Web-Nazis unter sich

Von Juliane Becker

Zahllose ehrenamtliche Helfer und säckeweise Sachspenden für die Flüchtlinge: Die Deutschen zeigten in den letzten Wochen eindrucksvoll, wie hilfsbereit sie sein können. Und das ist auch wichtig, denn die Freiwilligen packen dort an, wo Regierung und Behörden überfordert sind.

Eine unglaubliche Solidaritätswelle überrollt Deutschland. Ganz Deutschland? Nein! Während tausende Ehrenamtliche bei der Kleidersortierung helfen, Kaffee ausschenken und den Asylsuchenden bei Sprachschwierigkeiten zur Seite stehen, türmt sich in den großen Foren des Internets der braune Dreck auf. Im vermeintlichen Schutz der Anonymität hetzen deutschsprachige User tausendfach gegen die Flüchtlinge.

Seiten wie „Ich bin stolz Deutsch zu sein“ und „KAR –Kriminelle Ausländer Raus“ „glänzen“ auf Facebook durch magere orthografische Kenntnisse und zweifelhaften Patriotismus – und mutieren so zum Sammelbecken der meist ungebildeten Alltagsrassisten. Harmlos, möchte man denken; neben dem üblichen rechtspopulistischen Geblubber („Das Boot ist voll!!!“ „Einwanderungsstopp JETZT!!!“) finden sich allerdings auch Kommentare, bei denen man sich nur fassungslos an die Stirn greifen kann. „Die würde ich alle AUsSCHWITZen“, schreibt ein User unter einem Beitrag zur Ausländerkriminalität, ein anderer fordert die „sofortige sterilisazion aller auslenderinnen“. Und geht sich danach wahrscheinlich erst mal einen Döner holen.

 

Upvotes für rassistische YouTube-Kommentare

 

Ganz besonders auf YouTube fühlt sich der rechte Rand offensichtlich sehr wohl, was auch daran liegen könnte, dass unangebrachte Äußerungen nur bei vielen Negativ-Bewertungen gelöscht werden. Denn „unangebracht“ erfährt hier eine ganz neue Definition; für die teils grob menschenverachtenden Aussagen gibt es nonstop Upvotes. Unter ausnahmslos jedem Beitrag, der sich mit Asylbewerbern und Flüchtlingsheimen befasst, schmeißen die selbsternannten Deutschlandschützer mit ihrem tumben Gedankengut um sich.

Sobald das Thema „Kanacken“ ausgeschöpft ist, zieht man eben über Grüne/Linke/SPD her und kritisiert beeindruckend uninformiert deren Einwanderungspolitik. Armutsflüchtlinge und politisch Verfolgte werden als „Sozialschmarotzer“ bezeichnet, die „auf Kosten der Deutschen“ das High-Life genießen wollen. Aus welchen Gründen es wirklich Hunderttausende aus Syrien, Serbien und Eritrea nach Deutschland zieht, welche Schwierigkeiten sie dafür auf sich nehmen, wie unwürdig sie in den überfüllten Heimen leben, das interessiert niemanden. Und dass von diesen Hunderttausenden nur ein Bruchteil in Deutschland bleiben darf, geht vollkommen unter.

Als in einer Reportage von SPIEGEL TV eine junge Afrikanerin äußert, dass sie hier gerne als Krankenschwester arbeiten würde, spottet ein User: „Das Negerkind soll zurück in die Wüste, wir brauchen sie hier nicht [sic!]“. „Lieber hätte ich die ISIS hier als diese dreckigen Zigeuner“, schreibt ein anderer. Beispiele wie diese zeigen: Mit ihrer Logik würden die Hater keinen Blumentopf gewinnen. Wobei sie auf schlüssige Argumentation sowieso kaum Wert legen und sich meist mit der Hetzer-Keule begnügen. Konkrete Aufrufe, Ausländer, Asylanten und Flüchtlingsunterkünfte einfach „auszurotten“, sind an der Tagesordnung.

Dass er sich dabei im Zweifelsfall strafbar macht, das weiß der gemeine YouTube-Nazi natürlich nicht. Tatsächlich ist aber unter § 130 im Strafgesetzbuch festgelegt, dass niemand die Bevölkerung „zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen“ aufstacheln darf. Das Ganze nennt sich Volksverhetzung und wird mit Freiheitsentzug oder Geldstrafe geahndet. An dieser Stelle muss man kurz festhalten, dass sich im Kommentarbereich auf YouTube eindeutig das Schlimmste abspielt. Die bösartigsten Randbemerkungen kommen dabei von anonymisierten Nutzern, die sich hinter Nicknames und Fakeprofilen verstecken und sich vermutlich nur angemeldet haben, um ihrer angesammelten geistigen Diarrhö endlich mal freien Lauf lassen zu können.

 

„Arschlöcher, für die sich andere Deutsche schämen“

 

Bei Facebook fallen die Beiträge gemäßigter aus. Meist agieren die User unter ihrem richtigen Namen und gehen vorsichtiger mit ihrer BILD-geschwängerten Meinung um. Umso öfter fügen sie vor ihr Geschreibsel den schönen Satz „Ich bin kein Rassist, aber…“ an. Daraufhin folgt dann fast immer eine Ausformulierung, die der Wikipedia-Definition von „Rassist“ sehr nah kommt. Die Perlen des fehlenden Denkvermögens finden sich übrigens unter www.ichbinkeinrassistaber.tumblr.com, wo bis 2013 genau diese Aussagen gesammelt wurden.

Man könnte sich fragen, wieso solche Personen, im Jahr 2014, angesichts der grausamen deutschen NS-Vergangenheit, überhaupt noch existieren. Die Antwort ist vermutlich: mangelnde Bildung und eingeschränktes Weltbild. Dass Deutschland ohne die ständige Zuwanderung gar nicht funktionieren würde, zeigte erst kürzlich eine Animation der SZ.

Die Flüchtlingszuwanderer sind und bleiben ein Thema, mit dem sich jeder auseinandersetzen muss. Asylbewerber sind keine Bürde, sondern Menschen, die das Recht auf ein besseres Leben haben, wenn sie es in ihrer krisengeschüttelten Heimat nicht finden können. Die wahre Bürde Deutschlands verbreitet ihre kruden Fantasien auf diversen Internetseiten und befindet sich eindeutig in der Unterzahl. Oder, wie es ein YouTube-Nutzer formuliert: „Liebe Flüchtlinge, denkt immer daran: Die Leute, die gegen Euch protestieren, sind herzlose Arschlöcher, eine kleine Minderheit, für die sich der Rest der Deutschen in ganz Deutschland zutiefst schämt!“


Du möchtest mit anpacken? Der Münchner Flüchtlingsrat hat auf seiner Website zusammengefasst, auf welche Weise man aktiv helfen kann. Außerdem bietet zum Beispiel die SchlaU-Schule die Möglichkeit, junge Flüchtlinge auf ihrem Weg zum Schulabschluss zu begleiten. Der Lohn? Ein Plus im Lebenslauf, Grundkenntnisse in Farsi, Arabisch oder Urdu und neue Freundschaften.


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Bildquelle: zoetnet unter CC BY 2.0