Afghanistan: Schaut nicht weg!

Afghanische Kinder beim Spielen. Bild: Unsplash

In Anbetracht der aktuellen Bilder fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden, um angemessen über die Eroberung der Taliban und ihre Folgen für die Zivilbevölkerung in Afghanistan zu reden. Und dennoch ist es natürlich von äußerster Wichtigkeit, sich bewusst zu machen, in welch einer Lage die Menschen im Land zurückgelassen werden. Denn was vor allem Frauen und Gegner*innen der Islamisten mit trauriger Gewissheit jetzt in ihrer zerrütteten Heimat erwarten wird, ist kaum vorstellbar. 

Knapp drei Monate nach dem Abzug der internationalen Truppen haben die Taliban nun die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen und beherrschen somit nach 20 Jahren erneut das Land. Dabei sehen sich jetzt insbesondere Frauen mit der Brutalität der Terroristen konfrontiert. Denn zu welchen Verbrechen die Taliban fähig sind und dass sie dabei auch nicht vor Kindern halt machen, ist seit Jahren bekannt. Welche Gedanken gehen also in diesem Moment den Menschen durch den Kopf, die das Taliban-Regime gegen Ende der Neunziger Jahre selbst erlebt haben? Was müssen die Frauen denken, die unter der Schreckensherrschaft gelitten haben und sich für ihre Kinder eine bessere Zukunft erhofft und dabei auf die Unterstützung des Westens gehofft haben? Und wie müssen sich jetzt die Mädchen und jungen Frauen fühlen, die bis jetzt die Privilegien genießen durften, die für uns in diesem Teil der Welt so selbstverständlich sind? Nämlich zur Schule zu gehen und selbstbestimmt über das eigene Leben entscheiden zu können. 

Wo sind unsere Werte? – Überlebenskampf in Afghanistan

Die Bilder von den Menschen, die sich verzweifelt an Flugzeuge klammern und in den Tod stürzen, sind zutiefst erschütternd. Und die Tatsache, dass dieses Mal eindeutig der Westen an diesen Zuständen Schuld ist und man solche Szenen hätte vermeiden können, verschlimmert diese Eindrücke noch mehr. Zum ersten Mal ist unsere Generation auf solch drastische Weise mit dem politischen Versagen des Westens konfrontiert und zum ersten Mal sind wir dazu gezwungen, unsere Werte in Bezug auf die westliche Außenpolitik neu zu überdenken. 

Was gibt uns das Recht, nach über 20-jähriger militärischer Präsenz in Afghanistan, die Menschen in einer derart prekären Situation ohne rechte Begründung im Stich zu lassen?

Sind amerikanische oder deutsche Leben etwa mehr wert als afghanische? Oder die Bekämpfung des Terrorismus, die nach Angaben des amerikanischen Präsidenten das einzige Ziel des Einsatzes war? Aber war damals nicht auch irgendwie mal die Rede von Demokratie und Freiheit für das afghanische Volk nach westlichem Vorbild? Die Reaktionen auf die aktuelle Katastrophe sind gleichermaßen beschämend. In Anbetracht der schnellen Übernahme des Landes durch die Taliban wird häufig argumentiert, die Afghanen seien an der aktuellen Situation selbst schuld, da sie sich schließlich auch nicht selbst verteidigt hätten. Dürfen wir über diesen Umstand zu urteilen, wenn es doch amerikanische und europäische Truppen waren, die Afghanistan einige Monate zuvor verlassen und somit den Taliban das Land überlassen haben? Und kann man Menschen, die nicht gegen wahnsinnige Terroristen kämpfen möchten, weil sie wissen, dass sie dabei, wenn nicht im Gefecht, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit später, getötet werden, das wirklich zum Vorwurf machen?

Sprachbegeistertes Bauernkind mit Fernweh und Leidenschaft für Straßenkunst und Videospiele. Zudem Leserin von Büchern aller Art und stets auf der Suche nach der perfekten Formulierung.