John Oliver über Paris: Kann man Trauer „weglachen“?

John Oliver Paris

Vielen sitzen die Ereignisse des vergangenen Freitags noch tief in den Knochen. Stundenlang verfolgten wir fassungslos den Liveticker, beobachteten Journalisten wie Daniel Bröckerhoff bei dem Versuch, den Überblick über die Aneinanderreihung der Ereignisse zu behalten und Politiker dabei, ihre Solidarität kund zu tun. Die Schreckensnacht hielt uns wach. 48 Stunden nach den Attentaten auf Paris eröffnete John Oliver seine neue Folge von Last Week Tonight mit einer kurzen Abhandlung über die Geschehnisse. Oder sagen wir: einer humorvollen Hasstirade, adressiert an alle beteiligten „gigantic fucking assholes“. In gewohnt diskreditierenden Manier amüsiert er sich über deren Versuch, sich mit Frankreich anzulegen: „If you’re in a war of culture and lifestyle – good fucking luck“ und zählt Frankreichs kulturelle Waffen auf, darunter: Jean-Paul Sartre, Édith Piaf, französischer Wein, Camembert, Madelines, Macarons und – als Höhepunkt – Croquembouche, John Olivers selbst ernanntem “French freedom tower”. Ist ein “war of pastries” vergleichbar mit den kriegsartigen Szenen in Paris oder ist es zu früh, um über solche Witze zu lachen?

 

Lachen als Trauerbewältigung

 

Die einen finden es anmaßend, für die anderen ist es eine Art, mit der eigenen Betroffenheit umzugehen. Doch Lachen als Therapie ist keine neuartige Erfindung, das wissen wir spätestens seit es Clowns für die Aufmunterung krebskranker Kinder gibt. Lachen hat eine befreiende Funktion und ist die beste Medizin, das beweisen physische Vorgänge und freigesetzte Glückshormone. Humor als Trauerbewältigung funktioniert auch für Anthony McCarten. In seinem Ted Talk „On Laughter“ verrät der neuseeländische Autor, Schriftsteller und Filmemacher das Geheimnis des Lachens und setzt es in Kontrast zur Gefahr der Ernsthaftigkeit. Letzteres beschränke uns auf engstirniges Denken, Grausamkeit, starre Ideologie und beschere uns einen Tunnelblick. Humor dagegen ermögliche Unvoreingenommenheit, Empathie, Vergebung und letztendlich Frieden. Witze und Späße seien der richtige Umgang mit der Absurdität des Lebens. Im Umkehrschluss warnt Anthony: „Seriousness is not the correct respond to the absurdity of life!“

 

Lachen verbindet

 

Weiter sagt Anthony, um einen Witz zu verstehen, müsse man zu Gruppe gehören. Gemeinsam lachen wir über alles, was an unsere Zugehörigkeit zu dieser Gruppe appelliert. Witze schweißen uns zusammen und vermitteln uns ein Gefühl des Zusammenhalts. Und genau das ist während einer Trauerphase entscheidend. Laut Anthony stiftet gemeinsames Lachen Frieden und bringt ein Stück Hoffnung: „If we can laugh together, we can live together.“ Die Frage, wann nach Katastrophen und Todesfällen der Moment gekommen ist, in dem man wieder über darauf bezogene Witze lachen kann, ist ein sensibles Thema. Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wann er es kann, denn jeder empfindet anders. Wichtig ist jedoch, sich nach einer Phase der Betroffenheit irgendwann auch wieder davon zu distanzieren, um der Sache nur so viel Macht zu geben, wie es zur inneren Verarbeitung nötig ist. Und so lange sich der Witz oberhalb der Gürtellinie bewegt und niemandes Gefühle verletzt werden, kann Lachen ein wichtiger Beitrag zur Trauerbewältigung sein.

Hier seht ihr noch einmal Anthony McCartens Ted Talk „On Laughter“ und John Olivers Kommentar zum “war of pastries”:

https://www.youtube.com/watch?v=b2qM1I-JCEQ

Beitragsbild: Screenshot YouTube

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