Backpacking: Selbsterfahrung oder Trenderscheinung?

Backpacking Selbsterfahrung Trenderscheinung

 

Will ich das wirklich?

 

Doch sollten wir diese ganz persönlichen und flüchtigen Augenblicke nicht für uns behalten? Sind es doch wir allein, die sich entschieden haben, den Rucksack zu packen und draufloszufahren. Was bringen uns Likes und die Anerkennung von außen, wenn wir uns selbst, ganz tief drinnen, in dem kurzen Moment vor Ort, gar nicht ernsthaft für den Inhalt der versendeten Bilder begeistern konnten? Meistens sind es doch ganz andere Dinge – das Strahlen der Straßenkinder, wenn sie nur einen Bruchteil deiner Aufmerksamkeit oder einen Schluck deiner Cola ergattern oder das Gefühl von Freiheit, wenn du beim Sonnenuntergang irgendwo im Nirgendwo ein Bier aus der Dose getrunken hast - die uns später, dann wenn wir an unser Abenteuer zurückdenken, ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Die Erwartung, für den eigenen Mut und das Erlebte bewundert zu werden, verleitet oftmals dazu, Dinge zu tun, die wir selbst gar nicht wollen.

 

Reisen für die gute Story

 

Fest steht: Backpacking ist genauso einzigartig und spannend, wie es anstrengend und nervenaufreibend sein kann. Doch genau diese weniger schönen Momente werden in den Schilderungen der Rückkehrer geschickt ausgespart und in den Facebook-Posts und Instagram-Bildern unter den Teppich gekehrt. Die Hauptsache ist – und das habe ich gelernt - sich selbst treu zu bleiben, auf den eigenen Körper und die eigenen Interessen zu hören. Reisen bedeutet Freiheit und Unabhängigkeit. Nur, weil man eine GoPro gekauft und einen zehn Kilo schweren Hightech-Rucksack auf dem Rücken trägt, heißt das noch lange nicht, dass man verpflichtet ist, die eigenen Hemmschwellen zu übertreten. Wer kein Problem damit hat, fünf Tage nicht zu duschen, wild zu pinkeln und unter freien Himmel zu schlafen, der wird es auch genießen. Doch wer seinen Rucksack nur der „guten Story“ wegen durch fremde Gefilde schleppt und die Ziele und Standards der Reise an die Erwartungen der heimischen Fangemeinde anpasst, wird enttäuscht zurückkehren. Und das ist die dritte und letzte Hypothese in diesem Gedankenspiel.

 

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Bildquelle: Sandis Helvigs unter CC0-Lizenz