Beziehung: Schmerz ist nicht gleich Liebe

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Und während Weinvorräte und Taschentücher kontinuierlich zur Neige gehen und die Spotify-Playlist mit den melancholischen Coldplay-Songs immer länger und länger wird, sitzt du angetrunken, mit Rotznase und roten Augen vor Wie ein einziger Tag und weinst voller Enthusiasmus, weil die Beziehung zwischen Ryan Gosling und Rachel McAdams ja mindestens genauso kompliziert ist wie die Beziehung, die du bis vor Kurzem noch geführt hast. Dein Ex (dieses Arschloch!) hatte einen ganzen Haufen Fehler, ja. Er sah auch nicht aus wie Ryan Gosling. Und ehrlich gesagt gingen dir sein presslufthammermäßiges Geschnarche und seine schlechten Arnold Schwarzenegger-Imitationen schon ziemlich auf die Nerven. Trotzdem vermisst du ihn. Sehr sogar. Die durchheulten Nächte und regelmäßigen Frustsaufeskapaden haben ihre Spuren hinterlassen. Du kannst deinen Herzschmerz praktisch sehen, wenn du in den Spiegel blickst. Und wenn es so wehtut, muss es doch wahre Liebe sein, oder?

 

Ich leide, also bin ich

 

Love is pain. So wird es uns von Kindesbeinen an eingetrichtert. Wahrscheinlich haben uns schon die diversen Disney-Filme darauf geprägt, die Liebe als unendlich kompliziert zu empfinden. Das Schema ist immer gleich: Unsere Beziehung könnte ja so schön sein, aber ich bin leider eine Meerjungfrau / ich bin leider nur eine Küchenmagd / ich stecke leider in einem Turm fest. Die Liste lässt sich ewig fortsetzen. Liebe muss zerstörerisch, kräftezehrend, schmerzhaft sein. Man muss alles und noch mehr geben, damit ein Happy End winkt. Muss böse Meereshexen besiegen, gläserne Schuhe verlieren und sein Haar opfern, um den Prinzen zu bekommen. Und sollte es mal unkompliziert sein, ist es keine wahre Liebe. Es scheint fast so, als würden wir uns nach jedem Ende einer Beziehung den Herzschmerz herbeiwünschen – um uns selbst zu bestätigen, dass diese ganzen Gefühle „echt“ waren. Wer nicht genügend leidet, hat nicht wirklich geliebt, und das wäre ein Beweis für verschwendete Lebenszeit. The Offspring umschreibt es im Song Self Esteem so: the more you suffer, the more it shows you really care, right?

 

Hollywood vs. Realität

 

Hollywood hat uns diesbezüglich ganz schön versaut, weil wir ständig Szenarien sehen, die mit der Realität so viel zu tun haben wie Angela Merkel mit christlichen Grundwerten. Wir sehnen uns nach tränenreichen Trennungen, die mit einem geschluchzten „Geh nicht!“ enden, nach verweinten Küssen im Regen und hochemotionalen Gefühlsausbrüchen, bis die Traumhochzeit am Ende des Films all die Schwierigkeiten und Probleme der letzten 88 Minuten wieder aufwiegt. Das kultivierte Leiden hat nicht nur durch Ryan Gosling, sondern auch durch Serien wie Sex and the City ein Gesicht bekommen. Und wir stellen fest: am Ende ist Carrie dann eben doch mit ihrem Mr. Big zusammen. Obwohl sie sich mehr als einmal gefragt hatte: „Hatte ich Big je wirklich geliebt, oder war ich nur süchtig nach dem Schmerz?“

Eine berechtigte Frage. Hinter der Leidenschaft für den Liebesschmerz steckt eine seltsame Logik – nach dem Motto: „Wenn mich meine Gefühle für dich so hart abfucken, dann muss es ja Liebe sein!“ „Die Mentalität dahinter lässt sich eigentlich mit unserem Verhältnis zu Arbeit vergleichen: Man denkt, dass man irgendwelche unsinnigen Anstrengungen vollbringen muss, weil man danach dafür belohnt wird“, erklärt der Berliner Beziehungstherapeut Roland Michna gegenüber Vice. Der Preis für den Schmerz? Eine hollywoodreife, oscarverdächtige Liebesgeschichte. Ganz toll.

 

Ein bisschen weniger Drama, Baby!

 

Vielleicht brauchen wir auch einfach eine gesunde Prise Drama in unserem Leben, um den langweiligen Alltag etwas aufzupeppen. Ob wir die durch tagelanges Grey’s Anatomy-Bingewatching oder ein halbes Dutzend gescheiterter Affären abbekommen, scheint dabei auch ziemlich egal zu sein. Warum sonst gibt es so einen riesigen Markt für schmalzige Liebesdramen und schlechte Schnulz-Romane? Wir lieben das Drama, daran gibt es keinen Zweifel. Ist ja auch okay. Nur: hört auf, den Schmerz mit Liebe zu verwechseln. Das Unglücklichsein, das ständige Heulen, der Schmerz – das heißt nicht, dass dieser letzte Funken „echter“ war als all die anderen Beziehungen, die ihr in eurem Leben hattet und haben werdet. Schmerz ist nicht gleich Liebe.

 

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Bildquelle: via Unsplash unter CC0 Lizenz

Autorin: Nach mehreren Jahren des Pseudo-Studierens darf ich mich mit dem atemberaubenden Titel Theaterwissenschaftlerin B.A. schmücken. Ich hab's nicht nur wegen des Geldes gemacht! Ich geh auch so wirklich gerne ins Theater. Was ich sonst noch gerne mache: Mich über Sachen aufregen, die ich sowieso nicht ändern kann, Katzen streicheln, Videospiele spielen, Gin Tonic trinken und Dinge unternehmen, die nur minimale soziale Interaktion erfordern.