100 Fragen nach Paris: Warum Böhmermanns Fragen keine Antworten brauchen

Böhmermann

Seit Freitag fegt ein kalter Wind durch die Welt. Er weht von Frankreich aus und ist nicht nur draußen auf den Straßen zu spüren, wo sich die Menschen verunsichert umschauen. Er treibt auch, wenn nicht noch stärker, auf den sozialen Medien sein Unwesen. Das bunte Herbstlaub, das noch vor ein paar Tagen die Chroniken geziert hat, wurde von blau-weiß-roten Solidaritätsbekundungen ersetzt. An der Stelle, an der freitagnachts normalerweise aufgesetzte Grüße aus der Partyszene stehen, fanden wir schlicht gezeichnete Eiffeltürme und ein Gefühl, mit dem wir noch nicht umzugehen wissen: Fassungslosigkeit.

Paris bewegt. Paris bewegt uns alle, weil es nah ist. Weil es auch hier hätte passieren können. Weil es nichts Abstraktes mehr ist. Es tut aber nicht nur deshalb so weh, weil wir vielleicht selbst um nahestehende Menschen Angst haben, sondern auch, weil es unbequeme Wahrheiten sind, mit denen wir uns jetzt auseinandersetzten müssen. Es ist eine Komplexität, die sich nun offenbart, die nicht so schnell aufgelöst ist, die nicht in zwei Sätzen beantwortet ist. Auch nicht in 100.

 

Unbequeme Fragen zu unbequemen Gedanken

 

Jan Böhmermann postet am Samstag Morgen 100 Fragen nach Paris. Er setzt sich damit mit der Fassungslosigkeit auseinander, die so viele durchleben, und traut sich sogar dieses kollektive Gefühl punktuell mit Humor-Spitzen zu bekämpfen:

4. Wozu wird unsere Telekommunikation überwacht, wozu haben wir Geheimdienste, wozu wissen die Behörden, was wir im Internet machen, wenn nicht zur Verhinderung von Taten wie dieser?

13. Würden Pediga-Demos von alleine aufhören, wenn niemand mehr über sie berichtete?

31. Würden Frauen im Kriegsfall auch eingezogen?

48. Wäre Atheismus die Lösung?

65. Wann kommt der erste Idiotenpost von Jan Leyk?

66. Wie fühlen sich Bibi und Sami gerade?

Neben den vereinzelten Fragen mit Augenzwinkern, vor allem unbequeme Fragen zu unbequemen Gedanken, die durch die Attentate in Paris durch viele Köpfe geistern. Er spricht damit die Komplexität der Situation an, wirft Fragen auf, die nicht nur zum Nachdenken anregen, sogar das Nachdenken erfordern. Rhetorische Fragen werden oft als solche Fragen verstanden, die schon die Antwort implizieren. Das ist aber nicht ganz richtig. Denn eine rhetorische Frage steht in der Semantik, der Bedeutungslehre, vor allem als Stilmittel, welches die Meinung des Fragestellenden ausdrückt. Es geht also nicht darum, neue Informationen zu erschließen. Es geht darum, bestehende Sachverhalte in der grammatikalischen Form einer Frage wiederzugeben. Böhmermann stellt aber keine Fragen, die eine Antwort brauchen. Sie dienen lediglich als Sekundenzeiger auf der Uhr der Verarbeitung der Ereignisse. Sie deuten auf etwas, das nicht so leicht zu lösen ist, aber dennoch adressiert werden muss.

 

Auf ungebetene Fragen folgen ungebetene Antworten

 

Böhmermann schreibt: „100 FRAGEN NACH PARIS. Keine Antworten.“ Aber die ungebetenen Antworten kommen. Auf der wohl unpassendsten, unsensibelsten und unreflektiertesten Art und Weise, die möglich war. Andreas Rosenfelder, der Feuilleton-Ressortleiter der „Welt“, einem Ressort, das üblicherweise als besonders reflektiert und einordnend gilt, verfasst 100 Antworten auf Böhmermanns Fragen. Da hat der Beefträger viel zu schleppen.

1. Warum?

Bitte stellen Sie die Frage etwas präziser.

2. Warum hat das niemand verhindert?

Das ist im Moment noch schwer zu sagen. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass die Terroranschläge absichtlich nicht verhindert wurden, wie die Frage nahelegt.

Wie Die Welt bereits in ihrer zweiten Antwort nahelegt, sind einige dieser Fragen sehr schwer, bzw. (noch) gar nicht zu beantworten. Als Konsequenz hätte sie spätestens nach der dritten Antwort damit aufhören müssen. Weit gefehlt! Es folgen Ergüsse fehlender Kreativität und absoluter Taktlosigkeit:

76. Ist die Freiheit wirklich bedroht?

Nein, läuft.

86. Was sind das nur für Typen?

Noch vierzehn Fragen!

94. Spürt man kurz vor dem Tod noch was, wenn man seine Sprengstoffweste zündet, oder geht das zu schnell?

Oh boy.

Wenn das Weltgeschehen zum Eigeninteresse umfunktioniert wird

 

Geschlossen wird der Frage-Antwort-Katalog mit einem Statement, das einem den letzten Rest gibt: „Wir haben jetzt genau hundert Fragen beantwortet. Wenn das nicht reicht, müssten Sie tatsächlich bitte auswandern. Wir würden das aber bedauern.“ Eine Frage hätten wir dazu noch: Was in aller Welt nimmt sich „Die Welt“ raus, etwas derart anmaßend aus seinem Kontext zu zerren und es sich selbst noch zu Nutzen zu machen? Die Art, mit der Rosenfelder seine Hybris-Karte ausspielt, ist abstoßend. Es geht hierbei nicht darum, dass das Agieren einer öffentlichen Person kritisiert wird, sondern um die Art und Weise, in der das geschieht. Sich ein Thema so anzueignen, indem man selbst eine Provokation auslöst, um auf Reichweite abzuzielen, ist bei einem Ereignis wie Paris nicht mehr nur fragwürdig.

Gerade hat sich noch der Chefredakteur der „Welt“ dafür entschuldigen müssen, dass sich Matthias Matussek unpassend zur Flüchtlingsthematik in Bezug auf Paris ausgedrückt hat, schon haut „Die Welt“ den nächsten Knaller raus.

Die zivilisierte Welt hat gerade andere Probleme als ein durchgeknalltes Posting. Aber damit das klar ist: Ich…

Posted by Jan-Eric Peters on Samstag, 14. November 2015

 

Wenn „Die Welt“ ihre bewährten Mittel wie die provokanten und reißerischen Facebook-Kommentare, die auf die User-Reaktionen abzielen, bei einem solchen Thema wie die Auseinandersetzung mit Paris anwendet, dann hat sie eine entscheidende Sache nicht verstanden: Die Gewinnoptimierung ist eine Maxime, die der Empathie und der Reflexion unterzuordnen ist. Mit diesem Artikel hat sie es aber geschafft, ihre Taktlosigkeit unter Beweis zu stellen.

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Bildquelle: Youtube / Jan Böhmermann