BeziehungEmotionale MüllkippeEmpathieFreundschaftGeneration-YmomoZuhören

Warum wir nur bestimmten Menschen von unseren Ängsten erzählen

Gefühlsausbrüche, Hysterie und echte Sorgen. Wie man damit umgehen soll, wissen wir of nicht. Der erste Schritt: Richtig gut zuhören. Eine Anleitung.

Ein Handy klingelt. Sie steht auf, holt es aus ihrer Tasche und schaltet es aus. Es ist das Handy von Dr. Johanna Barth. Einer Psychotherapeutin mit Praxis in München. Ich sitze ihr gegenüber und sage: „Du kannst gerne dran gehen.“ Sie sagt: „Nein.“ Ein „Nein“, das keine Fragen offen lässt. Sie befindet sich im Gespräch – und zwar mit mir. Sie möchte sich jetzt auf mich konzentrieren und mir zuhören. Eine Sache, die sie sehr gut kann: Zuhören. Die These: Die wenigsten von uns können das – Zuhören.

Währen unseres gesamten Gespräches fühle ich mich wahrgenommen. Johanna Barth ist eine Person, der ich unabhängig von ihrem Beruf, gerne vieles erzählen möchte. Von meiner Familie, von meiner Kindheit, von meinen Ängsten und vielleicht sogar noch, wie ich meine Kinder nennen möchte. All das würde ich der Psychotherapeutin anvertrauen. Das Paradoxe an dieser Situation: Ich bin in ihrer Praxis über ein Phänomen zu sprechen. Damit gerechnet, das mir genau dieses Phänomen dort widerfährt, habe ich nicht. Es geht um die Kunst des Zuhörens und um die Antwort auf die Frage, weshalb wir manchen Menschen mehr anvertrauen wollen und manchen weniger.

 

Zuhören wie Momo

 

Genau, wie ich gegenüber von Johanna Barth das Gefühl habe, frei sprechen zu können, haben wir alle diesen einen Freund, dem wir ohne groß darüber nachzudenken, mehr erzählen als anderen. Wir haben das Gefühl dieser Mensch wird uns weder verurteilen, noch unsere Geschichten und Gefühle an Dritte weitergeben. Wir vertrauen ihm, denn dieser Mensch hat eine besondere Gabe: Er kann gut zuhören.

Entgegen der allgemeinen Annahme können das nämlich die Wenigsten. Hören ist nicht gleich Zuhören. Es braucht mehr als nur gesunde Ohren und ein sprechendes Gegenüber. Achtsamkeit, Konzentration und vor allem: Empathie, also die Fähigkeit, aber auch die Bereitschaft andere Menschen zu verstehen und auf ihre Emotionen und Persönlichkeit einzugehen. Richtige Aufmerksamkeit und direkter Augenkontakt kann Menschen manchmal sogar schon erschrecken. Zu wenig sind wir gewöhnt an das Phänomen des echten Zuhörens. Zuhören können wie Momo. Das wär’s:

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder.

Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie ihn ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.

Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder und entschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt, und er ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.

So konnte Momo zuhören!

(aus Michael Ende: »Momo« Stuttgart 1973)

Willst du deine Zuhör-Skills aufpolieren, solltest du folgende Dinge beachten, denn ein offenes Ohr kann manchmal mehr helfen, als wir denken. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen. Noch wichtiger: Sagen, wenn die Zeit im Moment eben nicht da ist. Manchmal ist es besser ein Gespräch zu verschieben, anstatt nur halbherzig zuzuhören. Außerdem: Konzentration und Augenkontakt, auch wenn unsere Augen nicht ganz so groß und dunkel sind wie die von Momo.

Was passiert, wenn man uns im falschen Moment erwischt und ein Ungleichgewicht zwischen Erzählendem und Zuhörendem entsteht, gleicht einer Müllkippe. Einer emotionalen Müllkippe. Voll mit den Sorgen und Problemen des einen. Das Gleichgewicht von Empathie und „authentisch sein“ des Einen wurde durch eine enorme Lieferung an Sorgen des Anderen durcheinander gebracht. Aufräumen fällt bei der Größe der Sorgenberge schwer.

So geschehen bei Freundin Lena, die zwar die Kunst der Empathie beherrscht doch der eine entscheidende Fähigkeit fehlt: Grenzen setzen. Doch wer kann das schon? Einer verzweifelten Freundin Einhalt gebieten, wenn man sich zu sehr belastet fühlt, ist unglaublich schwer. Bevor die fremden Sorgen einen aber drohen zu erdrücken, unbedingt notwendig. Die Folgen für Lena: Ein belastendes Gefühl, anstatt der Chance dem anderen helfen zu können.

 

„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“

 

Und dann, wenn wir zugehört haben, kommt die eine Sache, die uns manchmal sogar noch schwerer fällt, als wirklich gut zuzuhören: die richtige Reaktion. Denn manchmal sind Ratschläge eben auch Schläge, sagt mir Dr. Johanna Barth. Und wie Recht sie hat. Oder, wie Kettcar in ihrem fantastischen Lied “Im Taxi weinen“ singen: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“. Das trifft auch auf gut gemeinte Ratschläge zu, die uns sowieso meistens viel mehr wie unsere eigene Großmutter klingen lassen, als wir es jemals wollten.

Viel besser: „Verdammt noch mal, das ist echt ziemlich scheiße“ rufen und das Gehörte erstmal wirken lassen. Manchmal hilft eben schon ein bisschen fluchen und eine ernst gemeinte Mischung aus „Ich verstehe dich!“, „Es tut mir leid!“ und „Das ist eine beschissene Situation.“ Denn seine eigene Meinung über die Gefühle und Sorgen der anderen zu stülpen, mag gut gemeint sein, kann den anderen aber schnell erdrücken und seinen Gefühlsausbruch im Keim ersticken. Einfach mal da sein. Einfach mal zuhören – früher oder später wird man nach seiner Meinung gefragt.

Eine ohne Einschränkungen anwendbare Zuhör-Taktik wird es wohl nie geben. Fest steht jedoch, dass Zuhören zu erlernen ist – das meint auch Johanna Barth. Und sie muss es wissen, sie kann diese Sache mit den Zuhören, genau wie Momo, nämlich schon ziemlich gut.

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!

Bildquelle: Anna Harp/unsplash.com

 

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren