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Datinghölle Berlin: „Wir könnten ja mal auf ’ne Sexparty gehen!“

Berlin: hier gibt es noch mehr Tinder-Accounts als Startups und Vintageläden, denn monogame Liebe ist schließlich langweilig. Warum es in Berlin so schwer ist, ein normales Date zu erwischen.

Von Tabea Simon

Vor zwei Jahren habe ich die Stadt verlassen, unter anderem, weil es niemanden gab, der mich davon abgehalten hätte. Nun bin ich mehr oder weniger freiwillig zurück und sehe mich mit den gleichen Problemen konfrontiert wie vor meiner Abreise. Während ich jetzt noch mehr als zuvor auf der Suche nach was Ernsterem oder zumindest einem Date vor Mitternacht bin, scheint sich die Datingwelt in Berlin nicht sehr verändert zu haben.

 

Nächtliche Poesie – U up?

 

Mittwoch morgen, 8 Uhr in Berlin. Während ich meinen Kaffee schlürfe, checke wie ein guter Millennial, welche News das Smartphone zu bieten hat. Auf dem Screen begrüßt mich eine um 1:32 verschickte Nachricht. Ein alter Bekannter. Seitdem er herausgefunden hat, dass ich wieder in der Stadt bin, ist er überzeugt davon, unsere morgenstündlichen Rendezvous wieder aufleben zu lassen. Dass wir uns seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen haben, scheint ihn davon nicht abzuhalten. Da man mich mittlerweile nicht mehr mit einem „U up?“ verzaubern kann, ich aber trotzdem ein Date brauche, schlage ich einen Spaziergang am nächsten Tag vor. Er antwortet, dass er viel lieber einen Film bei sich gucken würde. Ich vergesse zu antworten, für Netflix und Chill gibt’s ja schließlich Tinder.

Trotzdem weiß ich, dass ich in irgendeiner langweiligen oder alkoholreichen Nacht wohl doch auf das Angebot zurückkommen werde. Die Gewissheit, immer einen Bootycall parat zu haben, macht es schwierig, tatsächlich nach etwas Ernstem zu suchen und sich mal wirklich auf jemanden einzulassen. Die sexuelle Frustration und Einsamkeit ist einfach nie groß genug. Durch ein paar halbherzige Whatsapp-Zeilen an den Bekannten X oder Y kann beides schnell gelindert werden. Was bei diesen Beziehungen immer fehlen wird, ist ein wirkliches Interesse an der anderen Person. Eines Abend treffe ich mich mit Etienne, wir haben uns vor fünf Jahren ganz romantisch im Club kennen gelernt. Wir haben „Fun“ und während wir im Bett liegen und reden, fragt er, was wir denn nächstes Mal machen sollen. Ich bin verwirrt. Seit wann will er denn auf normale Dates mit mir gehen? Generell wäre ich aber nicht abgeneigt, also denke ich kurz über die Frage nach: Kino, was Trinken gehen, vielleicht könnte man zusammen auf ein Konzert? Doch dann antwortet er für mich: „Wir können ja mal auf ’ne Sexparty gehen, Kitkat oder so!“ Für eine Sekunde hatte ich vergessen, dass ich in Berlin bin. Seine Worte bringen mich wieder zurück in die Realität.

Und doch ist kurzfristige Zuneigung in dieser Stadt so leicht zu haben, dass die Vorstellung, auf richtige Dates mit neuen Leuten zu gehen, sehr anstrengend erscheint. Und so wird man in Berlin langsam aber sicher zu faul und feige für die Liebe.

 

100 mal geswiped, 100 mal ist nichts passiert

 

Jedes Mal, wenn ich doch verzweifelt genug bin, um neuen Männern eine Chance zu geben, wird mein Tinder-Account trotz vollem Handyspeicher reaktiviert. Für Stunden swipe ich mich durch Bilder aus Thailand, dem Fitnesstudio und Schlafzimmern. Ab und zu kommt es zum magischen „It’s a match“ Moment, der meistens zugleich der Beginn und das Ende der neuen Bekanntschaft ist. Der Überfluss an Möglichkeiten nimmt einem die Entscheidungsfähigkeit. Vielleicht finde ich noch jemand Interessanteren, wenn ich weiterswipe? Die Matches-Liste ist prall gefüllt, aber wie soll man jemanden beim Chatten kennenlernen, wenn man keinen wirklichen Ansatzpunkt hat und das, was man offline als Vibe spürt, online nicht verfügbar ist? Findet man das Gegenüber langweilig, kann man sofort zur nächsten Unterhaltung weiterziehen. Das hat seine Vorteile, doch so kommt man meist nicht über ein paar Zeilen hinaus. Wenn es doch mal zu einer digitalen Unterhaltung kommt, enden meine Chats öfter in einer Diskussion als mit einem Date.

