Von Markus Ehrlich

Wie es bei ZEITjUNG üblich ist, bringe ich eine Flasche Pfefferminzschnaps zum Interviewtermin im Berliner Hotel Michelberger mit. Die Jungs und das Mädel von „Arthur Beatrice“, Ella Giradot, Harmish und Elliot Barnes feiern das. „Was ist das denn?“, fragt Elliot lachend. „Willst Du uns vergiften?“ Wir begrüßen uns, stoßen an und trinken einen Shot des giftgrünen Likörs. „Gar nicht übel“, kommentiert Harmish. „Schmeckt aber ein bisschen wie Terpentin“. Ich frage, ob es okay ist, wenn wir kurz das Interview führen und hinterher weiter saufen. Die Band stimmt zu, wir legen los.

Auf eurem neuen Album „Keeping The Peace“ gibt es einen Song, der „Every Cell“ heißt. Der Text handelt von einem Menschen, dessen Körper und Geist runderneuert sind. Ist das ein Statement, das sich auch für euch als Band anwenden lässt?

Elliot: Guter Gedanke. Ich finde, dass das auf jeden Fall für unseren Sound gilt. Aus meiner Sicht klingen wir jetzt viel… Hm, wie soll ich sagen? Bombastischer?

Ella: (lacht) Bombastischer?

Elliot. Ja Bombastisch. Ich liebe das Wort. Unsere Musik klingt jetzt mehr nach Spaß und hat trotz-dem nichts von ihrer seltsamen… (stockt)

Schwer zu erklären?

Elliot: Ja total. Ich finde aber auch, dass sich viel verändert hat. Vor allem, wie Elliot schon sagt, auf der musikalischen Ebene.

Die wohl auffallendste Veränderung ist, dass Ella ab sofort die alleinige Sängerin ist. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

Ella: Für mich fühlt es sich an, als wäre das ein natürlicher Fortschritt in unserer Arbeit als Band. Ich habe mich schon immer eher als Sängerinn gefühlt, als als die Pianistin, die ich vorher war. Wenn du hinter dem Piano stehst, fühlst du dich irgendwie eingeschränkt. Ich denke, dass ganze Album ist ehrlicher, offener und freier. Gerade bei Live-Auftritten kann ich jetzt viel besser performen, weil ich nicht mehr hinter dem Keyboard gefangen bin.

Elliot: Es hat sich angeboten. Ella wollte mehr singen, Orlando (Anm. d. Red.: Orlando Leopard, die bisher zweite Stimme von Arthur Beatrice, der die Reise nach Berlin nicht mit angetreten hat) weniger. Er geht nicht gerne raus. Er reist nicht gerne durch die Gegend. Lass es mich so sagen: Er hat keinen Spaß an all den Extraaufgaben. Er liebt es, zu produzieren und Musik zu machen.

Aber war die Aufteilung der Vocals zwischen Ella und Orlando nicht ein Markenzeichen von euch als Band?

Elliot: Ja, auf jeden Fall. Aber du kannst es nun mal nicht ändern, wenn Leute für sich entscheiden, in Zukunft etwas anderes machen zu wollen.

Harmish: Es ist, wie du vorhin gesagt hat. Neuer Sound, neues Album. Wir wollen eine neue Band sein und das ist eine der Veränderungen, die wir dafür als wichtig erachten.

Es wirkt, als würdet ihr Ella in den Vordergrund stellen. Es wirkt ein bisschen wie bei „Florence and the Machine“. Dein Gesicht ist auf dem Cover des neuen Albums, du singst jetzt alleine. War es die Intention, den Fokus mehr auf dich zu legen?

Ella: Nein. Wir sind auf jeden Fall immer noch eine Band.

Elliot: Das mit dem Cover war eine lustige Situation: Wir haben unzählige Bilder geschossen und am Ende fiel auf: Das Bild, auf dem Ella alleine ist, ist das mit Abstand schönste. Wir hatten die die Wahl, eines der anderen zu nehmen oder uns eben für das wirklich schönste zu entscheiden.

„Keeping The Peace“ klingt komplett anders als euer Debütalbum „Working Out“. War euch klar, dass das passieren wird als ihr angefangen habt am neuen Album zu arbeiten?

Harmish: Ich denke schon. Wir haben mit unserem alten Sound den Punkt erreicht, wo wir gemerkt haben, dass wir uns weiterentwickeln wollen. Natürlich weiß man nie, wie ein Album klingen wird, bevor du es zum ersten Mal hörst, aber ich denke schon, dass uns allen klar war, dass sich etwas verändern wird. Wir wollten energetischer klingen, Dinge mache, die live besser klingen. Einfach neue Wege gehen.

Neue Wege, gutes Stichwort. Ihr habt für „Keeping The Peace“ mit dem London Contemporary Orchestra zusammen gearbeitet. Wie hat sich das angefühlt? Gemeinsam mit so vielen Leuten zu performen?

Ella: Es war ziemlich voll. Wir haben mit ungefähr 16 Leuten gespielt. Es war unglaublich. Am Anfang war es etwas kompliziert, sich mit den anderen Musikern abzustimmen, aber dann war es einfach fantastisch. Wir haben es am Ende geschafft, alles an einem Tag aufzunehmen, weil wir so großartig zusammen funktioniert haben.

