Interviews, Kinofilme, Politik: YouTuber, schwimmt in eurem eigenen Kanal!

Bibi BeautyPalace One Direction

Wenn Bibi vom YouTube-Kanal BibisBeautyPalace mit 2,3 Millionen Abonnenten die Band One Direction mit 3,5 Millionen bei YouTube interviewt, kann man das Teenie-Gekreische unzähliger Halbwüchsiger erahnen. Das Ergebnis des Interviews ist ein journalistisches Desaster und eine Watschn für jeden, der sich inhaltliche Tiefe, Recherche und Nachfrage bei derartigen Gesprächen erhofft: Die fünf Fragen wurden allesamt vom Management der Band sorgfältig ausgewählt, wie Bibi in der Infobox unter dem Video angibt. Auf niedrigstem Smalltalkniveau ermittelt das Wasserstoffblondchen in holprigem Englisch deren Lieblingssongs vom Album, Lieblingsorte und Dinge, die sie gerne noch erleben würden. Hätten nur noch Lieblingstier und Lieblingsfarbe gefehlt. Ein Gespräch auf Sparflamme. Auf die Antworten geht sie nicht ein, lieber spielt sie ein super lustiges Spiel mit den beiden Vertretern der Band: Die Song Challenge. Vice-Musik-Experte Theobald Wrobel erklärt völlig zu Recht, dass Bibi mit diesem Interview den Musikjournalismus beerdigt. Eigentlich sind YouTuber in ihren heimischen Gefilden bestens bedient.

Invasion der YouTuber

 

Internet-Stars wie Bibi verdienen mit ihren Kanälen und dank Werbe-Deals, eigenen Labels und dem Verkauf von Merchandising-Artikeln, Hunderttausende von Euro im Monat. Fitness-Guru Karl Ess soll Berechnungen zufolge 800.000 Euro monatlich verdienen. Und der Erfolg reißt nicht ab, die Zahl der Abonnenten und Fans wie von YouTube-König Felix Kjellberg aka PewDiePie, der momentan über 40 Millionen Subscriber hat, steigt stetig. Als Gegenleistung erhält die Community schlechte Unterhaltung durch grottige schauspielerische Darbietungen, schlechte Witze und Let’s Plays, bei dem man Gamern beim Zocken zuschauen kann – welch eine Ehre. Auch Bibi trägt einen Beitrag zum Paralleluniversum der Teenies bei: Schminktipps, Haarstyling, Lifestyle. Doch das ist den Netz-Größen offensichtlich nicht genug, denn sie erweitern ihr Aufgabengebiet der Selbstdarstellung und wagen sogar den Sprung auf die Leinwand.

Mit dem Kinofilm „Kartoffelsalat“ von Filmemacher „Freshtorge“ mit Comedy-Urgestein Otto Waalkes kam diesen Sommer der erste Kinofilm mit YouTube-Stars wie dem Comedy-Trio „Y-Titty“, Beauty-Queen „Dagi Bee“ und natürlich Bibi. Der Streifen floppte, und selbst die Bravo fragte: „Ist Kartoffelsalat der schlechteste Kino-Film aller Zeiten“? Mit „Bruder vor Luder“ kommt demnächst ein weiterer YouTube-Streifen mit dem Duo „DieLochis“ in deutsche Lichtspielhäuser. Doch auch die Leinwand reicht als Plattform nicht aus.

 

Vom Netz in die Politik?

 

Paradebeispiel der Verirrungen auf fremdes Terrain ist Florian Mundt aka LeFloid, der es sich zur Aufgabe machte, die Internet-Generation auch in der Politik zu vertreten. Dieser war vom Bundespresseamt eingeladen worden, die Bundeskanzlerin zu Themen wie der Netzpolitik zu befragen. Das 30-minütige Interview mit Angela Merkel unter dem Hashtag #NetzfragtMerkel trat einen Shitstorm los. Polit-Redakteure im ganzen Land schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Was dort betrieben wurde, war alles andere als guter Journalismus. Denn LeFloid verfehlte die Rolle des kritischen Fragestellers. „Harte“ Fragen, die man von Politikjournalisten als Beitrag für einen ehrlichen Dialog erwartet, wurden nicht gestellt.

Die FAZ reagierte darauf fassungslos und sah das Interview als Beweis dafür, „wie die etablierte Politik für junge Leute zu einer fremden Welt geworden ist“. LeFloid selbst reagierte auf die Kritik harsch und rechtfertigte seine Unsicherheit laut der FAZ mit fehlender Berufserfahrung, dies sei schließlich „sein verficktes erstes Interview“ gewesen. Weiter schrieb die FAZ, LeFloid gebe wenig auf Kritik der „Profijournalisten“ und mache sich damit sicherlich keine Pressefreunde. Schlechte Idee. Denn wer das Image seiner Generation verbessern will, sollte es sich nicht gleichzeitig mit etablierten Printmedien verscherzen. Jeder macht seinen Job. Und um an dieser Stelle Böhmermann zu zitieren: „Wenn man nichts zu promoten hat, lieber mal die Fresse halten.“

Beitragsbild: Screenshot YouTube

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Wenn ich nicht gerade vom Thema abschweife, beende ich mein Studium der Anglistik und Philosophie in Darmstadt. Ich bin verträumt, zu selbstkritisch, liebe Konzerte jeder Art (Open Air, Festival, Wohnzimmer) und werde bei Schlaf- oder Essensentzug zu einem anderen Menschen. Geboren und aufgewachsen in Heidelberg führt mich die Suche nach dem Glück weiter in Richtung Großstadt und Redaktion. Daher verschlägt es mich zu ZEITjUNG.