Zauber Gelegentlichen Termine Zukunft

Ich bin ein Opfer der Berechenbarkeit. Unvorhergesehenes bringt mich aus dem Konzept. Der Ausruf “Ausgemacht!“ hüllt mich in ein wohlig-warmes Gefühl der Sicherheit. Monatliche Veranstaltungen geben mir Hoffnung für den Rest des Monats. Ich weiß, was kommen wird und das gefällt mir.

Was mir daran ganz und gar nicht gefällt ist, zum einen natürlich der Moment, wenn Geplantes über den Haufen geworfen wird und zum anderen, noch schlimmer: Die Routine, in die ich mich selbst hinein geplant habe. Ich sitze in meinem eigenen Glashaus der terminierten Verpflichtungen und traue mich nicht, mit unerwarteten Steinen zu schmeißen. Alle diese Termine habe ich fein säuberlich in meinen schwarzen Notizbuch von Moleskine aufgeschrieben. Jedes Jahr dasselbe. Seit Jahren.

Die Lösung für dieses Problem kann sein, mich dem Gelegentlichen zu verschreiben. Erfolg durch unerwartetes Erscheinen. Das Gelegentliche und Unerwartete kann uns von dem Trott, in dem wir uns befinden, heilen. Denn das Unerwartete hat nichts mit dem „sich rar machen“ oder einen geheimen Hinterhofrave zu tun, bei dem sogar das Datum in einer nach Hipstern duftenden Wolke versteckt ist. Ganz spontan und ohne feste Regelmäßigkeit etwas zu tun, kann trotzdem entspannend sein. Vielleicht lieber nur manchmal.

 

Die Zukunft der Gelegentlichen

 

Ein Verschreiben des Gelegentlichen scheint zukunftsmäßig gesehen natürlich wenig aussichtsreich. Wer nur “hier und da“ in die Uni geht, ist ganz symptomatisch gesehen nicht der Karrieretyp. Aber wer möchte das schon sein: „Der Karrieretyp“. Wir wollen vielleicht erfolgreich sein, das Bild des erfolgreichen Top-Managers ist aber in den letzten Jahren durch Skandale und unfassbare Ablösesummen immer weniger sexy geworden. Was ist also nun, wenn das Erreichen des beruflichen Erfolgs vielleicht auch durch überraschende Manöver zu erreichen ist. Sei es das gelegentliche Besuchen des Unikurses: Nebenbei hat Student X vielleicht einfach noch 10 andere Projekte am Laufen, die ihn irgendwie weiterbringen. Während du und ich so tun, als wäre dieser “Grundlagen der Linguistik“- Kurs der wichtigste aller Kurse.

Die Karriere derer, die Dinge eben nur gelegentlich machen, ist trotzdem mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere als die des Durchschnittsdeutschen. Die Wahrheit ist natürlich, dass die Kreativen, klischeehaft gennant die „Freigeister“, eher dazu neigen, Gelegenheiten zu nutzen, aber eben nicht jede. Dass „jede Gelegenheit nutzen“ und „gelegentlich“ im Deutschen als Ausdruck und Lexem so nahe beieinander liegen ist ein Paradoxon: Bedeuten sie doch etwas völlig anderes.

Im meinem Kopf erschaffen sie vollkommen unterschiedliche Bilder einer Person: Erzählt mir Freundin A, dass Freundin B jede Gelegenheit nutzt, flattern Bilder von 276 Tinder-Matches und der After-Hour in der Aufriss-Disco am Ostbahnhof durch meinen Kopf. Erzählt sie mir aber, Freundin B trifft sich gelegentlich mit Typ C, bewundere ich sie insgeheim für ihren Mut etwas ohne Regelmäßigkeit am Laufen zu halten, ohne sich in eine ungewollte Beziehung zu stürzen.

 

Rauchst du? Manchmal.

 

Das Phänomen des Gelegenheitsrauchens ist wahrscheinlich genauso generationsspezifisch wie Tinder und Gin Tonic. Nur ab und zu, aber trotzdem immer noch dabei sein. Lieber nur zum Bier und bei Stress. Während Mama und Papa oder Opa und Oma eher noch so “ganz oder gar nicht“ waren, entscheiden sich immer mehr von uns aktiv dazu in unregelmäßigen Abständen zu rauchen. Jede Zigarette verkürzt das Leben um 20 Minuten. Während rauchen also lebensmüde ist, ist das Gelegenheitsrauchen nur leicht fatalistisch: Genau das, was wir sind. Ganz groß im Schwarzsehen. Die Welt geht ja schließlich sowieso unter…

 

 

Die Coolness des Gelegentlichen

 

Die Sache mit dem kompromisslos durchgezogenem “ab und zu“ ist aber natürlich genauso gewollt und erzwungen, wie mein schwarzes Notizbüchlein voller Termine, an das ich mich klammere. Dass ich mich ab sofort der gelegentlichen Coolness des nur “hier und da“ Erscheinens verschreibe, ist unwahrscheinlich. Ich stelle es mir einsam vor und Einsamkeit ist scheiße. Trotzdem glaube ich an die Kraft des Gelegentlichen. Der Erfolg des Termine und Veranstaltungen auch mal sausen-Lassens, kann uns weiterhelfen. Unregelmäßigkeit als der Schlüssel zum Glück. Was uns eigentlich fehlt: Die Hoffnung, dass es irgendwie immer und auf jeden Fall weitergehen wird, die unsere Eltern und Großeltern noch eingeimpft hatten. Vielleicht geht die Welt ja doch nicht unter!

 

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Bildquelle: Pexels CC 0 Lizenz