Harmish: Es war schon komisch, aber eher auf die aufregende Art, nicht auf eine seltsame. Ich habe mir immer gedacht, wie cool ist es bitte, dass du in einem Raum mit 16 Leuten bist, die alle die Lyrics spielen, die du geschrieben hast. Und das war fantastisch. Wie gesagt, wir wollten für das neue Album größere Dinge machen, Dinge, die live besser klingen und ich glaube, das ist uns mit dem Orchester super gelungen.

Als ich reingekommen bin, habt ihr gerade einen Song von Kendrick Lamar gehört. In einem Interview habe ich gelesen, dass ihr große Fans seid. Könnt ihr euch vorstellen, mal mit ihm zu arbeiten?

Ella: Das wäre fantastisch. Vorstellen kann ich es mir aber nur in einer Traumwelt.

Kannst du rappen?

Ella: (lacht) Nein. Ich habe es mal probiert – aber nur geheim für mich selbst.

Als er international bekannt wurdet, passierte da fast ausschließlich über Social Media und Mundpropaganda. Warum habt ihr die große Musikbühne auf diesem Weg betreten?

Harmish: Das stimmt. Es gab schon Artikel in Musikblogs über uns zu lesen, bevor wir überhaupt angefangen haben, Musik zu machen. Nachdem über uns geschrieben wurde, hat es noch fast ein Jahr gedauert, bis wir fertig waren überhaupt etwas zu veröffentlichen. Das war etwas komisch und ist wahrscheinlich der Grund warum wir eher still und leise bekannt geworden sind, als mit einem Knall. Das war zwar nicht zwingend, wie wir es geplant haben, aber es ist schon schön, dass es nicht rüberkam wie: „Uhhh look at us.“

Persönliche Frage: Ihr kennt euch, seit ihr Kinder seid. Ist es nicht hart, so eng zusammen zu arbeiten ohne sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen?

Ella: (lacht) Wir sind sehr gute Freunde. Wir kennen uns seit über zehn Jahren. Wenn wir uns auf die Nerven gehen, wissen wir immer, dass es am nächsten Tag wieder gut ist. Das macht es einfacher.

Elliot: Es ist wie mit der Familie. Man geht sich so richtig krass auf die Nerven und am nächsten Tag ist es wieder vergessen, weil jeder einfach weiß, dass wir auf dem gleichen Level sind. Wir wollen das gleiche erreichen, da ist es egal, was wir manchmal zueinander sagen. Wenn es um die Musik geht, ist es nie eine persönliche Attacke. Es geht nicht darum, sich fertig zu machen, sondern mit der Band das bestmögliche zu erreichen.

Ihr habt auf eurer Homepage ein sehr persönliches Statement verfasst. Darin steht, dass Musik Therapie für euch ist. Was meint ihr damit?

Ella: Den Text habe ich geschrieben. Wir sind an einer Stelle in unserem Leben, wo alles im Wandel ist. Du bist irgendwie gefangen zwischen dem Teenager-Dasein und dem Erwachsenenleben. Da ist all die Verantwortung, die mit dem Älterwerden kommt. Als meine Mutter in meinem Alter war, war sie schwanger, heiratete und hatte ein eigenes Haus. Ich denke, dass ich dafür noch nicht bereit bin.

Du nennst dieses Gefühl in deinem Text „Quarter-Life-Crisis“.

Ella: Genau. Ich denke, die Musik ist ein Weg, diese Krise zu überwinden. Wir wollen mit dem neuen Album offener und ehrlicher sein. Die Musik ist für mich ein Weg, all meine Gedanken nach draußen zu bekommen, sie mit anderen zu teilen und eben nicht für mich zu behalten. Musik ist definitiv Therapie.

Glaubt ihr, dieses Gefühl der Unstetigkeit ist ein Problem unserer Generation?

Harmish: Schwer zu sagen. Einerseits wirkt das Leben unserer Elterngeneration auf uns natürlich sehr strukturiert und einfach. Andererseits sind damals andere Dinge auf der Strecke geblieben. Zum Beispiel der Umgang miteinander oder persönliche Freiheit. Ich glaube mit dieser Unstetigkeit kommen viele andere Dinge, die früher zweitrangig waren. Das ist auch, was wir mit dem Titel „Keeping The Peace“ sagen wollen. Es prasselt so viel auf einen ein, mit dem man umgehen muss. Da ist es wichtig ist, einen Weg zu finden, cool mit sich selbst zu sein.

Ich muss diese Frage noch stellen: Warum heißt ihr Arthur Beatrice? Ist der Bandname eine Hommage an die Golden-Girls-Schauspielerin Beatrice Arthur?

Ella: (lacht) Nein, gar nicht. Ehrlich gesagt, haben wir erst hinterher herausgefunden, dass es eine Schauspielerin gibt, den denselben Namen hat. Als wir angefangen haben, Musik zu machen, haben wir über diese beiden Personen – also Arthur und Beatrice – gesungen Wir haben mit dieser Gender-Idee herumgespielt. Manchmal hat Orlando die Texte aus der weiblichen Perspektive gesungen und ich aus der männlichen.

Diese Gender-Idee funktioniert aber, jetzt wo du alleine singst, nicht mehr. Braucht ihr jetzt einen neuen Bandnamen?

Harmish: (lacht) Nein, ist doch super cool, dass man Ellas Stimme hört und den Namen Arthur Beatrice liest. Man fragt sich: Ist das eine Band? Ist das ein Typ? Was ist das?

Danke für das Interview!

 

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!

Bildquelle: privat