„Chemie-Gras“: Giftiges Cannabis gleich Legalisierung?

„Die Menschen sind nicht süchtig nach Cannabis, sondern nach dem gestreckten Haze, das kein natürliches High hervorruft.“ Ein Vice-Video wirft viele Fragen auf. Konsumierende denken um, Legalisierung kann erneut debattiert werden und wir blicken auf die tatsächliche Drogen-Lage Deutschlands im Gespräch mit zwei Kölnern. Wie gefährlich ist es, wenn alles so bleibt wie jetzt?

Am 05.01.2021 veröffentlichte Vice ein Video über sogenanntes „Chemie-Gras“ und schaffte damit etwas Ungewöhnliches. Anders als alle Drogenpräventionsmaßnahmen der Bundesregierung, die Aufklärung an Schulen oder Hausarrest der Eltern dringt ein einzelner Dealer zu Konsumierenden durch und klärt darüber auf, wie dramatisch die Cannabis-Situation in Deutschland sein soll. Im Video geht es um den Dealer „Banks“ (Name geändert), der seit sieben Jahren tickt. Und das im großen Stil. Obwohl er 100.000 Euro Umsatz im Monat mache, will er nun aussteigen. Das was er tue, könne er nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Er erklärt, was sich geändert hat. Seinen Angaben nach sollen rund 90% des Cannabis in Deutschland nicht Cannabis sein, sondern synthetische Cannabinoide. Die sind gefährlich, verursachen Ohnmacht und können zum Tod führen. Doch seine Kunden wollen dieses „Haze, das wegklatscht.“

Dealer Banks. Fotoquelle: Screenshot von Vice / Youtube

Viele Banks in jeder Stadt: Interview  

Ich spreche mit zwei jungen Männern: Lukas (20) konsumiert mehrmals wöchentlich Cannabis und die Doku lässt ihn umdenken. Arian (19) dealt selber und das ziemlich groß. Konsumiert er selber, was er verkauft, und weiß er, so wie Banks, woher das Gras kommt und was drinnen steckt? 

Die beiden kommen aus Köln. Banks soll in Gießen seine Geschäfte machen und analog dazu gibt es wohl in jeder Klein- bis Großstadt dutzende Dealer (weniger Dealerinnen). Irgendwie kommt man an sein Cannabis, auch wenn es den Weg zum Bahnhof erfordert. Das zeigt, dass die gleichen Strukturen auch an den meisten anderen Standorten in Deutschland zu finden sind.  

Banks zählt seinen Gewinn nach. Fotoquelle: Screenshot von Vice / Youtube

Lukas (*alle Namen geändert) hatte länger Probleme mit seinem Hals, gefühlt steckte dort ein Kloß und er litt unter Schmerzen. Diese gingen einfach nicht weg. Dann schaute er das Video und machte selber den Test mit seinem Gras, das er mehrmals wöchentlich rauchte. Echtes Cannabis lässt sich einfach abbrennen, gestrecktes Gras nicht. Er fand Sand darin, andere beliebte Streckmittel sind z. B. Brix, eine Zuckerflüssigkeit, Haarspray oder tatsächlich auch Glas. Als er das bemerkte, kiffte er eine Woche lang nicht und plötzlich fühlte sich der Hals wieder besser an. Denselben Test machte er dann später bei „Homegrown„-Gras, das wiederum verursachte gar keine Halsschmerzen.  

Arian dagegen ist selber (relativ) nah an der Quelle. Er gibt an, das Gras, das er selber vertickt, nur sehr selten zu konsumieren. Wenn dann von woanders, wo man weiß, dass es besser ist. Auf die Frage, ob er selber weiß, was in seinem Gras steckt, antwortet er: „Also, ich habe mir schon mal dieses Spray bestellt und habe das dann auf normales Gras gesprüht. Ansonsten gibt es ja eh schon seit längerem Spice, das ist dieses Künstliche.“ Spice ist das erwähnte Chemie-Gras, das aus synthetischen Cannabinoiden besteht. „Ich kenne auch Leute, die das als normales verkauft haben, da ist halt die Gefahr, dass das viel zu stark dosiert ist. Ich selber habe auch schon oft Pakete mit nicht-gestrecktem Gras bekommen, obwohl man sich da nie zu 100% sicher sein kann. Man hat halt keine Ahnung, woher es kommt. Bei einem weiß ich, dass es aus Spanien kommt, es kann aber auch hier angebaut worden sein oder in Holland. Was ich weiß ist, dass oft Talkum oder Brix drinnen war oder ich selber auch mal Zuckerwasser drüber gemacht habe.“ Und dann geht es um die Wirksamkeit einer Legalisierung: „Klar würde es etwas bringen. In Deutschland wird sowieso alles 100-mal kontrolliert, dann gäbe es sicher kein gestrecktes Gras mehr. Aber die Menschen, die die Drogen verkaufen, bleiben, denke ich, dieselben. Viele Dealer legen sich etwas Geld zur Seite und würden dann einen eigenen Laden machen. Die organisierte Kriminalität würde aber bleiben, nur eben im Darknet. Durch die Legalisierung wäre es dann auch noch einfacher Drogen zu verschicken oder sie zu bunkern.“

Ist die Situation tatsächlich so dramatisch?

Im Video und auch von Arian wird die organisierte Kriminalität angesprochen, für die Drogen die Haupteinnahmequelle ist. Es ist eine ewig lange Kette: vom Anbau bis zum Konsumenten. Und der Weg dazwischen ist gefüllt mit eben dieser organisierten Kriminalität, aus der Gewalt, Drohungen und Misshandlungen hervorgehen. Ehre, Waffen und eigene Bezirke, die bestimmte Dealer vereinnahmen. Auf den Straßen herrschen andere Regeln, die unter der Oberfläche ablaufen. Das Bundeskriminalamt (BKI) stellt gegenüber Vice fest, dass in den letzten Jahren immer mehr solcher neuen psychoaktiven Stoffe (NPS) in Umlauf geraten. Konsumierende könnten durch die zugesetzte Menge NPS die Wirkung nicht einschätzen und das führe oft zu einer Überdosis. Das BKI spricht von mehreren 100 Vergiftungen durch das gestreckte Gras, die Ohnmacht, Psychosen und im schlimmsten Fall den Tod herbeigeführt hätten. Auch ein Toxikologe bestätigt das gegenüber Vice und bemängelt, dass es eine große Datenlücke gebe, die durch ein fehlendes „Drug Checking“-System geschlossen werden könnte. Die 90% des anscheinend gestreckten Cannabis, wie Banks vermutet, würden aber deutlich minimiert. Schätzungsweise liegt der Anteil bei 10-30% deutschlandweit.  

Als Kölnerin liebe ich jedes bunte, tratschige oder politische Thema. Daneben findet man mich auf der Yogamatte oder in der nächsten Eckkneipe, immer im Gespräch mit anderen Menschen.