 

Zeit gegen Sex

 

Bevor sie ihre wertvolle Zeit mit mir verschwenden, scheinen die gematchten Typen eine schriftliche Bestätigung davon zu benötigen, dass es bei dem Treffen “zum Abschluss“ kommen wird. Gerade wenn man denkt, einen halbwegs vernünftigen Kerl gefunden zu haben, kommen Sprüche wie: „Dir ist schon klar, worauf das hinausläuft? ;)“. Was ist aus „erstmal was trinken gehen und gucken, ob es überhaupt passt“ geworden? Wie soll ich aufgrund von ein paar Bildern entscheiden können, ob ich dich geil finde? Und was, wenn mich in der Wohnung des vermeintlichen süßen Kerls ein Massenmörder erwartet? Ein Bier an einem öffentlichen Ort sollte ja wohl drin sein!

Nachdem ich meine Meinung zu dem Thema erörtert habe, folgt eigentlich immer die gleiche Rechtfertigung: „Ich will doch nur ehrlich sein..“. In Berlin scheinen Ehrlichkeit und Respektlosigkeit das Gleiche geworden zu sein. Bin ich prüde, nur weil ich nicht sofort zu einem Fremden nach Hause fahre und mit ihm Sex habe, obwohl ich schon an der Eingangstür merke, dass ich es eigentlich doch nicht will? Dabei habe ich an sich nichts gegen casual sex, hätten die Tinder-Typen mich auf ein normales Date getroffen, wäre vielleicht was gelaufen. Ich hatte schon tolle Abende mit Tinder Typen aber das lag auch daran, dass es keinen Druck gab, eine Erwartung zu erfüllen. Manchmal lief was, andere Male hat man sich an der Bushaltestelle mit einer Umarmung verabschiedet. Und das ist OK. Manchmal hilft ein nettes Gespräch mehr gegen die großstädtische Einsamkeit als Sex mit jemanden, der schon vor dem Treffen das Taxi für deine Heimfahrt bestellt.

 

Der Spielplatz Berlin

 


Sex
, Drugs und Techno. Nach einer Kindheit auf dem Dorf und einem Studium in einer mittelgroßen Stadt, in der man als Vegetarier schon als alternativ gilt, zieht es viele in die Hauptstadt. Hier kann man endlich sein, wer man schon immer sein wollte! Sei es ein Hipster im Pennerlook, der auf Bartoiletten kokst und sonst nur Smoothies zu sich nimmt, sei es DJ oder der CEO von einem Startup, das niemand braucht. Die Leute kommen aus vielen Gründen nach Berlin. Aber garantiert nicht, um hier die große Liebe zu finden und sesshaft zu werden.

Viel lieber gehen sie ein paar Jahre der Selbstverwirklichung nach, bis sie irgendwann feststellen, dass es doch mehr zur Erfüllung braucht als Drogen und das spärliche Startupgehalt. Dann zieht es sie zurück in die Walachei. Hat man während ihres Aufenthalts in Berlin doch mal die Ehre, sie zu daten, ist man nach ein paar Wochen erschöpft. Zwar lerne ich plötzlich Orte der Stadt kennen, die ich als experimentierunfreudige Berlinerin bisher übersehen habe. Doch manchmal will ich am Freitagabend einfach nur gammeln und nicht auf diese eine geile Rooftop-Party gehen. Obwohl ich ab und zu Gras rauche (das kriegt man hier auch hinterhergeworfen), stehe ich dem Drogenkonsum kritisch gegenüber. Ich habe keine Lust, mir jedes Wochenende Pillen einzuwerfen, um eine gute Zeit zu haben. Ich will kein Arschloch auf Koks sein. Statt im Berghain verbringe ich meine Sonntage lieber draußen mit Freunden oder mit meinem Hund. Für eine monogame Beziehung sind diese hippen Menschen meist eh nicht zu haben. Sie wollen schließlich alles erleben und ihre Liebe nicht auf eine Person beschränken. Und so wird es auch mit den Zugezogenen nichts.

 

Peter Pan will nicht erwachsen werden!

 

Die, die zurückbleiben, leben als auf die 40 zugehender Peter Pan von Tag zu Tag und vom Bier zur nächsten Line. Auch mit 38 fühlen sie sich noch nicht bereit für was Festes, dafür müssten sie ja ihre wertvolle Freiheit aufgeben! Manchmal schlagen mir Freunde vor, mich mit einem solchen Bekannten zu verkuppeln. Wenn ich dann meine Zweifel äußere, kontern sie, dass ich ihn ja ändern und vom Beziehungsglück überzeugen könnte. Danke, aber nein danke. Selbst auf die 30 zugehend, habe ich keine Lust, mich mit der gleichen Art von Typen herumzuschlagen, die ich mit 21 gedatet habe. Irgendwann verlieren die Kerle, die mit Lederjacke und mürrischem Blick jeden Donnerstag in der gleichen Bar abhängen, halt ihren Appeal.

 

Die Flucht als letzte Hoffnung

 

Nach fast einem Jahr zurück in Berlin habe ich schon wieder Lust zu gehen. Selbst meine Eltern haben mir schon nahegelegt, in eine kleinere Stadt zu ziehen. Dort wäre es schließlich einfacher, einen Freund zu finden. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht bin aber auch ich das Problem. Obwohl meine Bekanntschaften in zwei Jahren Ausland öfter in Richtung Beziehung zugingen als in fünf Jahren Berlin. Kann es sein, dass Berlin und ich einfach kein Match sind?

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