich ist, alles mitzubekommen. Merke: Wenn du beim Scrollen bei dem Post ankommst, bei dem du letztes Mal aufgehört hast, warst du eindeutig zu lange online. Die Memes beziehen sich häufig auf aktuelle Themen (The Fappening, Robin Williams, Kim Kardashian), vieles entsteht aber auch aus dem Nichts heraus. Wobei gewisse Motive (Katzen, Hunde, Emma Watson) immer ziehen. Am bekanntesten dürfte Grumpy Cat sein. Die unter felinem Kleinwuchs leidende Katze mit dem angenervten Gesichtsausdruck ist seit 2012 das Internet-Phänomen schlechthin und wurde mit diversen Fotos und mürrischen Sprüchen weltberühmt. Die besten Grumpy Cat-Memes gibt es übrigens hier.

 

Reposts verändern den Kontext

 

Ist ein Motiv erst einmal viral geworden, setzt die Mutation ein. Dabei sind die abgeänderten Memes meist das Klümpchen Gold im Haufen Dreck. Eine Facebook-Studie stellte im Januar 2014 fest, dass Memes wie Gene mutieren und sich mit zunehmendem Reposting immer weiter verändern. Populäre Bilder werden mit Hilfe von Photoshop und zusätzlichen Kommentaren tausendfach in einen anderen Kontext montiert und erlangen damit oft eine weitaus witzigere Bedeutung.

Zu den mutierenden Memes gehört auch Doge (sprich: Doosch), ein erstaunt bis begeistert aussehender Shiba Inu. Seine „Sprache“, die durch die dümmlich konnotierte Schriftart Comic Sans MS verdeutlicht wird, besteht nur aus kurzen Wortkombinationen im Stil von „such x“, „much x“, „very x“ – und: „wow“.

Wieso ich das so lustig finde? Vermutlich, weil sich so unglaublich viel damit verspotten lässt. Erzählt mir jemand von seiner neuen Fitnessmitgliedschaft, reicht ein kurzes, sarkastisches „such wow“, um das Gespräch wieder auf interessantere Themen zu lenken. Außerdem vereinfacht Doge die Wortbildung extrem, sodass ich mich auch nach ein paar Flaschen Wein verständlich äußern kann. Many wine. Such drunk. Very wow. Überhaupt ist das ein sehr interessantes Phänomen: hat man nur ein wenig Zeit auf diesen Foren verbracht, beginnt man fast automatisch, in Memes zu denken. Ein Beispiel:

Dieses verstört wirkende Kind ist Side Eyeing Chloe, die nicht wirklich mit der Information umgehen kann, dass sie und ihre Familie gleich nach Disneyland fahren werden. Faszinierend dabei ist, dass ich mittlerweile genau diesen Gesichtsausdruck bekomme, wenn sich ein could-you-fucking-not-Moment ergibt. Etwa, wenn sich jemand auf den Platz neben mir in einer vollkommen leeren U-Bahn setzt. Oder wenn die Frau im Wartezimmer in der Lautstärke eines Presslufthammers mit ihrem Kaugummi schmatzt. Chloes Gesicht hat sich für mich zum Symbol für alle zwischenmenschlichen Unannehmlichkeiten des Lebens entwickelt. Am liebsten würde ich es mir auf Visitenkarten drucken lassen und immer dann verteilen, wenn mir jemand auf die Nerven geht. „Because it is clearly the greatest reaction to anything ever“, formuliert es BuzzFeed.

Und dann gibt es natürlich noch die Memes, mit denen nicht besonders viel anzufangen ist, die aber trotzdem sauwitzig sind. Zum Beispiel Phteven, ein sehr hässlicher Chihuahua mit groteskem Überbiss – weshalb ihm ein ausgeprägtes Lispeln zugesprochen wird, ist klar. Phteven erobert sämtliche Bereiche, in denen sich ein S durch ein Ph austauschen lässt, und zählt deswegen zu den All-Time-Favourites. Und ja, auch das hat Auswirkungen im realen Leben. Wahrscheinlich werde ich nie wieder normal „Jurassic Park“ sagen können…

 

Klar gibt es jede Menge Crap in den Weiten des Internets. Klar haben Online-Plattformen eine nicht unbeträchtliche Mitschuld an der Verbreitung von gehacktem Content, wie es im September 2014 beispielsweise der Fall war. Und natürlich kann nicht jeder etwas mit dieser Art von Humor anfangen. Aber verdammt, diese Kreativität hat doch Respekt verdient! Und lachen kann man auf 9GAG und Co. öfter als bei allen Sitcoms dieser Welt zusammen.

Autorin: Nach mehreren Jahren des Pseudo-Studierens darf ich mich mit dem atemberaubenden Titel Theaterwissenschaftlerin B.A. schmücken. Ich hab's nicht nur wegen des Geldes gemacht! Ich geh auch so wirklich gerne ins Theater. Was ich sonst noch gerne mache: Mich über Sachen aufregen, die ich sowieso nicht ändern kann, Katzen streicheln, Videospiele spielen, Gin Tonic trinken und Dinge unternehmen, die nur minimale soziale Interaktion erfordern.