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Alissa kämpft gegen Ebola: “Dort wird Hilfe gebraucht – ich kann sie geben”

Alissa Hein berichtet uns exklusiv von ihrem Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen vor Ort in Liberia. Ihr Beispiel zeigt: Jeder kann helfen!

Es klingt alles zunächst wie ein kleiner Sieg über Ebola: Die Zahl der Fälle sinkt, in Mali wird die Ebola-Epidemie vom Gesundheitsminister des Landes als beendet erklärt, da 42 Tage kein neuer Erkrankungsfall aufgetreten war, und die Titelblätter in aller Welt werden mittlerweile von ganz anderen Breaking-News geziert. Doch die Gefahr der weiterhin nicht behandelbaren Erkrankung bleibt bestehen: “Das ist nicht wie bei einem Erdbeben, das nur eine kurze Zeit anhält und im Anschluss können die Aufräumarbeiten beginnen”, erklärt Johannes Schad, Leiter des Ebola-Behandlungszentrums des Deutschen Roten Kreuzes in Monrovia gegenüber der ZEIT: “Es ist mehr wie ein Schwelbrand von unbekannter Dauer.”

 

Ebola-Epidemie: Die Gefahr ist noch nicht gebannt

 

Laut Ärzte ohne Grenzen (ÄoG) gibt der Rückgang der Ebola-Fälle zwar Grund zur Hoffnung, doch “die medizinische Hilfsorganisation ruft weiterhin zu Wachsamkeit auf. Die in der Bekämpfung der Epidemie erzielten Fortschritte könnten sonst auf’s Spiel gesetzt werden.” Zudem sei das ohnehin schwache liberianische Gesundheitssystem von der Ebola-Epidemie stark in Mitleidenschaft gezogen worden und viele Krankenhäuser seien geschlossen worden. Viele andere vermeidbare Krankheiten konnten nicht behandelt werden, weil die Bevölkerung kaum noch Zugang zu einer regulären Gesundheitsversorgung hatte.

“Auch wenn die ersten Gesundheitseinrichtungen nach und nach ihren Betrieb wieder aufnehmen, muss die Infektionskontrolle oberste Priorität bleiben, um das Risiko eines erneuten Ausbruchs zu reduzieren”, sagt ÄoG. Der Wiederaufbau der Gesundheitssysteme in den von Ebola betroffenen Ländern stelle eine große Herausforderung dar, die viele Monate dauern werde und umgehend beginnen müsse. Auch hierauf müsse der Fokus der internationalen Hilfe gerichtet sein.

 

Die Lage vor Ort in Liberia

 

Wir erfahren hier, in unserem Wattebett Europa, nur gefiltert durch die Darstellung in den Medien von der Lage in Westafrika. Alissa Hein war Ende letzten Jahres sechs Wochen lang Teil des Teams von ÄoG in Monrovia, Liberia und berichtet uns von ihren Erfahrungen vor Ort: “Ich arbeitete als sogenannter Supply Focal Point im Team, das sich um die Verteilung der Ebola-Hygiene-Kits unter anderem in stark besiedelten Gemeinden Monrovias kümmerte. Gegen 4 Uhr morgens sind die Verteiler-Teams in Konvois mit bis zu drei am Vortag beladenen LKW zu den Verteilungspunkten losgefahren und haben dort die Eimer mit Schutzkleidung, Reinigungsutensilien und einem Informationsblatt ausgegeben.”

So können sich Familien, in denen ein Ebola-Fall eintritt, im Umgang mit dem Erkrankten schützen, bis es zur direkten Hilfe und Behandlung im Ebola Treatment Center kommt: “Die Materialien wurden aus Europa eingeflogen, von mir im Lager mit einem Team lokaler Mitarbeiter empfangen, zunächst gelagert und dann in die Eimer verpackt und täglich auf LKW geladen”, erzählt Alissa.

 

“Ich vertraute Ärzte ohne Grenzen”

 

Hier in Deutschland arbeitet die Helferin Vollzeit in einem Architektenbüro in der Bauleitung. Ihr Einsatz in Liberia war ihr zweiter mit ÄoG. Über einen Vortrag erfuhr sie, welche Möglichkeiten es auch für Nicht-Mediziner gibt, in Hilfsprojekten eingesetzt zu werden – und arbeitete 2011 in Nigeria als sogenannte Allround-Logisikerin, wofür sie vorher ein Vorbereitungstraining absolvierte.

