Hört doch bitte damit auf, Armut zu glorifizieren

Mädchen Klamotten

Armut ist ein mehrschneidiges Schwert, und von Land zu Land unterschiedlich. In einigen afrikanischen Staaten unterscheidet sie sich wie bekannt ist, beispielsweise drastisch von der in Deutschland. Hierzulande waren im Jahr 2016 fast 20 Prozent von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Und irgendwo, irgendwann im Laufe der Zeit, haben es Menschen – und damit meine ich in erster Linie die Modeindustrie der industrialisierten Welt – zu einem Statussymbol gemacht, arm zu sein.

Weltweit leben immer noch mehr als 800 Millionen Menschen von weniger als 1,25$ pro Tag. Und wir? Wir laufen gerne im Penner-Chic herum, sodass sich die Hipster der heutigen Generation nicht mehr groß von Obdachlosen unterscheiden lassen. Selbst die High Fashion Welt des Glitzer und Glamour hat das Potenzial des Poverty Chic erfasst. Balenciaga brachte zu großem Spott eine Tasche heraus, die auffallend viel Ähnlichkeit mit der blauen Packtasche von Ikea besitzt, und die Marke „Golden Goose“, eigentlich eher bekannt für ihre teure High-End Bekleidung, versucht uns Schuhe zu verkaufen, die buchstäblich so aussehen als wären sie kaputt und notdürftig mit Klebeband repariert worden. Für 300 Euro. Jemand, der gezwungen ist, sein Paar Schuhe wirklich zu tragen bis sie abgewetzt aussehen, weil er sich kein anderes Paar leisten kann, kommt sich dabei wahrscheinlich ziemlich verarscht vor. Wie ist es soweit gekommen, dass Armut inzwischen als Statussymbol benutzt wird?

Vom Plattenbau zum Runway

Wir kleiden uns gerne im Vintagelook und kaufen Sachen ein, die absichtlich zerfetzt sind. Und während hier niemand der „Poverty Appropriation“ beschuldigt werden soll, der gerne mal eine zerrissene Jeans trägt (ich tue es auch), ist im Laufe der Zeit trotzdem ordentlich was falsch gelaufen: Klamotten, die „arm“ aussehen, werden inzwischen als salonfähig erachtet. Daran ist die Filmindustrie nicht ganz unschuldig. Filme wie Slumdog Millionaire oder Winter’s Bone versuchen Armut authentisch darzustellen, sie haben aber oft auch eine unterschwellige Message: sei dies, mach das und iss das, dann steckst du in den metaphorischen Schuhen der Protagonisten, und vielleicht kommt es dann auch zum Happy End.

Soll man die Menschen doch tun und tragen lassen was sie möchten, mag manch einer vielleicht sagen. Aber das Problem hierbei ist die Tatsache, dass viele Menschen nicht darüber entscheiden können, wie sie leben. Es ist unter anderem der Mangel an Entscheidungsfreiheit, der Menschen aus finanziell weniger gut gestellten Verhältnissen vom Rest unterscheidet. Es gibt Menschen, die können nicht einfach ihren Lebensstil ändern wie es ihnen gerade lieb ist. Und durch das Kokettieren mit dem Begriff „arm“ macht man sich nur über die lustig, die nicht dazu in der Lage sind, sich etwas anderes zu leisten und treibt die Kluft zwischen Arm und Reich nur noch mehr auseinander. Denn offensichtlich viel Geld zu haben ist nicht mehr cool, und das führt auf der anderen Seite auch dazu, dass das Reiche dämonisiert wird, und das Arme sympathisch.

„Armer“ Student ist guter Student

Selbst bei Studenten sieht und merkt man die Koketterie mit Armut ziemlich oft. Das Klischee des armen Studenten muss ausgereizt werden, um wirklich dazuzugehören. Wenn ich sehe, wie jemand monatlich einen Lumpen Geld in die Tasche geschoben bekommt, das alles für Alkohol und Gras ausgibt, nur um am Ende des Monats pleite zu sein und sich als „arm“ zu bezeichnen: ihr könnt mich mal. Knapp jeder vierte Student ist finanziell schlecht gestellt, und jemand, der sich mit Nebenjobs über Wasser halten muss, um sein Studium zu finanzieren, würde nur selten auf die Idee kommen mit seinem echten Mangel an Geld hausieren zu gehen.

Ein – Achtung, Sarkasmus –  „echt authentischer“ Student ist am Ende des Monats immer pleite, dumpstert sich fröhlich seine Gemüsepfanne zusammen und besitzt zur Weihnachtszeit in seiner WG einen zusammengebastelten Adventskranz aus Bierflaschen. Ansonsten würde doch der „Lifestyle-Aspekt“ des Studentendaseins verloren gehen. Dazu kommen allerlei lustige Lifehacks, die im Internet kursieren weil sie eben witzig und kreativ erscheinen. Was dabei aber oft vergessen wird, ist, dass diese Hacks nicht aus Spaß oder Langeweile entstanden sind, sondern aus purer Not. Aber ziemlich schnell wurde Fake-Poor zum Ziel aller! Aber nur für eine gewisse Zeit. Denn nach dem Studium muss man ja wieder zeigen, dass man Geld hat. Der Rest, der nicht in der Lage ist, den Schalter so einfach umzulegen, kann ja dann sehen wo er bleibt.

Diese Art von sozialem Voyeurismus hat uns in der Gesellschaft natürlich gerade noch gefehlt – aber sie ist bei weitem nicht neu. Wie oft kommt es vor, dass sich aus den unteren Gesellschaftsschichten bedient wird, sei es Klamotten, Essen, Musik oder Sprache? Vor allem in den USA ist dieses Phänomen weit verbreitet. Irgendwann ist es dann auch hier ganz normal geworden, „Assi-Slang“ zu benutzen und Reality-TV zu gucken, nur mit dem Unterschied dass wir es natürlich ganz ironisch machen. Woher diese Menschen kommen, von denen all das adaptiert wird, und was sie in ihrem Leben durchmachen, wird ausgeblendet. Wir sollten zwar absichtlich so verranzt wie möglich aussehen, aber wollen uns trotzdem noch über die lustig machen können, die keine andere Wahl haben.

Solange wir Menschen in Schichten unterteilen, wird das Phänomen auch bleiben

Dieses Phänomen ist bleibend, und wird sich wahrscheinlich auch so schnell nicht aus den Köpfen der Menschen verlieren. Es ist immer einfacher, von oben auf etwas herabzuschauen, als von unten nach etwas zu greifen. Für unsere Herkunft können wir nichts, und hier soll auch niemand in eine erzwungene Opferrolle gedrängt werden. Nur solange wir Menschen in die Kategorien „arm“ und „reich“ stecken, wird sich so schnell auch nichts an der Denkweise ändern. Wenn jemand eine behütete Kindheit hatte und unter privilegierten Verhältnissen aufgewachsen ist, wäre es genauso bescheuert, jemanden auf Grundlage dessen zu beurteilen. Auch reiche Menschen können aus reiner Sparsamkeit, Shoppingfaulheit oder sonstigen Gründen zerfledderte Schuhe und Klamotten tragen, es spielt keine Rolle warum. Aber dann kokettiert doch bitte nicht damit, dass ihr „arm“ seid. Denn Armut ist nie eine Entscheidung.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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