Die Willkür unseres Mitgefühls: “Êtes-vous Ankara?“

Ankara-Terror-Anschlag

“Je suis Charlie.“, “Nous sommes Paris.“ Der Eiffelturm featuring das Peace-Zeichen. Solidarität zeigen ist so einfach im Internet und auf unseren geliebten Social Media Seiten. Nach den Anschlägen von Paris im Januar und November im letzten Jahr ging es jeweils sehr schnell mit den allseits bekannt gewordenen Solidaritätsbekundungs-Bildern und -Hashtags. Jeder, der was auf sich und seine politische Einstellung hielt, änderte damals sein Profilbild und postete Beileidsbekundungen, Artikel über die Hintergründe, Durchhalte- und “Weiter so“-Parolen, um unser Abendland zu verteidigen.

Und jetzt? Am Sonntag wurde in der Türkei schon der dritte Anschlag in diesem Jahr verübt. 37 Menschen sind tot. Insgesamt sind es schon 75 Opfer des Terrors. Dieses Jahr. Jetzt passiert – sofern wir es nicht verpasst haben – in den sozialen Medien: nichts. Kein cooler Hashtag, keine “Pray for XY“-Aufrufe, kein der Trauer angepasstes Profilbild.

 

Worin unterscheiden sich Opfer von Terrorismus?

 

Warum nicht? Was ist der Unterschied zwischen Paris und Ankara? Beides sind die Hauptstädte ihres jeweiligen Landes. Relevant sind sie also beide. Soll man es an den Opferzahlen festmachen? Schließlich sind ja in Paris im November 129 Menschen gestorben, ist es also deswegen einfach logisch, dass man bei hundert Opfern weniger, auch weniger solidarisch ist? Wer so denkt ist zynisch. Und vergisst, dass beim Anschlag auf Charlie Hebdo auch “nur“ 17 Menschen umkamen. Relativieren und gegeneinander aufrechnen führt also nicht weiter.

Aber was ist dann anders? Unterscheidet man zwischen “politischem Terrorismus“, den die PKK und ihre Splittergruppen verüben und “islamistischem Terrorismus“? Wie begründet man diesen Unterschied? Einen “islamischen Staat“ gründen zu wollen ist doch – rein objektiv betrachtet – ein durch und durch politisches Ziel. Hier kann man also auch nicht unterscheiden. Und in Istanbul war es ja auch der IS, der vor der Hagia Sophia Touristen in die Luft sprengte. Acht Deutsche waren unter den zehn Opfern. Die Erregungswelle schien doch recht hoch zu schwappen, höher zumindest als am Sonntag. Wir kommen der Sache langsam auf den Grund.

Gökay Sofuoğlu ist Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland und macht gegenüber ZEITjUNG den latenten Alltagsrassismus in Deutschland als eine mögliche Ursache aus. Zudem werde der Terror in der Türkei eher als “Normalfall“ wahrgenommen. Er spricht einen weiteren wahren Punkt an, wenn er feststellt, dass die Berichterstattung über die Silvesternacht zwei Monate angedauert hat und etliche Talkshows und Titelseiten füllte, aber der Terror in der Türkei – genau wie der in Syrien oder im Irak – gleich wieder vergessen ist, egal wie viele Menschen dabei sterben.

 

Eine einfache Frage an alle:

 

Ein junger Deutschtürke hat bei Facebook jetzt darauf aufmerksam gemacht, dass es diese Unterschiede gibt. Er änderte sein Profilbild und fragt uns damit: “Êtes-vous Ankara?“ – Seid ihr Ankara? Von seinen Mitbürgern hat er sich eigentlich die gleiche Solidarität mit willkürlichen Opfern terroristischer Gewalt gewünscht, wie wir sie den Opfern von Frankreich letztes Jahr entgegengebracht haben, vor allem, da sie ja heute mit ein paar Klicks so einfach zu zeigen ist. Aber gekommen ist halt nichts. Deswegen macht er darauf aufmerksam. Es ist auch eine Frage an die deutsche Gesellschaft, wo er als Deutschtürke seinen Platz haben darf. Frustriert erzählt er, dass er sich noch so sehr anstrengen und integrieren könne, so viel Arbeiten, pünktlich sein und aufgeräumt: am Ende bleibt er “der Muselmann“, “der Türke“, “der Ausländer“ – oder gleich “der Dschihadist“. Dass der Bart einen Deutschen zum Hipster und nicht zum Terroristen machen würde, verstehe ich, auch ohne dass er es ausspricht. Wie viele aber verstehen das sonst noch?

Atahan meint dazu: “Das einzige was uns hier an der Türkei interessiert, so scheint es mir, ist als Türsteher der modernen Welt zu dienen und den Syrern den Eintritt Richtung Europa zu verweigern. Europa ist die Disko und Türkei die Tür. Und Deutschland die Bar an die jeder will. Und solange nur die Türkei alles abkriegt und wenig Stress innerhalb der Diskomauern passiert, ist alles gut. Das kriegen die Besucher ja nicht mit. Und was vor der Tür passiert juckt den im Gebäude ja nicht.“

 

Solidarisch sein und Mitgefühl zeigen

 

Sofuoğlu kann gut verstehen, dass Atahan diese Frage stellt und etwas ändern möchte. Wir sind jetzt dran etwas zu ändern. Man könnte ein Bild des Atatürk-Mausoleums, das in Ankara steht, oder vom Parlament posten. Oder man könnte die türkische Flagge über sein Profilbild layern, so wie die französische Flagge immer noch über vielen Profilbildern liegt. (Man könnte Nationalflaggen auch ganz aus der Sache heraus lassen.) Man könnte so Vieles tun, das mehr als das bisherige Nichts wäre. Wenn man denn wollte. Im türkischen Social Web gibt es zum Beispiel dieses Bild, das ein Wortspiel aus der Hauptstadt und den Wörtern „An“ und „Kara“ ist. Es bedeutet: „Im Moment ist alles dunkel.“ Lasst uns Licht machen.

Ankara

 

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Bildquelle: Schezar über CC by 2.0

Autor: Da die Persönlichkeit ja ohnehin ihren Weg in jede Handlung, die man tätigt, wie etwa das Schreiben eines noch so kurzen Textes, findet, von ganz alleine also erklärt, wer man ist, beschränke ich mich an dieser Stelle darauf, in einem Satz darzulegen, wie schön ich Sprache finde, dass ich Europa liebe, noch mehr aber meine Plattensammlung von formidabler Qualität sowie die Musik im Besonderen und füge noch hinzu, dass ich als Münchner Kindl auch ein echter Grantler bin, der sich vor allem über jegliche Ungerechtigkeiten echauffiert, hoffend, sie durch Journalismus wenn schon nicht zu beseitigen, so doch sie wenigstens verbessern zu können.