Das Virus erinnert mich an meine Privilegien

Meinung

Mehrere Hundert Millionen Menschen weltweit sind von Ausgangsbeschränkungen, Social Distancing und den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise betroffen. In Deutschland wird viel über die Maßnahmen diskutiert – sind diese Entscheidungen überhaupt demokratisch gefallen? Eine berechtigte Frage und eine wichtige Diskussion. Kritisch sein darf in Krisenzeiten nicht aufgegeben werden, so der österreichische Journalist Armin Wolf in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Und, um kritisch zu bleiben, hilft ein Blick in andere Länder. Und dieser verrät uns: Viele Menschen (auch in Europa) haben nicht einmal die Freiheit, kritische Meinungen frei zu äußern. Auch in diesen Zeiten sollte uns bewusst werden: Wir haben Glück und sind (doch) privilegiert.

Ich und meine Privilegien
Nun kann ich nicht für die ganze Welt sprechen und schon gar nicht für alle Menschen in Deutschland. Deshalb spreche ich für mich: Die Corona-Krise zeigt mir meine Privilegien. Ich kann ohne Probleme daheim bleiben und arbeiten. Ich habe ein Schlafzimmer nur für mich, eine Internetverbindung und genug (frisches) Essen im Kühlschrank. Und während ich Experten- und Journalistengesprächen ein kritisches Ohr schenke, schreibe ich mit meinen Freunden und Freundinnen. Wir sind traurig, weil es in nächster Zeit keine großen Veranstaltungen geben wird.

Die anderen
Der Fernseher zeigt Bilder aus Indien, wo tausende Tagelöhner zu Fuß aus den zu teuer gewordenen Städten flüchten. Oder Nachrichten aus Guayaquil in Ecuador, wo das System so überlastet ist, dass die Leichen der zu Hause Verstorbenen tagelang auf den Straßen liegen, bis sie abgeholt werden. Aus Südafrika, wo die Gesundheitsdienste auf das Essentielle beschränkt worden sind. Problematisch, so schreibt auch The Conversation, denn in einigen Provinzen fallen zum Beispiel Masern-Impfungen aus dem „essentiellen Rahmen“ raus. Dabei steht Südafrika mitten im Prozess der Masern-Immunisierung. Experten befürchten, die Krankheit könnte sich dadurch bei Kindern wieder breit machen. Die Couch im Wohnzimmer wird plötzlich unbequemer.

Je ärmer, desto angreifbarer – dem Virus sind Einkommen und Staatsbürgeschaft egal
Und während ich ein Bananenbrot backe oder auf meinem Balkon Erdbeeren mit Sahne esse, sitzen auf der griechischen Insel Lesbos (in Europa!) tausende Geflüchtete Menschen im überfüllten Flüchtlings-Camp Moria fest. Tausende andere auf den Nachbar-Inseln Samos, Leros, Chios und Kos. Der Guardian schreibt, die Kapazitäten der Einrichtungen seien um ein sechsfaches überschritten. Menschen dort hätten kein warmes Wasser und müssten dicht aneinandergedrängt leben. Da geht halt kein Social Distancing. Der Aufschrei von Menschenrechts- und Hilfsorganisationen ist laut und doch gibt es für sie wenig Solidarität. Und ich rege mich auf, dass meine Hände noch trocken sind, trotz überdurchschnittlich fleißigem Schmieren von „konzentrierten“ Handcremes.

Das Virus trifft arme Länder hart, aber es macht auch die soziale Spaltung in den reichen Ländern stärker sichtbar. Hierfür wohl das tragischste Beispiel: Die USA. Ein Aspekt, der dort wenig diskutiert wird, ist die Auswirkung der Corona-Krise auf die sozial und finanziell schwächere Black Community. Charles M. Blow, New York Times, kommentiert das Privileg des Social Distancing so: „Das Virus verhält sich wie andere Viren, rauscht wie eine wärme-suchende Rakete auf die Schwächsten der Gesellschaft zu. Und das passiert nicht, weil das Virus sie bevorzugt, sondern weil sie ausgesetzter, zerbrechlicher und kränker sind.“

Sind wir uns denn wirklich bewusst, was für ein Glück wir haben? Wohlgemerkt, dass es sich hier um keine Unterstellung handelt, sondern vielmehr um eine neue Fragestellung, die ebenso selbstkritisch betrachtet werden sollte. Denn, vergleichsweise geht es uns auf unseren Balkons doch gut.

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Beitragsbild: Unsplash unter CC0 Lizenz

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