ZEITjUNG: Mit 23 Jahren bist du für dein Filmstudium nach Kassel gezogen. Wie oft warst du danach wieder in Belarus?

Aliaksei: Ich war ständig in Belarus, fast jedes Jahr. Dort habe ich auch viele Kurzfilme gedreht. Mein Ziel war es schon immer, diese zwei Länder – Deutschland und Belarus – miteinander zu verbinden, auch auf kultureller Ebene.

Z: Lukaschenko regiert nun schon seit 26 Jahren, zu seinem Amtsantritt warst du etwa 6 Jahre alt. Kannst du dich noch an das Belarus von „damals“ erinnern, vor Lukaschenko?

A: Ne, eigentlich nicht. Ich habe nur noch die Zeit in Erinnerung, als er dieses Referendum gemacht hat (das war, glaub ich, 1999). Das war auch die Zeit, als er sich immer mehr Macht gekrallt hat. Meine Eltern waren zu dieser Zeit sehr aktiv, mein Vater etwa war schon von Anfang an kritisch gegenüber dieser Machtzunahme eingestellt. Und als dann die ersten Zeitungen darüber berichtet haben, dass Politiker anfingen zu verschwinden – ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie mein Vater diese Zeitungen gelesen hat. Damals wurde es dann auch unmöglich, diese Zeitungen in normalen Geschäften zu kaufen, es gab nur den Selbstdruck. Die Zeitungen wurden dann von Omas an Bahnhöfen verkauft, anders kam man nicht an diese Informationen.

Z: Die Aufnahmen der Demonstrationen wurden vor Ort mit der Filmkamera aufgenommen – im Wissen, dass ihr verhaftet werden könntet. Wieso seid ihr das Risiko trotzdem eingegangen?

A: Ich wollte einfach einen Film machen, das Risiko war uns dabei schon bewusst. Zuerst waren wir mit einem deutschen Kameramann in Belarus, Jesse Mazuch. Dann, so im Frühjahr 2020 – oder vielleicht sogar erst im Sommer – wurde mir klar, dass die Dreharbeiten mit einem deutschen Kameramann nicht weiter möglich sein werden und dass ich eine Person vor Ort finden muss, die das Risiko einschätzen kann und sich mit mir auf diese Filmreise begibt. Und ich hatte Glück, als ich über die Empfehlung eines guten Freundes von mir Tanya (Haurylchyk) kennengelernt habe. Sie ist eine unglaublich couragierte und mutige Frau.

Uns war von Anfang an klar, dass geschossen werden wird; dass es Blend- und Gasgranaten geben wird – das war keine romantische Vorstellung. Wir haben uns vorbereitet, extra Gasmasken gekauft und Westen organisiert (die eigentlich keine wirkliche Hilfe boten). Zur Frage, wieso ich das Risiko eingegangen bin: Naja, also was soll ich denn machen? Wenn in meiner Heimat gerade eine humanitäre Katastrophe passiert, kann ich als Filmemacher nicht über Hunde und Katzen drehen. Das war für mich selbstverständlich. Und ich will mich hier nicht heroisieren – es gab viele Menschen, die auch gedreht haben, und viele Kollegen wurden festgenommen.

Ich hatte einfach großes Glück, dass Tanya und ich nicht festgenommen wurden und das Filmmaterial nach Berlin bringen konnten. Uns hat natürlich auch gerettet, dass wir von Anfang an die Einstellung hatten, dass wir einen Film drehen; wir waren keine Journalisten, keine Aktivisten. Ich baue eine Atmosphäre, ich bezeichne die Zustände auf der Straße – das ist es, was ich vermitteln wollte. Eine Distanz zu schaffen und dabei trotzdem so nah wie möglich am Geschehen zu bleiben. Ich wollte die Menschen zeigen und beim Zuschauer den Gedanken auslösen: „Was würde ich tun, wenn ich in dieser Situation wäre?“