Ganz persönlich gehe es ihr bei den Einsätzen darum, einen Gegenpol zum Berliner Alltag zu haben und ihren Horizont zu erweitern, aber auch etwas Gutes und Sinnstiftendes beizutragen: “Die spezielle Ebola-Frage war auch weniger ein ‘Warum?’, als ein ‘Warum nicht?’ Dort wird Hilfe gebraucht – ich kann sie geben. Und ich vertraute ÄoG, dass ich ausreichend informiert und begleitet werde, sodass sich das Risiko meiner Ansteckung minimieren ließ.”

 

Das Risiko einer Ansteckung?

 

Auch, wenn viele ihrer Freunde und Bekannten sie zunächst für verrückt erklärten, folgte doch immer Anerkennung dafür, dass sie tatsächlich etwas tut, um zu helfen. Zunächst war da zwar schon die Sorge einer Ansteckung: “Als das Flugzeug in Monrovia landete, viele Passagiere sich beim Aussteigen plötzlich Gummihandschuhe anzogen und Schutzmasken aufsetzten – und ich nicht – war mir schon ein wenig mulmig zumute. Ich hatte einfach keine Vorstellung davon, was mich nun tatsächlich vor Ort erwarten würde.”

Sie verstand aber schnell, dass alle nötigen Maßnahmen gegen die Ansteckung getroffen wurden. Zusammen mit dem Wissen über Übertragungswege und -risiken wurde ihr klar, dass sie unter den Arbeitern im Warenlager zu den am wenigsten exponierten und gefährdeten Mitarbeitern gehörte. “Ich empfand mein persönliches Risiko vergleichbar mit dem, in Berlin beim Überqueren einer Straße von einem Auto erfasst zu werden. Bis zu einem gewissen Grad hab’ ich meine Gesundheit, mein Leben in der Hand – und trotzdem kann etwas passieren, das außerhalb meiner Macht steht.”

 

Vom Leben gelernt

 

Es gab jedoch auch schwierige Momente, in denen sie an ihre körperlichen Grenzen kam. Dann hat sie ihre Arbeit unterbrochen und eine Vertretung organisiert. Gerade im Einsatz gegen Ebola sei es überlebensnotwendig, auf sich zu achten und rechtzeitig “Stopp” zu rufen: “Wer übermüdet und unkonzentriert ist, vergisst auch schneller, sämtliche Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten und gefährdet damit sich und andere.” Insgesamt sei ihr aber klar geworden, dass sie in Zukunft humanitäre Hilfseinsätze in ihrem Leben einbinden möchte.

“Ich habe ein Stück Gelassenheit und Vertrauen in mein Können, meine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit dazu gewonnen, habe meine physischen und mentalen Kapazitäten getestet und weiß nun wieder ein bisschen mehr über mich”, schließt Alissa ihr Fazit. “Und, da ich die Chance hatte, selbst bei einem weltweit medial verfolgten Thema eigene Eindrücke zu sammeln, habe ich deutlich gemerkt, wie unterschiedlich die Wahrnehmung einer Situation ist, wenn man ausschließlich Informationen und Meinungen aus den Medien hat, im Vergleich zu der eigenen Erfahrung vor Ort.”

 

Der Kampf gegen Ebola geht in die zweite Runde

 

Auch, wenn von vielen Hilfsorganisationen Großes geleistet wird und viele Fortschritte erzielt wurden, kam die internationale Hilfe in Westafrika viel zu spät: “Sie war lange Zeit unkoordiniert und bruchstückhaft und ist nach wie vor nicht am tatsächlichen Bedarf orientiert”, bewertet ÄoG. Jetzt, wo einige Erfolge verzeichnet werden, ist es wichtig, nicht nachzulassen. Dabei geht es nicht um Panikmache, nicht darum, potenzielle Gefahren zu der sogenannten “Ebola-Angst” zu schüren, sondern vielmehr darum, Risiken realistisch abzuwägen, humanitäre Hilfe konzentriert an den Hotspots einzusetzen und die Kontakte von Ebola-Patienten systematisch nachzuverfolgen. Der Kampf gegen Ebola ist noch nicht vorbei, er geht lediglich in die zweite Runde.

 

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Bildquelle: (1-3) Julian Rey/MSF, (4) Martin Foya/MSF, (5) Caitlin Ryan/MSF, (6) Martin Foya/MSF, (7) Julian Rey/MSF, (8-15) Martin Zinggl/MSF, (16) Julian Rey/MSF.

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