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„What about Guantanamo?“ – Das Problem mit dem Whataboutism

„Ja, aber…“ – Noch nie waren solche Antworten gute Antworten. Das Phänomen des Whataboutism ist nicht neu, aber immer noch scheiße.

Alles ist relativ: Die Krim, das Gefangenenlager Guantanamo und die Flüchtlingskrise. Bekanntlich geht schlimmer ja immer. Nach den Silvestervorfällen in Köln wurden Stimmen laut, dass doch auf dem Oktoberfest in München oder dem Kölner Karneval ähnliche Übergriffe an der Tagesordnung wären. Ja, das stimmt. Aber wieso müssen Vorfälle relativiert werden? Wieso greifen wir immer gleich zum Vergleich? Ist das Taktik – wenn auch eine unterbewusste?

Fakt ist: Frauen, die in der Silvesternacht Opfer, von wem auch immer, verletzt wurden, nützen diese Aussagen, wie auch immer sie gemeint waren, gar nichts. Statt sich aufgeworfene Fragen und Probleme zu stellen, wird ein neues Thema aufgeworfen. Ohne Ankündigung, ohne Gnade.

 

Was man tun kann? Nichts.

 

Es erinnert ein bisschen an Veganer, die klischeehaft an jeder möglichen Ecke ihre eigene Agenda vorantreiben (Fleisch ist doof und so). Leider auch ein bisschen an Freunde, Bekannte und Familienmitglieder, die statt auf dich und deine Probleme einzugehen, lieber ihre eigene Gefühlswelt (zum 100. Mal) eruieren. „Was, du hast Probleme im Job? Meine Probleme sind GANZ SICHER schlimmer.“ Was man mit solchen Menschen machen kann? Rein gar nichts, sie werden es nämlich nie verstehen.

Auf politischer Ebene ist „Whataboutism“ aber ein ernstzunehmendes Problem. Wenn Konfrontationen immer nur weitergeschoben und durch andere scheiß-Situationen übertrumpft werden, kommen wir nicht weiter. Bekanntlich läuft es sowieso schon nicht so geil in letzter Zeit. Eine Sache, die uns zum Denken bringen sollte: Schon die Nazis waren wahre Meister des Whataboutisms und reagierten auf die internationale Kritik nach der Reichsprogromnacht wenig souverän mit der Überschrift: „Londoner Hetze wegen Glasscherben – aber kein Wort über zerstörte Araberdörfer in Palästina!“ 

Whataboutism ist aber mehr als der bloße Akt des „Nichtzuhörens“, es ist eine Augen-schließen und Ohren-Zuhalten. Wäre noch eine Hand frei, würde man auch dem Gegenüber noch den Mund zuhalten. Situation unter Kontrolle, alle Gefahren gebannt. Whataboutism ist die Vorstufe zum Redeverbot. Dem Schweige-Fuchs. Dem Ruhe-Waggon im ICE. Aber eben nur die Vorstufe – deshalb merkt man in erster Instanz gar nicht, dass einem gerade über den Mund gefahren wurde. Irgendwie wurde ja doch nur zu einer Diskussion angeregt – oder?

 

Lass uns mal wann anders drüber reden.

 

Seinen Ursprung fand der Whataboutism während des Kalten Krieges – bis heute eine beliebte Taktik: Auf aktuelle Menschenrechtsverletzungen angesprochen, reagiert Russland mit einem trockenen „What about Guantanamo?“ Und schon fragen sich Hans Gruber und Shannon Kramer aus Hinterdupfing: „Ja, was ist eigentlich mit Guantanamo?“ Thema vom Tisch. Gut, dass wir darüber geredet haben.

Nicht nur im Erwachsenenleben, das ja allgemein ein großer Struggle sein kann, lassen sich Beispiele des Whataboutisms finden. Auch im Sandkasten und auf dem Pausenhof der örtlichen Grundschule kann man nicht selten Argumentationstrategien hören, die gar nicht mal so weit davon entfernt sind: Ich hab zwar gerade dein Wurstbrot gegessen – du hast aber gestern mein Federmäppchen auf den Boden geschmissen. Gar nicht so weit von „Wie du mir, so ich dir.“ und das ist bekanntlich sowas von unter unserem Niveau.

Whataboutism ist also uncool und sicherlich die schwächste Art eine Diskussion führen. Ein Ausweichmanöver im Schlafrock. Ein Rückzieher inkognito: Das Problem ist also eigentlich, dass diese Rückzieher zu häufig in undurchschaubar sind. So weit weg vom eigentlichen Thema sind die Einwürfe ja oft nicht.

Eine Frage, die sich aufdrängt: Wieso das plötzliche Comeback dieser unschönen Art? Hatten wir das nach dem Kalten Krieg nicht irgendwie entsorgt, recycelt und nachhaltig in Form von Ehrlichkeit, aktiver politischer Diskussion und Mitsprache angebaut. Da ist uns wohl was eingegangen. Aber was ist eigentlich mit Guantanamo?

 

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Bildquelle: Tim Gouw / Unsplash.com

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