#yolocaust: Gegen den Selfie-Hype am Holocaust-Mahnmal

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In Berlin gibt es viel zu sehen. Abgesehen vom Brandenburger Tor, dem Bundestag, dem Fernsehturm oder der Siegessäule hat die Hauptstadt auch weniger erfreuliche geschichtliche Plätze zu bieten. Die Mauer ist natürlich das bekannteste Wahrzeichen der Stadt, aber vor allem das Holocaust-Mahnmal zählt seit seiner Eröffnung im Jahr 2005 viele Besucher. Die fast 20.000 qm große Fläche ist mit Hunderten unterschiedlich großen grauen Betonquadern gefüllt, die sinnbildlich für die Gräber, der unter Hitler ermordeten Juden, stehen. In den letzten Jahren, unter anderem durch den momentanen Selfie-Hype, nehmen immer mehr Besucher der Gedenkstätte dort Fotos von sich auf. Shahak Shapira, deutsch-jüdischer Satiriker, betitelt dieses Phänomen jetzt als absolut  geschmacklos und prangert es mit seinem neuen Projekt Yolocaus an. „Die Bilder zeigen, wie schnell Erinnerung in Vergessenheit geraten kann. Viele sehen das Mahnmal leider immer mehr als Lifestyle-Foto-Objekt und weniger als Stätte der Erinnerungskultur“, sagte er im Interview.

 

Yoga zwischen Leichen

 

Auf der Yolocaust-Homepage sind Bilder von Menschen am Mahnmal zu sehen. Einige springen über die schmalen Spalten zwischen den Betonklötzen, andere machen Sportübungen und Handstände inmitten der ‚Gräber‘. Bewegt man die Maus über eines der Bilder, so verschwindet die Farbe und der Hintergrund. Die Personen sind dann in der gleichen Pose auf einem Archiv-Foto des Holocaust abgebildet. Sie springen über tote Körper, jonglieren im KZ und machen Yoga umringt von Leichen. Das schockt natürlich. Doch genau das ist auch Shapiras Ziel. Er will die Leute drastisch wachrütteln.

Doch ist es wirklich so falsch, schöne und lustige Bilder an so einem Ort aufzunehmen? Ganz klares „Ja“! Wir müssen aufhören, unsere Geschichte als längst vergangenen Teil Deutschlands zu betrachten. „Jumping on dead Jews“ steht unter einem der Besucher-Bilder auf Instagram. Widerlich. Respektlos. Kaum zu begreifen, dass Leute so etwas tatsächlich unter ein Bild schreiben können. So lange es Menschen gibt, wird es auch immer solche geben, deren Selbstinszenierung keinen Respekt kennt. Und es wird Menschen geben wie Björn Höcke, die das Holocaust-Mahnmal öffentlich als „Schande“ bezeichnen und dafür von einem Teil der Gesellschaft noch gefeiert werden. Wir sollten etwas mehr Achtung haben, schließlich steht die Gedänkstätte sympolisch für das Grab von 6.000.000 ermordeten Juden. Würdet ihr auf einem Friedhof lachend Selfies oder Yoga auf einem Grab machen?

 

„Es gibt wenig, was unsichtbarer wäre als Denkmäler“

 

Ex-Kanzler Gerhart Schröder sagte bereits kurz nach der Eröffnung, dieses Mahnmal sei eines, das man „gern mal besucht.“ Der Architekt Peter Eisenmann nannte es einen „Place of no meaning“ . Wolfgang Herrndorf schrieb 2010 in seinem Blog: „Es gibt wenig, was unsichtbarer wäre als Denkmäler.“ Doch Denkmäler sollten nicht unsichtbar sein, sie sollen uns die Vergangenheit ins Gedächtnis rufen und unsre Gedanken schweifen lassen. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob diese Bilder das Denkmal nicht auch beleben – denn natürlich können Fotos an solchen Orten nicht verboten werden. Dennoch sollten wir alle uns überlegen, ob es nicht vielleicht besser wäre, das Handy und die Kamera einfach mal für kurze Zeit wegzustecken und stattdessen dieses Gelände auf uns wirken zu lassen – dafür wurde es schließlich auch errichtet.

Also hört auf mit diesem Selfie-Hype! 



https://www.instagram.com/p/BMwVejLArqH/

https://www.instagram.com/p/BO-Yzadjo2D/?tagged=holocaustmemorial

CvD: Ich studiere eine Kombination aus Soziologie und Politikwissenschaft an der Uni Augsburg. Meine politische Bildung habe ich jedoch eher durch gemütliche Weinabende mit Freunden als durch Anwesenheit in der Uni ausgebaut. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage „Und, was machst du nach dem Studium?“ bin ich wieder zum Schreiben gekommen.