Big, Bigger, Biggerexie: Ab wann wird Muskelaufbau zur Krankheit?
Ein perfekt trainierter Körper, eine perfekt zusammengestellte Ernährung und durch das alles auch ein perfekt aussehendes Leben: Viele eifern einem gedrillten und zum Teil auch nicht echtem Ideal nach und merken dabei gar nicht, wie gefährlich das sein kann. Essstörungen werden immer prävalenter und Männer werden bei der Aufklärung dieses Themas oft vernachlässigt.
Eine Krankheit, die vor allem bei jungen Männern immer öfter auftaucht, ist die Muskeldysmorphie. Diese wird auch Biggerexie oder Muskelsucht genannt und stellt eine zwanghafte Störung der Selbstwahrnehmung dar. Betroffene Personen sehnen sich nach einem den Idealvorstellungen der Gesellschaft entsprechenden Körper. Das heißt unter anderem: pumpen, pumpen, pumpen bis zum Abwinken.
Nun ist nicht jeder, der einen durchtrainierten Körper haben will, automatisch von einer Muskelsucht betroffen. Der Wunsch wird erst zum Problem, wenn die Vorstellung dessen, was „ideal“ ist, gefährliche Ausmaße annimmt. Ähnlich wie bei einer Anorexie entwickeln Betroffene mit der Zeit ein komplett verzerrtes Bild ihres Körpers. Die anfänglich gute Vision verliert sich in einem Wahn, den perfektesten und muskulösesten Körper zu haben.
Wir haben uns mit Dr. Christian Strobel, Psychologe bei der Fachambulanz für Essstörungen der Caritas München getroffen, und mit ihm über die Problematik gesprochen.
Der Begriff ist vielen wahrscheinlich nicht sehr geläufig. Was ist eine Muskelsucht?
Muskelsucht oder auch „Muskeldysmorphie“ bzw. Biggerexie ist eine psychische Erkrankung und eine diagnostische Unterform der Körperbildstörungen. Sie wird oft von psychischen Erkrankungen wie einer Essstörung beziehungsweise einer Depression begleitet.
Das Ziel ist, einen muskulösen Körper zu bekommen und um das zu erreichen, wird hart trainiert und einiges geopfert. Das wohl bekannteste Beispiel ist das Weglassen von Kohlenhydraten aus dem Ernährungsplan. Dieses Verhalten kann zu einem Zwang oder einer Sucht werden. Betroffene halten sich an ihren strikten Trainingsplan und können nicht mehr davon abweichen.
Dabei verschwimmt ihre Realität: Egal wie viel man trainiert, egal wie ausgeprägt der Sixpack sein mag – es ist nie genug.
Wie verändert sich zusätzlich zum exzessiven Training das Essverhalten der Menschen?
Im Moment ist es Usus zu sagen, so viel Eiweiß wie möglich, Low Carb, vor dem Kraftsport kohlenhydratreich, nach dem Sport kohlenhydratarm. Schlussendlich geht es darum, nur das zu essen, was dem Muskelaufbau guttut und nicht dem Wohlbefinden.
Gibt es schon Zahlen wie viele Männer und Frauen betroffen sind?
Kaum. Nicht mal bei Männern – bei denen die Krankheit viel häufiger vorkommt – gibt es verlässliche Daten. Ein Grund dafür ist, dass es keine eindeutigen, objektiven und trennscharfen Kriterien gibt, um Muskelsucht zu definieren: Wann beginnt zwanghaftes Trainingsverhalten? Bei dreimal oder achtmal Mal die Woche Training? Ist die Anzahl der Trainings oder die Intensität ausschlaggebend?
Bei Bodybuildern ist es leichter, eine Zahl zu bestimmen: Man spricht von bis zu 25 Prozent der männlichen Bodybuilder, die von Muskeldysmorphie betroffen sind. Was natürlich der Natur der Sache geschuldet ist.
Die meisten Menschen, die trainieren, sind stolz auf ihre Muskeln und sehen darin keinesfalls eine Krankheit. Woran erkennt man eine Muskeldysmorphie?
Ich würde mir selbst die Frage stellen: Was passiert, wenn ich nicht trainieren kann? Man muss herausfinden, ob man sich aufgrund des Trainingsplans zurückzieht, abschottet oder Angst und Stress entstehen, wenn man mal ein Stück Torte gegessen hat.
Dabei helfen diese Fragen: Höre ich auf zu trainieren, wenn ich eine Erkältung bekomme? Bin ich gestresst, wenn ich nicht trainieren kann? Kommen negative Gefühle auf, wenn mich etwas vom Training abhält? Wenn ein Leidensdruck entsteht, dann spricht man von einer Störung.