Reisen im Auto

Ein vollkommen Fremder fährt mich nach Berlin. Alles, was ich über ihn und meine Mitfahrer weiß, sind ihre Namen und, dass sie dasselbe Ziel wie ich haben. Wir fahren los. Kaum sind wir ein paar Kilometer aus der Stadt raus, verstummt das Gespräch und mir fallen innerhalb von Sekunden die Augen zu. Eigentlich absurd. Die Situation, in der ich mich gerade befinde, ist eigentlich alles andere als beruhigend. Dieser völlig Fremde könnte mich sonst wo hinfahren, wenn wir überhaupt heile ankommen. Und dennoch möchte ich auf dieser Autofahrt nichts weiter tun, als meine Augen zu schließen und zu schlummern. Wie auf Knopfdruck einzuschlafen, wenn der Motor angeht, üben manche in Perfektion aus. Anderen fällt das im Traum nicht ein. Sie lösen vor Angst kaum die Augen von der Straße.

 

Mitleid für die Schlaflosen

 

Um ehrlich zu sein, gibt es nichts Schöneres, als auf langen Fahrten einzuschlafen. An das nächste, an das man sich erinnern kann, ist meistens die Ankunft. Man muss fast Mitleid haben mit Leuten, die das ulkige nebeneinander Gehocke nicht ähnlich entspannt überbrücken können. Bei den schlaflosen Mitfahrern steigt vermutlich von Minute zu Minute die Frustration darüber, dass alle anderen die spaßigsten Dinge in ihren Träumen erleben, während sie alle zehn Minuten auf die Uhr starren. Für sie müssen sich diese Fahrten unendlich lang anfühlen.

Im Prinzip hat Schlaf immer etwas mit Komfort zu tun. Nicht unbedingt damit, wie gemütlich wir es haben, sondern wie wohl wir uns fühlen. Die Schlaflosen müssen schlichtweg lernen, dass es nicht in ihrer Verantwortung liegt, auf die Straße zu achten. Vermutlich geben sie in der Regel nicht gern die Kontrolle ab und fühlen sich schnell unwohl, wenn sie Situationen nicht beeinflussen können.

 

Die Wissenschaft hinter dem Auto-Schlaf

 

Das entspannende Motorenbrummen kann manche von uns innerhalb von Sekunden ins Traumland befördern. Erstaunlich eigentlich, wenn es doch auch Nächte gibt, in denen wir kein Auge zu tun, weil die Küchenuhr zu laut tickt oder der Kühlschrank zu laut brummt. Beides Pipifax im Vergleich zum lärmenden Motorengeheul. Dass es uns dennoch beruhigt, liegt an der Tatsache, dass der Geräuschpegel so konstant und gleichmäßig ist. Colin Lecher von Popular Science vergleicht es damit, in der Nacht wach zu werden. Es sind nicht die lauten Geräusche selbst, die uns wecken, sondern die plötzliche Veränderung des eigentlich konstanten Geräuschpegels.

Einen weiteren Grund für das Phänomen des Auto-Schlafes beschreibt Geoffrey Underwood in seinem Buch „Traffic und Transport Psychology: Theory and Application“. Laut Underwood gibt es einen Trance ähnlichen Zustand, den wir beim Autofahren erreichen können. Er nennt diesen „highway hypnosis“. Dieser Trancezustand wird ähnlich, wie bei den Geräuschen von Wiederholungsdichte und Berechenbarkeit beeinflusst. Auf langen Fahrten auf der Autobahn ziehen stundenlang dieselben Bilder an uns vorbei: weiße Straßenmarkierungen, blaue Verkehrsschilder, rote Bremslichter immer und immer wieder. Das beeinflusst unsere Wahrnehmung. Denn da sich die Dinge immer wiederholen, beginnt unser Hirn, das Ganze als automatischen Prozess einzustufen, der nicht so viel Aufmerksamkeit bedarf. Gepaart mit Müdigkeit verfallen wir irgendwann der Schläfrigkeit.

Was vielen Fahrern gefährlich werden könnte, ist für manche Eltern ein wahres Wundermittel. Wenn das Kind mal nicht schlafen will, hops rein damit ins Auto, einmal um den Block düsen und schon schlummert es friedlich. Kennen einige noch aus der Kindheit, oder? Vielleicht ist das ja auch genau das Richtige, wenn der Partner mal keine Ruhe geben will.

 

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Bildnachweis: Joe St. Pierre: Instagram, Facebook, Flickr.